| Luxemburgensia
28. Dezember
2001
Fruchtbarkeitsgöttin
und Klenge Kueb
Der Euro beendet
eineinhalb Jahrhunderte Bildergeschichte des Luxemburger Geld-Scheins
Romain Hilgert
Am
Dienstag beginnt der bis zum 28. Februar dauernde Rückruf der letzten
vier verschiedenen Luxemburger Münzen und drei Scheine. Damit geht
die eineinhalb Jahrhunderte währende Geschichte einer Nationalwährung,
eines der stärksten Souveränitätssymbole in einem unter
einem nationalen Minderwertigkeitskomplex leidenden Zwergsstaat zu Ende.
Im Jahr der liberalen Revolution von 1848 hatte sich der entstehende Nationalstaat
Teile einer eigenständigen Währung gegeben, des Franken. Obwohl
die Luxemburger nie ein besonders inniges Verhältnis zu ihrem Geld
hatten, das sich in ihren Brieftaschen sowieso mit deutschen oder belgischen
Scheinen mischte und im Ausland abgelehnt wurde. Doch auf der bunten Hülle
des Geldfetischs erzählen, mehr noch als Münzen und die mit Wertangaben
und Souveränitätssymbolen - Monarchen, Palais, Wappen - gefüllten
Vorderseiten der Scheine, die Rückseiten der 60 zwischen 1856 und
1993 in Umlauf gebrachten Luxemburger Geldscheine gewollt und ungewollt
auch die Geschichte von dem sich verändernden Blick einer Gesellschaft
auf ihre Nation, ihre Wirtschaft und auf sich selbst. Und sei es nur die
Geschichte eines stolzen wirtschaftlichen Aufschwungs und einer kulturellen
Armut: Das Design der Groer und Bloer blieb bieder konservativ,
statt Dichter und Denker kamen fast realsozialistisch immer wieder Bauern
und Arbeiter vor, mangels Auswahl musste viermal die Burg Vianden herhalten,
dreimal die Festung Luxemburg, zweimal das Pumpspeicherwerk Vianden...
In
Begleitung der langsam beginnenden industriellen Revolution wurde 1856
die Banque internationale à Luxembourg (BIL) gegründet. Diese
Privatbank erhielt das Münzprivileg und gab im selben Jahr den ersten
Luxemburger Geldschein heraus. In der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts,
als Börsen wie Tempel gebaut wurden, musste noch historizistisch und
allegorisch um die gewerblichen und vor allem "unfeinen" industriellen
Aktivitäten, für die das neue Geld geschaffen wurde, herumgeredet
werden; gleichzeitig überhöhte das junge liberale bis freimaurerische
Bürgertum seine Geschäfte und sich selbst mythologisch - das
heißt auch unkatholisch. Der erste Schein von zehn Talern zeigt inmitten
von Korngarben und Werkzeug die Fruchtbarkeitsgöttin Ceres, unter
deren mütterlichem Blick putenhaft die Götter Bacchus mit einer
Traube für Weinbau und Landwirtschaft, Merkur mit geflügelten
Sandalen und Kerykeion-Stab für den Handel und Prometheus (?) mit
einem Wasserrad für die Industrie spielen.
Als
Gegenstück zu der privaten BIL stimmte das Parlament 1873 ein Gesetz
zur Gründung einer Nationalbank nach dem Vorbild der Nachbarländer.
Sie gab im selben Jahr ihren ersten Geldschein heraus. Doch der Widerstand
der deutschen Regierung, das Misstrauen im deutschen Zollverein und die
Sabotagepolitik der BIL führten 1881 zum Konkurs der Nationalbank
und der Rückrufung der Scheine. Wo sich die ersten Scheine der privaten
Vorreiterin noch vergleichsweise leichtgewichtig allegorisch gaben, zeigen
die schwer antikisierenden Scheine der Nachzüglerin Nationalbank ein
Ornament mit zwei Halbreliefs von Frauenköpfen und dem verschlungen
Monogramm der Bank. Dafür wird für den 20-Talerschein und den
20-Frankenschein die Fruchtbarkeitsgöttin Ceres der Konkurrenz ausgeliehen.
Im
wirtschaftlichen Aufschwung der Jahrhundertwende hat der archäologische
Plunder der ersten Scheine ausgedient. Die Malerei hatte sich zu Naturalismus
und Realismus durchgerungen, und die BIL illustriert auf ihrem Fünfziger
von 1900 die wirtschaftliche Grundlage des Großherzogtums, Bergbau
und Landwirtschaft, nicht mehr allegorisch mit antiken Göttern, sondern
mit einem richtigen, wenn auch stolz idealisierten Grubenarbeiter und Mäher.
