| Kino
9.
Februar 2007
Verunsicherung
Florian
Henckel von Donnersmarck seziert in Das
Leben der Anderen das schleichend wachsende Misstrauen von
Jägern und Gejagten
Jutta
Hopfgartner
Viel zu spät kommt ein Film ins Luxemburger Kino, der
seit rund einem Jahr in Deutschland Triumphe feiert und nun für
den Oscar als bester ausländischer Film nominiert wurde. Aber
besser spät als nie. Das Leben
der Anderen ist ein intensiver Film, der ohne vordergründig
spektakuläre Szenen auskommt. Die Spannung und Brisanz verbirgt
sich in den Blicken, den Dialogen und der zwingenden Kraft der
Machtverhältnisse in einer Diktatur. Ja, auch dieser Film rollt
ein Stück jüngster deutscher Geschichte auf. Er führt
uns ins Jahr 1984, in eine Zeit, als es für eine kurze Zeit noch,
zwei Deutschland gab.
Die DDR war kein fröhlicher Ort. Jetzt, rund 17 Jahre nach dem
Mauerfall kann man das auch mit großem Kino zeigen. Vorher musste
man der Misere wohl noch mit Humor begegnen, wie in Leander
Haußmanns Sonnenallee
oder Wolfgang Beckers Good Bye,
Lenin!. In Das Leben der
Anderen ist alles grau und karg und bedrückend. Die
Straßen, die Menschen, die Büros und Gänge des
Stasibunkers Hohenschönhausen. Sogar Orte oder Momente der
Fröhlichkeit sind meist von kurzer Dauer und leicht getrübt.
Die Kneipe mit dem Linoleumboden, den nackten Holzmöbeln und den
drei freudlosen Gestalten bietet keinen Raum für ein Lachen, eine
Party im Künstlermilieu wird unterlegt durch leise
Verdächtigungen – wer ist hier ein Spitzel, wer konnte sich der
Kollaboration als IM (inoffizieller Mitarbeiter) der Stasi entziehen.
Ständig sitzt einem die Angst im Nacken. Auch das war
DDR-Realität und die wird schonungslos gezeigt.
Der Dramatiker Georg Dreymann (Sebastian Koch) und die gefeierte
Schauspielerin Christa Maria Sieland (Martina Gedeck) sind ein Paar.
Voller Harmonie und Leidenschaft. Das jedoch stört den dicken
schleimigen Kulturminister Hempf (Thomas Thieme), der selbst zumindest
erotischen Anspruch auf die schöne Frau erhebt und seinen
Nebenbuhler, den legitimen Partner, aushebeln will. Also setzt er die
Stasi auf ihn an. Er kontaktiert den karrieresüchtigen und
skrupellosen Oberstleutnant Grubitz (Ulrich Tukur), der wiederum seinen
besten Mann, den Hauptmann Wiesler (Ulrich Mühe) mit der
Totalüberwachung beauftragt. Lange Zeit lässt sich so gar
nichts gegen den Schriftsteller finden, bis ein befreundeter Regisseur,
der mit Berufsverbot belegt ist, Selbstmord begeht. Dieser Freitod ist
ein Wendepunkt – für den Schriftsteller, aber auch für den
Stasi-Offizier Wiesler.
In Das Leben der Anderen
kommt der Schrecken auf leisen Sohlen daher. Stetig wird das Publikum
in eine schleichende Verunsicherung hineingezogen. Und dies auf drei
Ebenen. Zwei können wir mit Abstand beobachten. Die des
Stasi-Manns Wiesler, der durch die einseitige Intimität mit dem
überwachten Künstlerpaar immer mehr an der Legitimität
seines Tuns zweifelt, sehen wir eben-
so zu wie jener Verunsicherung, die in Georg Dreymann zu wachsen
beginnt. Mehr und mehr ist er überzeugt, dass man Position
beziehen muss, und sich auf Dauer nicht am Konflikt vorbei lavieren
kann.
Die dritte Verunsicherung betrifft jedeoch den Zuschauer. Da entdeckt
Dreymann, dass seine Freundin eine Zweckaffäre mit dem
Kulturminister unterhält. Er weiß, dass sie das nur tut, um
ihre Karriere nicht zu gefährden. Was wäre
schließlich eine Schauspielerin ohne Bühne? Als Christa zu
einem Treffen mit dem Minister aufbrechen will, fleht er sie an, nicht
zu gehen. Diktaturunerfahren fleht man in seinem Kinosessel mit,
verlangt innerlich nach dem Hehren und Guten. Und freut sich, dass sie
auf halbem Weg umkehrt, wenn auch mit einem mulmigen Gefühl.
Später wird man die fatalen Konsequenzen dieser Entscheidung
vorgeführt bekommen und sich seiner eigenen Überzeugung gar
nicht mehr so sicher sein.
Florian Henckel von Donnersmarck vermag es, uns in die quälenden
Konflikte dieser Zeit zu versetzen. Er hat ein kluges Drehbuch
geschrieben, filmte mit Originalrequisiten und an
Originalschauplätzen und arbeitete mit Schauspielern, die ihr
Handwerk perfekt beherrschen. In diesen Gesichtern spiegelt sich in
feinsten Zügen das Drama der jeweils dargestellten Existenz.
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