Kino

18. Januar 2002
Keep rolling

Wang Xiaoshuais  Beijing Bicycle entdeckt das moderne Leben der Großstadt
 

Jutta Hopfgartner

Das Fahrrad ist in der recht modernen Großstadt Beijing das Hauptverkehrsmittel. Dort hat der etwas unbedarfte, aber doch erfolgswillige Guei (Cui Lin) einen scheinbar lukrativen Job aufgetan. Der Junge vom Land ist als Fahrradbote eingestellt worden; zu Konditionen, die uns Abendländer den Kopf schütteln lassen. Bis Guei das technisch recht gut ausgestattete Rad abbezahlt hat, muss er 80 Prozent seines Tageslohns abliefern. Danach fährt er auf eigene Rechnung: Er wird dann 50 Prozent der Tageseinkünfte behalten dürfen.
An dem Tag, an dem nach etwas mehr als einem Monat die letzte Rate fällig ist und das Rad also endlich in Gueis Besitz wechseln soll, wird es ihm gestohlen - von Jian (Li Bin) einem schnöseligen Gymnasiasten, dessen Vater ihm den Kauf eines neuen Rades zwar schon lange versprochen, ihn jedoch immer wieder hinausgezögert hat. Auch für Jians soziales Ansehen ist das Fahrrad unerlässlich: Es dient der Möchtegern-Haute-Volée als Protzmittel. Bei Freunden und den Mädchen genießt umso höheres Ansehen, wer die Kunststückchen, die mit so ei-nem Vehikel möglich sind, am besten beherrscht.
Guei erreicht bei seinem Auftraggeber, dass er wieder arbeiten darf, sobald er das Fahrrad wieder hat. Keiner glaubt daran, doch Guei findet das Rad, stiehlt es sich zurück.  Gymnasiast Jian versteift sich gegenüber seinen Freunden darauf, dass er das Rad rechtmäßig erworben habe. Die Clique holt sich das begehrte Stück zurück, Guei wehrt sich, bis man zu einem Kompromiss kommt, der zwar nicht gerecht, jedoch lebbar ist.
Beijing Bicycle erzählt aber mehr als nur das Gerangel um Besitzverhältnisse. Es geht um den unentrinnbaren Sog der (chinesischen) Großstadt. Um die alltägliche Schlacht im Fahrradschungel, die prekäre Lage der unqualifizierten Arbeitnehmer. Um die Zwänge zum Mithalten, denen jene ausgesetzt sind, die in die gehobenere Mittelschicht vordringen möchten. Um die Außenseiterstellung derer, die vom Land kommen. Altüberlieferte Klassengrenzen beherrschen noch heute, nach Jahrzehnten der klassenlosen Gesellschaft à la Mao und Konsorten, die Menschen im immer noch roten China, das sich in erster Linie wirtschaftlich den westlichen Einflüssen geöffnet hat. Aber nicht nur: Jugendgangs tauchen auf, die in der Wahl der Mittel zur Verteidigung ihrer eingeschworenen Gemeinschaft - ein Hauch von "Eastside Story" durchweht das Kino - durchaus nicht zimperlich sind. Bei der Jugend im Osten also nichts Neues.
Der Film überzeugt nur langsam. Längen, träge Monotonie, der schleppende Tonfall der Akteure, der nur in kurzen dramatischen Momenten brüsk an Leben gewinnt; all das trägt dazu bei, dass man sich im ersten Drittel innerlich auf einen Kinomarathon einstellt. Die Finesse des Films erschließt sich nur zö-gernd und nur in dem Maße, in dem man gewillt ist, sich auf den speziellen Stil einzulassen. Wang Xiao-shuai nimmt sich Zeit, seine Geschichte zu erzählen. So zu erzählen, dass er alle Nuancen vermittelt. Die Umstände spielen eine Rolle: die alltägliche Unausweichlichkeit des Lebens zwingt die Geschichte voran. In einer Aneinanderreihung von statischen Bildern - Standbilder eher, die als Momentaufnahmen alle bestimmenden Faktoren unterschwellig mitliefern - werden dem Zu-schauer die der Stadt Beijing innewohnenden Kräfte behutsam nahegebracht. Jedes Bild ist eine genaue Studie, gibt wie ein Gemälde in einer zweiten Ebene mehr als das rein Sichtbare preis.