Dank verbesserter Drucktechnik ebenso farbenfroh ist der Zwanziger der
Serie, der einen Schmelzarbeiter vor den Werksanlagen zeigt. Die BIL hat
mit ihrer Serie von 1900 einige der schönsten Luxemburger Geldscheine
herausgegeben - und mit ihrem letzten, dem Hunderter von 1981, auch den
hässlichsten.
Nach
dem Schiffbruch der Nationalbank dauert es fast zwei Generationen, bis
der Staat es wieder wagt, selbst Geldscheine herauszugeben, gezwungen durch
den Beginn des Ersten Weltkriegs und die Unterbrechung der Wirtschaftsbeziehungen
zu Deutschland, dessen Geld den Zahlungsverkehr in Luxemburg beherrschte.
Entsprechend der Notsituation sind die ausnahmsweise zum Teil von Luxemburger
Druckereien produzierten Kassenscheine, ebenso wie die Banknoten der BIL
aus derselben Zeit, vergleichsweise schmucklos und bestehen nur aus den
notwendigen schriftlichen Informationen und einem Ornament, das die Fälschung
erschweren soll. Für Kriegsgeld sind sie überraschend unpatriotisch,
vielleicht auch, weil sie von Anfang an als provisorisch geplant waren.
In der bis 1919 fortgesetzten Serie erscheint auch der Geldschein mit dem
niedrigsten Wert, 50 Centimes.
Nach
dem Ende des Ersten Weltkriegs, des deutschen Zollvereins und der Bankenkrise
von 1918, aber auch nach der Niederlage der radikalisierten Arbeiterbewegung
knüpft die BIL wieder an die Pracht der Jahrhundertwende an. Der überladene,
stilistisch rückständige Hunderter von 1923 erscheint im Rahmen
der neuen belgisch-luxemburgischen Währungsunion und zeigt, wie die
schmucklosen staatlichen Scheine von 1918, seinen Wert nur noch in Franken
an. Statt der Hüttenarbeiter, die zwei Jahre zuvor noch ihre Betriebe
besetzten, trägt er auf der Vorderseite ein Bild der Festung Luxemburg
aus der Talperspektive als uneinnehmbares Bollwerk, auf der Rückseite
eine Sicht der mächtigsten der Burgen, Vianden.
Der
heute vor allem als Tiermaler bekannte August Trémont entwarf 1924
einen auffälligen Zehnfrankenschein für den Staat. Der, wie der
staatliche Zehner von 1918, verspätete Jugendstilschein ist der erste,
der auf seiner Vorderseite das Staatsoberhaupt zeigt, Großherzogin
Charlotte, die nach der dynastischen Krise durch das Referendum von 1919
demokratisch legitimiert wurde. Auf der Rückseite werden wieder Landwirtschaft
und Industrie illustriert, doch zeigt die Banknote die Bäuerin und
den Schmelzarbeiter nicht als aufrechte Helden wie die Banque internationale
1900, sondern ganz unheroisch, von der schweren Arbeit gebeugt und in zerschlissenen
Kleidern.
Der
Zwanziger, den der Staat zu Beginn der Weltwirtschaftskrise 1929 herausgibt,
ist wieder die reine Idylle. Durch ein Girlandenfenster kann der Betrachter
einem Bauern beim Pflügen mit seinem Ochsengespann zusehen. (Ein Fünfziger
mit dem Porträt eines riesigen Zuchtstiers, den die BIL 1946 entwerfen
ließ, kam leider nie in Umlauf.) Erst auf dem staatlichen Fünfziger
von 1961 taucht klein ein Mähdrescher als Symbol für die
Mechanisierung der Landwirtschaft auf - und schon ist es der letzte Schein,
der den rückläufigen Sektor erwähnt. Graphisch abgeändert,
kommt der Zwanziger von 1929 zehn Jahre später in der nationalistischen
Panik der Jahrhundertfeier gegen die deutsche Bedrohung noch einmal heraus,
als erster Geldschein mit fast ausschließlich lëtzebuergeschem
Text. Ein gleichzeitig vorbereiteter Zehner, der einzige Schein, der mit
Paul Eyschen das Porträt eines gewählten Politikers trägt,
kam wegen des deutschen Überfalls nie in Umlauf.
1934
sitzt die Fruchtbarkeitsgöttin Ceres vom ersten BIL-Geldschein von
1856 wieder auf dem großflächigen Hunderter des Staates vor
der Adolph-Brücke, die den Weg auf die Sparkasse frei gibt. Doch statt
inmitten ihrer Garben thront sie nun zwischen den Schmiedewerkzeugen der
Stahlindustrie. Unter der fehlerhaften Überschrift "GROSHERZOGTUM"
scheint sie ungerührt von der Weltwirtschaftskrise - es sei denn,
sie bliebe auf ihren Produkten sitzen. Auf der Vorderseite wird mit dem
effektvoll in Szene gesetzten Staatswappen und dem Porträt der mit
Diadem gekrönten Großherzogin schweres nationales Geschütz
aufgefahren. Und bereits ein Jahr später wird in der Währungskrise
der Luxemburger Franken vom abgewerteten belgischen losgekoppelt.
