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Festival Les Émergences 2017


Zwischen Mystik und Moderne


Anina Valle Thiele


Der zeitgenössische Tanz von morgen ist vielschichtig, fantasievoll und mutig. Vier junge Choreografen geben im Rahmen der vierten Auflage von Les Émergences Einblicke in ihre Tanzwelten. Vom 3. bis zum 6. Mai kann man ihre Stücke im Trois C-L in Bonneweg entdecken. Les Émergences sind auf der Suche nach ihrer eigenen künstlerischen Identität und Handschrift, im Rahmen des Festivals und der Workshops kreieren die jungen Tänzer ihr choreografisches Vokabular.


Hinter einer runden Kugel, einem Mondplaneten gleich, sind schemenhaft die Gliedmaßen eines Menschen zu erkennen, der sich langsam regen und zu einem zuckenden, sich windenden Körper wird. Zitternd richtet er sich langsam auf. Die Choreografie Sixfold der Tänzerin Elisabeth Schilling führt den Zuschauer knapp zehn Minuten lang zu den Anfängen der Welt und lässt einen zugleich an die Einschränkungen des menschlichen Körpers denken. Die Imperfektion als Leitmotiv? „Gerade als Tänzer merkt man, dass jeder von uns in irgendeiner Weise eingeschränkt ist. Niemand hat den idealen Körper. Deshalb fühlt jeder einen Defekt“, sagt Schilling, die die Choreografie gemeinsam mit dem österreichischen Bildhauer Alexander Ruth rund um die von ihm geschaffene Skulptur erarbeitet hat. Von Südkorea, wo Schillings Bildhauer wirkt, nahm die Kugel ihren Weg nach Luxemburg. Ausgangspunkt war für die deutsche Tänzerin war keine vorgefertigte Idee, vielmehr habe sie sich hinter der Kugel versteckt und Bilder gesucht, die in Bewegungen übergingen. Die Hoffnung ist, dass Sixfold eigene Assoziationen bei den Zuschauern wecke. Schilling schwärmt vom Trois C-L und den Möglichkeiten, die Les Émergences bietet: die Freiheit in der Gestaltung, zugleich aber den einführenden Charakter des Festivals. Ein einwöchiger Dramaturgen-Workshop war Teil des Programms. Dabei ist speziell der Umgang mit Sprache etwas, was TänzerInnen nicht unbedingt leichtfällt. 


Der Jazz-Tänzer Giovanni Zazzera (2013 Gewinner des Lëtzebuerger Danzpräis) setzt in seiner Choreografie Flowers grow, even in the sand ganz und gar auf die Vorstellungskraft der Zuschauer. Aus dem Nichts schafft er es, sie mit auf eine Reise zu nehmen, in der sich ihnen nach und nach seine Bewegungen erschließen werden. 


Wie findet man zwischen traditionellem Glauben und Enttäuschungen seine eigene Spiritualität? Das ist die zentrale Frage des Belgiers Baptiste Hilbert. In seiner Choreografie With my eyes kann der Zuschauer in die Haut einer Frau schlüpfen, die ihren Weg zur Spiritualität sucht – zwischen starren kollektiven Kultformen und eigener Erfahrung. 


Die Choreografie der irischen Tänzerin Aifric Ni Chaoih setzt hingegen bei einer mythischen Sage an. Ihr Tanzstück Inside, the Wolf ist in Zusammenarbeit mit einer Komponistin entstanden. Das Publikum trifft in dem Tanzstück auf Elba, die eine Reise zu einem weit entfernten Stamm unternimmt und dort Dakash begegnet, der ihr hilft, zu sich selbst zu finden und ihre eigene Kraft zu entwickeln.


Die Tanzkompositionen der vier jungen Choreografen zeugen von der Freude am Ausloten von Grenzen. Das Trois C-L versteht sich als Plattform zur Förderung junger Talente und gibt ihnen Raum, sich zu entfalten. Denn nichts sei schlimmer, als sich allein durchzuschlagen, räumt Bernard Baumgarten, Direktor des Trois C-L, ein. Ihre Kompositionen zeigen, dass der zeitgenössische Tanz von morgen durchaus subversiv ist und ein Gegenpol zu unserer von Zwängen bestimmten Welt. So stellte Raymond Weber, Soziologe und Präsident des Trois C-L, im Rahmen der Pressekonferenz zu Recht die Frage, wieso es gerade in der heutigen von Überwachung bestimmten Zeit nicht noch mehr tänzerische Interventionen im öffentlichen Raum gibt. Eine Vision für morgen? Les Émergences lassen hoffen, dass der zeitgenössische Tanz der aufstrebenden Generation in Luxemburg nicht nur schön anzusehen ist, sondern aufrüttelt.

Nach der Vorpremiere am 19. April im Cerclé Cité werden die Choreografien im Rahmen von Les Émergences vom 3. bis 5. Mai um 20 Uhr sowie am 6. Mai um 17 Uhr und um 20 Uhr im Trois C-L – Centre de création choréographique luxembourgeois gespielt. Mehr Informationen unter www.danse.lu

Les Émergences zeigen: Der zeitgenössische Tanz von morgen ist durchaus subversiv und ein Gegenpol zu unserer von Zwängen bestimmten Welt
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