| Luxemburgensia
16. November
2000
Von Dudo bis
Henri
Pierre Evens
Systematik der Nassauer in 100 Biographien
Romain Hilgert
Wie
andere Leute Tagfalter des Amazonas oder Nacktsamer des Pazifiks, so sammelt
und katalogisiert Pierre Even Nassauer. Jenes Fürstengeschlecht, dem
der in Wiesbaden lebende Vorsitzende des Luxemburger Freundeskreises Rhein-Main
e.V. etwas Tragisches und damit Edeles abzugewinnen scheint, weil es durch
"permanente Aufsplitterungen" (S. 8) seiner Herrschaftsgebiete nicht die
Bedeutung als europäisches Herrscherhaus erlangt habe, die ihm eigentlich
zustünde.
Tatsächlich
tragen die Nassauer im Jahr 2000 nur noch die Kronen der beiden Kleinstaaten
Niederlande und Luxemburg. Im Vergleich zu mächtigen Dynastien wie
den Bourbonen, Romanows und Mandschu ist das aber kein Grund zum Klagen.
Vielleicht
als sein Lebenswerk veröffentlichte der fleißige Hobbyhistoriker
und Sammler von Nassauer-Devotionalien nun ein drei Kilo schweres, großformatiges
Album mit der Systematik der Nassauer, Dynastie Luxemburg Nassau.
Der reich illustrierte Band besteht aus rund 100 kürzeren oder längeren
Biographien meist ziemlich merkwürdiger Männer und zweier Frauen,
von Seite elf Dudo Graf von Laurenburg (1093 erstmals urkundlich erwähnt)
bis 360 Seiten und 907 Jahre später zur Eidesleistung Großherzog
Henris.
Linné
hätte seine Freude gehabt an der säuberlichen Aufteilung nach
den frühesten Nassauer Grafen, den ersten Walramen, der älteren
Idsteiner Linie, der älteren Weilburger Linie, der jüngeren Idsteiner
Linie, der mittleren Saarbrückener Linie, der Usinger Linie, der jüngeren
Weilburger Linie, dem ersten Ottonen, der älteren Hadamarer Linie,
der älteren Dillenburger Linie, der älteren Beilsteiner Linie,
der Bredaer Linie, der Siegener Linie, der jüngeren Dillenburger Linie,
der jüngeren Hadamarer Linie, der Diezer Linie, den niederländischen
König-Großherzögen und schließlich den Luxemburger
Großherzögen.
Manche
dieser Lebensläufe können als leicht absurde Kuriosa gelesen
werden, bei anderen, insbesondere der letzten Jahrhunderte, gewinnt man
einen interessanten Einblick in das Hofleben und die Sichtweisen der beschriebenen
Fürsten. Die biographische Form führt aber nicht selten zu Wiederholungen
und erschwert das Verständnis historischer Zusammenhänge, die
über den Eindruck hinausgehen, dass die Geschichte noch immer von
großen Männern gemacht werde.
Meist
übernimmt Even ohnehin in einem untertänigst ergebenen Stil den
Standpunkt der von ihm beschrieben Fürsten. So ist ein "gestrenger
Landesherr" (S. 35) jemand, der einen Bauernaufstand niederschlagen lässt,
und auch bei der Rolle des späteren Großherzogs Adolf in der
Revolution von 1848 scheinen Ursache und Wirkung etwas verwechselt. Bei
den Krisen der Luxemburger Monarchie, wie 1890, 1919 oder 1940, lässt
Even es oft an kritischer Distanz zu den Monarchen fehlen. Damit verpasst
er leider die Gelegenheit, aus seinem durchaus reichen Quellenmaterial
eine aufgeklärte Analyse von Perioden der Luxemburger Geschichte zu
versuchen, die noch immer von staatstragenden Mythen verschleiert sind.
Bezeichnenderweise
erlischt Evens Interesse an den Oranien-Nassauern mit dem Tod des niederländischen
König-Großherzogs Wilhelm III. 1890, und er beschränkt
sich dann auf die Luxemburger Großherzöge. Dadurch bekräftigt
er die Darstellung, dass die Luxemburger Dynastie kein vor einem Jahrhundert
in Preußen konstruiertes Retortenbaby ist, sondern bis ins romantische
Dunkel der Zeiten und mindestens auf den mittelalterlichen Dudo zurückgeht.
Vielleicht
verkraftet ein echter Nassauer-Anhänger es nur schwer, dass immer
das nicht-nassauische Geschlecht des Blanne Jang als "eine der ruhmreichsten
und anziehendsten Perioden unsere Landesgeschichte" dargestellt wird, wie
dessen Biograph Johann Schötter 1865 despektierlich dem Nassauer Wilhelm
III. eine Widmung schrieb.
Pierre
Even: Dynastie Luxemburg Nassau. Éditions Schortgen, Luxemburg
2000. 383 Seiten, 3 985 Fr., mit Schuber 5 900 Fr., im Ganzleder 15 000
Fr.
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