| Kino
28.
April 2006
Der
etwas andere Banküberfall
Raffiniert
verbindet Spike Lees Inside Man
hohes Entertainement mit ironischer Machtkritik
Jutta
Hopfgartner
Clive Owen klärt uns über das Wer-wie-wann-wo auf
– sein ernstes Gesicht in Nahaufnahme. Über das Was und das Warum
hüllt er sich noch in Schweigen. Da soll der Zuschauer in
spannenden und amüsanten 120 Minuten selbst draufkommen. Diese
erste Einstellung erinnert stark an Jonny Depps Eingangsstatement in The Libertine – nur dass Owen
keinen solch verkommenen und skrupellosen Lebemann gibt. Er spielt
einen Einbrecher. In Spike Lees Inside
Man trifft es die ehrwürdige renommierte Manhattan Trust
Bank, ein prachtvoller Bau, der in seiner Noblesse Sicherheit und
Seriosität vermittelt.
Was wie ein ganz normaler Krimi beginnt, wenn Owen alias Dalton Russell
mit drei Mitstürmern die Bank besetzt und Geiseln nimmt,
entwickelt sich im Verlauf des Films über die pure Story des
Whodunnit hinaus zu einer höchst unterhaltsamen Studie
verschiedener Charaktere und ihrer Verflechtungen im New Yorker
Machtgefüge.
Denzel Washington als Detective Frazier ist der direkte Gegenspieler
der Banditen. Er ist jedoch nicht aufgrund seiner herausragenden
Fähigkeiten zu diesem Job gekommen, sondern mangels besserer
Alternativen. Der Überfall ist seine große Chance sich vom
Verdacht krimineller Machenschaften reinzuwaschen und seiner Karriere
endlich auf die Sprünge zu helfen. Das ist auch bitter nötig,
denn die schöne Freundin wartet schon seit einer halben
Ewigkeit auf den Heiratsantrag – es fehlen, ach, die Mittel.
Sehr kompetent wirkt er nicht, als er schwungvoll auf den Tatort
stolpert. Einsatzleiter John Darius (William Dafoe) ist auch nicht
gerade begeistert, den Kollegen zu sehen. Mit Recht, denn zumindest in
den Anfangsphasen hat Frazier nicht viel mehr drauf als dumme
Sprüche. Zu Beginn verwirren diese Slapstickdialoge Washingtons.
Als dann die stets höfliche und zuvorkommende Krisenmanagerin
Madeline White (Jodie Foster) die Szene betritt, um im Auftrag des
Bankdirektors Arthur Case (Chrstopher Plummer) eigene Verhandlungen mit
dem Bandenchef aufzunehmen, sieht er vollends alt aus. Und im
Katz-und-Maus-Spiel gibt es nun drei Parteien.
White soll für Case eine Leiche aus seinem Keller bergen und
Papiere retten, die belegen, dass dieser sein Vermögen in jungen
Jahren durch lukrative Geschäfte mit den Nazis und auf Kosten der
Juden erworben hat. Hier hat Spike Lee, bekannt durch seine politische
Arbeit, einen höchst pikanten Seitenhieb eingebaut. Bankdirektor
Case erinnert an den Großvater von Lees Intimfeind George W.
Bush. Der Bush-Opa hat seinen Reichtum mit ähnlichen Mitteln
begründet. Dass die Bank Manhattan Trust Bank heißt, setzt dem
Ganzen die Krone auf. Um Vertrauen geht es auch im Ränkespiel des
politisch-wirtschaftlichen Machtgefüges der Stadt.
Es wird behauptet, Spike Lee hätte mit Inside Man seinen konventionellsten
Film bislang hergestellt. Das kann, muss man aber nicht so sehen. Denn
Spike Lee spielt in seiner Inszenierung mit vielen kleinen Details,
welche die ohnehin fesselnde Geschichte für den Zuschauer nur noch
spannender machen. Da sind, wenn auch wenige, comic-haft gedrehte
Sequenzen. Etwa wenn Denzel Washington mit typischem
Western-Sheriff-Gehabe auf die Bank zuschreitet. Da wirkt er vom
Hintergrund regelrecht losgelöst. Und während zu
pompös-monumentaler Musik (an sich schon ein karikaturales
Statement) die Limousine des Bürgermeisters vorfährt, sind es
Washingtons Beine, die im linken Bildrand dominieren.
Für Rätselraten sorgt auch das Spiel mit den verschiedenen
Zeitebe-
nen, die geschickt ineinander verschränkt sind und sich erst gegen
Ende richtig erschließen. Außerdem ist in diesem
Genre normalerweise klar, wer die Guten und wer die Bösen sind.
Hier wissen es weder die Polizisten (die Geiseln müssen
nämlich die gleiche Vermummung tragen wie die Gangster) noch das
Publikum. Wen das noch nicht genug fesselt, der kann sich auf die Suche
nach den vielen Anspielungen auf Klassiker des Genres
begeben oder sich einfach zurücklehnen und die großartigen
Schau-spieler bewundern.
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