Kino

22. September 2006
Helden sehen anders aus

In World Trade Center beobachtet Oliver Stone ohne zu kommentieren – leider
 

Jutta Hopfgartner

Jetzt haben wir es also – das "allamerican" Heldenepos zum
11. September 2001. Doch handelt es sich bei Oliver Stones World Trade Center tatsächlich um eine Geschichte von Ruhm und Ehre? Nicht wirklich. In einer der raren weni­ger schmeichelhaften US-amerikanischen Kritiken schreibt das Time Magazine, Stone hätte genauso gut die Rettung eines Kätzchens aus dem Brunnen verfilmen können. So ganz unrecht hat es damit nicht. Denn bei der zugegebenermaßen tragischen und mitreißenden Geschichte der beiden Polizisten der New Yorker Port Authority, die 22 Stunden in den Trümmern des World Trade Centers ausharrten und überlebt haben, handelt es sich schlicht um einen Arbeitsunfall.
Klar, die Attacken auf die Zwillingstürme  waren ein erschütterndes Ereignis, das uns von einer relativ heilen in eine bedrohlichere Welt  katapultiert hat. Amerikanische Jugendliche bringen das so zum Ausdruck: Wenn etwas besonders langweilig ist, sagen sie, es wäre "total 10. September". Makaber ja, aber es bringt die Sache auf den Punkt. Oliver Stones Streifen jedoch vermittelt nichts davon. Weder von der inneramerikanischen noch von der weltweiten Tragweite dieses Anschlag.
Es ist und bleibt ein Katastrophenfilm, der mit Gefühlen nicht zu sparen versucht und die viel gepriesenen amerikanischen Tugenden zelebriert. So verwundert es denn auch nicht, dass die US-Kritiken besser ausfallen als die europäischen. Auf dem alten Kontinent hatte man sich  von einem Mann wie Stone, der sonst einen Blick auf die US-Geschichte wirft, der in seiner Kritik weh tut, und nicht müde wird, den Verlust von bürgerlichen Freiheiten in Folge von 9/11 zu beklagen, mehr erwartet.
Er konzentriert sich in seiner durchaus professionell (tolle Bilder, gute Akteure, passende Musik) gemachten Erzählung auf das Schicksal von McLoughlin (Nicolas Cage) und Jimeno (Michael Peña) und deren Familien, die bang auf Nachricht warten, ob ihre Männer überleben oder nicht. Und da man von vornherein weiß, dass die beiden gerettet werden, sieht  man relativ entspannt zu.
Von der Trauer und der Agonie jener viel zahlreicheren Familien, deren Männer im Einsatz tatsächlich gestorben sind, erfährt man nichts – was den Verdacht, Stone wollte ein "Wir-sind-Helden-Movie" machen, nur verstärkt. Bei Paul Greengrass' United 93 über die Geschehnisse im vierten Anschlagsflugzeug ist die Atmosphäre ungleich dichter, obwohl  der Zuschauer auch hier weiß, welches Schicksal die Insassen erwartet. Oliver Stone gelingt es viel weniger, die Ängste und das Entsetzen seiner Protagonisten auf die Leinwand und an den Mann zu bringen.
Stattdessen wissen jene, die sich World Trade Center zu Gemüte führen, jetzt endlich, wie Jesus aussieht. Der Erlöser ist dem durstigen Jimeno nämlich in seinem Überlebenskampf erschienen – mit einer Wasserflasche in der Hand. Und wer wird bezweifeln, dass ein amerikanischer Held in einer solchen Situation den Gottessohn wirklich gesehen hat? Oliver Stone entblödet sich nicht, uns den Heilsbringer in kitschigen Strahlebildern zu zeigen. Wozu, fragt man sich. Um zu zeigen, wie wichtig die „Christianity-values“ sind? Wasser auf den Mühlen der religiös-fanatischen Hetzer?
Vielleicht liegt die Spannungslosigkeit jedoch  auch daran, dass man den Trümmern des WTC anmerkt, dass es sich um gut gebaute Kulissen handelt, in denen die beiden Verschütteten auf Rettung warten. Die kommt dann in Gestalt des Ex-Marines Karnes (Michael Shannon), der kurzerhand seinen einträglichen Finanzjob über Bord und sich selbst in seine alte Uniform wirft, um den Retter zu spielen. Entgegen der
Anweisungen der Sicherheitskräfte spaziert er bei Dunkelheit über die Trümmerfelder, bis er die beiden findet. Gegen Ende darf er stolz in die Kamera sprechen, dass Amerika jetzt gute Männer brauche, die diese Kriegserklärung rächten.
Der Abspann belehrt uns, dass er damit sich selbst meinte, denn er hat zwei Irak-Einsätze mitgemacht. Mit der Heroisierung dieses Mannes sowie den himmlischen Erscheinungen schießt Stone sich dann endgültig in die Kategorie "Kitsch und Pathos hoch x".