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Kino


Monotone (Kriegs-)Melancholie


Anina Valle Thiele


„Dieser Krieg macht uns alle zu Insekten“, heißt es in einem Brief des Militärarztes Antonio an seine Geliebte. Cartas da guerra, basierend auf dem Roman Leben, auf Papier beschrieben. Briefe aus dem Krieg von António Lobo Antunes, dokumentiert in Schwarzweiß-Impressionen die quälende tropische Hitze, die Guerillakämpfe und den Stumpfsinn der letzten Phase des portugiesischen Kolo-
nialkriegs in Angola, den Lobo Antunes – selbst 
27 Monate lang als Militärarzt dort stationiert – am eigenen Leib erlebt hat. 


Erst in den 1970-er Jahren entließ Portugal seine Kolonien, darunter neben Guinea-Bissau und Mosambik auch Angola, in die Unabhängigkeit. Ein bis heute kaum aufgearbeitetes Kapitel der nicht so fernen Geschichte Portugals. Dessen faschistoide Diktatur stemmte sich mit allen Mitteln gegen die drohende Unabhängigkeit der afrikanischen Kolonien. – Ein letztlich vergeblicher Kampf, der dank der Nelkenrevolution 1974 ein Ende fand.


Cartas da Guerra folgt dem Anfang der Siebziger in Angola stationierten Militärarzt Antonio (Miguel Nunes), der sich eher als verkannter Schriftsteller begreift und in der tropischen Hitze fiebrige Liebesbriefe an seine Frau schreibt. Es sind schwermütige Botschaften aus der tropischen Hölle des Krieges an die unwirkliche Heimat, die der Arzt seiner schwangeren Frau in die scheinbare Normalität nach Lissabon schickt. Aus dem Off werden sie zu den Szenen in weich klingendem Portugiesisch verlesen. 


Die raunenden, Nähe suchenden Worte legen sich über die etwas diffus angeordneten, fast poetisch-friedlich anmutenden Schwarzweiß-Aufnahmen von Schützengräben, Erschießungen, explodierenden Landminen, veralteten Kriegsgeräten, Schachpartien zwischen den Kameraden ... Surrende Töne begleiten den dialogarmen Film von Ivo M. Ferreira, und sei es, dass ein altes Radiogerät knattert. Etwas erinnert der (Anti-)Kriegsfilm somit an Terrence Malicks The Thin Red Line (1998), in dem die Bilder vom Krieg jedoch eindrucksvoll mit der Schönheit der Natur kontrastieren. Cartas da Guerra wirkt durch die schwermütigen Briefe und die ewig gleichen Einstellungen deutlich monotoner. Abgesehen vom Militärarzt Antonio bleiben die Figuren des Films zudem seltsam schematisch, speziell die Angolaner bekommen kein Gesicht – sie sind eben „die Schwarzen“. Allein ein einzelner portugiesischer Soldat, dem Desertieren nahe, wird eine zwischenmenschliche Komponente in den ansonsten surreal flimmernden Film bringen; er wird den Militärarzt aufsuchen und ihn anflehen, eine schwere Krankheit zu diagnostizieren, um ihn zurück nach Hause schicken zu können. Heraus aus der Insektenplage.


So erschöpft sich der Film in seinen zwei Stunden Laufzeit in melancholischer Sehnsuchtsprosa, die nicht fesselt und kaum berührt. Die Bilder aus Angola sind eintönig, sie durchbrechen das koloniale Schema des exotisch-lethargisch Anderen nicht. Was zurückbleibt, sind eher ermüdende Schwarzweiß-Impressionen des zermürbenden Kolonialkriegs, die durch die sanft vorgetragenen Liebesgedichte fast verharmlost wirken. Die Liebeshymnen an die ersehnte Frau sind in ihrer larmoyanten Selbstbezogenheit irgendwann nervend. So weicht die empfundene Schwermut schnell dem Überdruss. Mehr Dimensionen oder politisches Statement hätten dem Film gutgetan, zumal Lobo Antunes selbst unter der Salazar-Diktatur als Mitglied der Kommunistischen Partei im Gefängnis saß und seine antikoloniale Haltung sich in der literarischen Vorlage durchaus wiederfindet.

Cartas da guerra erschöpft sich in melancholischer Sehnsuchtsprosa, die nicht fesselt und kaum berührt

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