Kino

21. Mai 2004
Mit Helm, Biss und Sandalen

Wolfgang Petersens antike Heldengeschichte Troy bietet viel Sand um Nichts
 

Jutta Hopfgartner

Es ist - zumindest in meinem Fall - immer ein schlechtes Zeichen, wenn der Titel einer Filmkritik vor der eigentlichen Rezension auf dem Papier, pardon: auf dem Computerschirm steht. Dann nämlich ist die Reflexion über den Film schon abgeschlossen, bevor man sie eigentlich beginnt.

Nun, bei Troy ist genau das der Fall. Den 15 Minuten Nachdenken, die ich an den Film bei der Heimfahrt im Auto verschwendet habe, sind keine weiteren gefolgt, so sehr ich mich auch bemüht habe. Troy ist einfach nur flach. Da nützen auch die netten Nachbauten des alten Troja, die schönen Kostüme, die viel Männerhaut zeigen (Brad Pitts Haut wird sogar ohne Kostüm feilgeboten), die in übertrieben gepflegtem britischen Englisch - antik halt - ge-tragenen Worte und die digitalen Effekte, die die 1 000 Galeeren und 50 000 Griechenkrieger erst auf die Leinwand zaubern, nichts. Wobei man etwas abgebrüht bemerken muss: Die Kampfszenen kommen mit wohltuend wenig Blut aus.

Nur kurz worum es geht - die Geschichte ist seit Menschengedenken bekannt, hat sie doch der erste Dichterfürst des Abendlands, der griechische Poet Homer in seiner Ilias für die Nachwelt notiert. Der junge und schöne Trojanerprinz Paris (bildhübsch Orlando Bloom) verliebt sich während der Friedensverhandlungen zwischen Griechenland und Troja in die schöne Helena (die deutsche "Schönheit" Diane Kruger) und nimmt sie mit nach Hause. Helena ist die Frau des alten, grauslichen, geilen Menelaos (Brendan Gleeson) und Schwägerin seines machthungrigen Bruders König Agamemnon (Brian Cox als Ekelpaket). Als Menelaos seinen Bruder um Hilfe bittet, sie zurückzuholen, kommt dem das grad zupass. Mit dem Frieden ist er ohnehin nicht glücklich, hat er doch gerade alle anderen Griechenkönige unterworfen und sein Land vereint. Da will er, der visionäre Weltpolitiker, doch nicht auf das blühende Troja verzichten.

Eine kleine Klammer. Wolfgang Petersen sieht hier eine Parallele zum Irakkrieg. Die Begründung klingt etwa so: Helena dient nur als Kriegsvorwand, so wie die nicht existierenden Massenvernichtungswaffen des Saddam Hussein. Etwas naiv, nein? Klammer zu.

Agamenon trommelt seine Truppen zusammen. Sogar sein Feind Achilles (Brad Pitt, kampfentschlossen und selbstgefällig) hilft, zieht mit einer Riesenflotte in den bis dahin größten Krieg und gewinnt ihn schließlich durch Odysseus' List mit dem Pferd.
Ein Kritiker hat geschrieben, in diesem Film gehe es um Liebe: Prinz Paris liebt die schöne Helena, sein Vater Priamos liebt seinen Sohn und Troja etc. ... Obwohl als Gedanke verführerisch, kann ich mich dieser Interpretation nicht anschließen. In dieser Produktion geht es um Ruhm. Weniger um Heldenruhm, als um Kriegergedenken. Um sonst eigentlich nichts. Hier ein bisschen Liebe, dort ein bisschen Machtstreben; hier die Edlen (Trojaner) dort die Bösen (Griechen). Dazwischen ein Schuss Rivalität - zwischen Achilles (Brad Pitt in all seiner glänzenden Männerpracht - naja, fast. In den Sexszenen sieht man dann doch nur sein Hinterteil) und dem Griechenkönig Agamemnon (wild und barbarisch wie ein alternder Fußballrowdy Brian Cox). Wie zur Bestätigung des Ganzen läuft dann als Untermalung zum Abspann ein pompöser Song mit dem Titel Remember Me. Wenn das nicht ein Wink mit dem Zaunpfahl ist.

Und damit es alle von Anfang an verstehen, kommt zu Beginn eine Stimme aus dem Off, die genau dieses Motto vorgibt. Für jene, die es dann noch nicht kapiert haben, inszeniert Petersen noch eine Szene zwischen Achilles und seiner Mutter (Julie Christie), in der sie den ganzen Schmuh nochmals pathetisch vorträgt. Ihr Sohn ist zu Höherem geboren als zu einem langen friedlichen Leben mit Frau und Kind und Enkelkindern, die ihn irgendwann vergessen werden - er ist zum Nachruhm erwählt.

Es ist schon beeindruckend, wie wenig Urteilsvermögen Petersen seinem Publikum zutraut. Die Guten,  die Trojaner - neben dem Muttersöhnchen Paris noch sein erwachsenr Bruder Hektor (Eric Bana) und König Priamos (leicht alterswahnsinnig Peter O'Toole) - sind alle schön und gepflegt und schweben durch den Film, als hätten sie einen Heiligenschein auf. Die Schlechten, also fast alle Griechen außer Odysseus (Sean Bean) und natürlich dem Götterkind Achilles, sind brutale alte Kämpfer durch und durch. Abgefeimt und ohne Skrupel. Zu blöd nur, dass laut Homer die Griechen gewonnen haben. Da hat er Wolfgang Petersen doch glatt die schöne Moral von der Geschicht' geklaut!