| Kino
26. Juli 2002
Defilee der
Sehnsüchte
Takashi Miike
sucht die Wahrheit in The Audition in der sadistischen Rache
Jutta Hopfgartner
Takashi
Miike lässt sich Zeit, viel Zeit um sein (Psycho)drama langsam, aber
stetig zum grausamen Showdown zu treiben. Eigentlich ist man ja eher versucht,
Horrorschocker zu sagen, doch dieser Ausdruck wird der Intelligenz des
Streifens nicht gerecht, obwohl die Bilder gegen Ende schon fast unerträglich
werden. Doch bis es so weit ist, erzählt der japanische Regisseur
eine banale Geschichte von der Einsamkeit, der Belanglosigkeit und Leere
des Alltags in übersättigten Industriekulturen, zu denen sein
Land zweifellos gehört. Als europäischer Zuschauer erkennt man
durchaus die resignierten Gesichter gefühlsarmer Seelen wieder, die
auch hier vom Überdruss am Leben zeugen.
Die
japanische Gesellschaft krankt an Sinnlosigkeit - so die Botschaft jenes
Filmemachers, der in den letzten sieben Jahren 40 Produktionen (Kino und
Video) abgeliefert hat. Und an diese Empfindungslosigkeit kann nur der
Schmerz rühren. Auch der körperliche. Das wird auch Aoyama (intensiv
und als Opfer seiner Umstände glaubwürdig) erfahren müssen,
der sich nach langer Witwerzeit dazu entschließt, die Leere, die
in seinem Haus trotz des heranwachsenden Sohns herrscht, mit einer Frau
zu füllen. Es darf jedoch nicht irgendeine Frau sein, sondern eine
mit Stil. Eine, die statt ordinär und auffällig in Bars mit klaffendem
Mund zu lachen, zu Hause zart Piano spielt, um ihrem Mann besinnliche Stunden
zu schenken.
Um
diese eine zu finden, veranstaltet der Fernsehproduzent Aoyama unter tatkräftiger
Mithilfe eines im Filmbusiness arbeitenden Freundes eine "Audition", ein
Vorsprechen für eine fiktive Fernsehproduktion. Ohne sich groß
etwas dabei zu denken, ohne vor allem das Erniedrigende für die potenzielle
Zukünftige darin zu entdecken, die wie bei einer Fleischbeschau mit
Seelenzugabe erwählt wird. Schon der Titel The Audition macht
klar, dass Miike über den Stellenwert der Frau im modernen Japan -
sie hat immer verfügbar zu sein - nachdenkt. Diese Gedanken macht
sich auch Asami (Eihi Shiina - zwischen unschuldig und undurchsichtig,
verwirrt und kalt).
Asami
ist die Auserwählte, der Aoyama sich nur langsam nähert. Er trifft
sie, er ruft sie quälend lange nicht an, damit er sich über alles
Gedanken machen kann. Und er ist dennoch ab dem ersten Blick von der Anmut,
dem Liebreiz und der Zartheit dieser stets in reines Weiß gekleideten
Frau hingerissen. Der Zuschauer nimmt dem einsamen Mann seine Leidenschaft
und seine Verliebtheit zwar völlig ab, doch so ganz teilen kann er
sie nicht. Da lauert etwas in Asamis Augen. Verbirgt sich hinter ihrer
Treuherzigkeit. Hält den Betrachter unberührbar auf misstrauischer
Distanz. Der Zuschauer wird für dieses Misstrauen mit Bestätigung
belohnt. Schon bald häufen sich die Zeichen dafür, dass Asami
eine grausame Frau ist, die sich für das ihr in der Kindheit angetane
Unrecht und Leid an der Männerwelt rächt.
Bis
kurz vor Schluss bleibt Miike in seinem gesellschaftskritischen Ansatz
konsequent - obwohl die mitunter groteske Grausamkeit der Bilder schon
andeutet, dass Asami nicht nur kalt und herzlos Rache nehmen will. Doch
dann - beim Foltertrip der letzten 20 Minuten - kippt der Film, will der
Regisseur einfach zu viel. Will verbinden, was nicht zu verbinden ist.
Die unberührt Berechnende mischt sich mit dem in tiefster Seele verletzten
Kind, das eine wahnwitzige Philosophie des körperlichen Leidens entwickelt
hat. Nur im Schmerz erfährt man sich wirklich. Er ist also der völligen
Abwesenheit von Empfindung vorziehen.
Die
Qualen, die Aoyama erleben und der Zuschauer erdulden muss, werden dann
noch auf eine absurde, in ihrer Übertriebenheit fast clowneske Albtraumebene
gehoben. Das wäre durchaus schlüssig gewesen, hätte Miike
es beim Erwachen aus dem Albtraum bewenden lassen. Aber leider hat er das
nicht getan. So bleibt man am Ende etwas verloren in dem Bewusstsein zurück,
einen klug durchdachten Film gesehen zu haben, der subtil Be-klemmung erzeugt,
sich am Ende jedoch durch seine Unschlüssigkeit selbst zerstört.
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