Nach
dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dem Umtausch der Reichsmark gegen Franken
als letzter Währungsreform bis zur Einführung des Euro, entwerfen
Nina und Julien Lefèvre für die BIL einen überraschenden
neuen Hunderter. Er zeigt auf der Rückseite vor rauchenden Schloten
und einem riesigen Rad zwei Schmelzarbeiter und einen Bergarbeiter. Der
heroische Stil dieser drei kantigen Muskelpakete, wie auch der Bäuerin
und des Bauern auf der Vorderseite, scheint die Propagandaporträts
germanischer und italienischer Kämpfer der Kriegs- und Vorkriegszeit
ungebrochen fortzusetzen. 1956 erscheint der Schein graphisch abgeändert
neu, die Figuren wirken etwas lockerer und schmächtiger.
Nach
einigen Scheinen von 1944 im Stil und teilweise mit den Motiven der patriotisch-überladenen
Vorkriegstradition gibt der Staat 1953 den ersten einer Serie modernerer
Scheine heraus. Der Zeichenstil bleibt ratlos konservativ in Zeiten des
Kalten Kriegs, der abstrakten Malerei und der schwungvollen Werbegraphik,
aber die Vorderseite des neuen Zehners ist aufgeräumt, das Porträt
der Großherzogin wirkt im Vergleich zu den Herrschaftssymbolen der
Vorkriegs- und unmittelbaren Nachkriegsscheine schmucklos zivil. Auf der
Rückseite überlagert das Staatswappen eine weitgehend leere Landschaft
mit der Burg Vianden in der linken hinteren Bildhälfte. Der Zwanziger
derselben Serie zeigt in ebenso stiller Heimatverbundenheit die Mosel bei
Ehnen.
Die
Sechzigerjahre sind das Jahrzehnt des Wirtschaftsbooms und des frenetischen
technischen Fortschrittsglaubens. Der staatliche Hunderter aus dem Jahr
der Millenäersfeier 1963 zeigt das Pumpspeicherwerk von Vianden, das
mit patriotischem Stolz als weltweit wegweisendes technisches Wunderwerk
der Stromproduktion dargestellt wurde.
Mit
einer für einen Geldschein ungewohnt dynamischen Perspektive illustriert
der Zehner von 1967 die Rote Brücke, die sich mit elegantem Schwung
diagonal nach dem neuen Stadtviertel Kirchberg, dem Europazentrum und damit
der Zukunft schlechthin reckt - in den heutigen Zeiten der ängstlichen
Rückkehr zum Historizismus von Parlamentseinrichtung und Cité
judiciaire kaum noch vorstellbar.
Am
1. Mai 1968 gibt die BIL einen Hunderter heraus, der noch einmal
den Stolz des nationalen Fortschritts zeigt: das Kirchberger Hochhaus auf
der einen Seite, Schmelz und Pumpspeicherwerk aus der Vogelperspektive
auf der anderen. Es ist eine Zeit der gesellschaftlichen Radikalisierung
- auf keinem anderen Schein ist Großherzog Jean in Zivilkleidung
statt Militäruniform abgebildet - und der bald folgenden wirtschaftliche
Krise: 1972 zeigt der staatliche Fünfziger zum letzten Mal die Stahlindustrie
und arbeitende Menschen. Bankangestellte, als Symbole des neuen wirtschaftlichen
Reichtums, werden nie auf den Geldscheinen auftauchen, die ihnen ständig
durch die Hände gehen.
Das
1983 gegründete Währungsinstitut gibt 1993 den letzten Luxemburger
Geldschein heraus. Es ist derjenige des neuen Wohlstands und mit der höchsten
Wertangabe, 5 000 Franken, sowie des neuen Nationalismus in der europäischen
Integration: auf der Vorderseite zeigt er vor der Burg Vianden stolz Großherzog
Jean in Militäruniform, auf der wieder lëtzebuergesch bedruckten
Rückseite ein Wirrwarr von Klengem Kueb und anderen Kirchberger Bürogebäuden
der Europäischen Union. Jener Europäischen Union, die nächste
Woche trotz aller Unkenrufe ihre Währungsunion vollzieht und damit
einen Schlussstrich unter die Geschichte der Luxemburger Währung und
ihrer Geldscheine zieht.
Raymond
Weiler: Cent vingt-cinq ans de papier-monnaie luxembourgeois, BIL
1981
Raymond
Weiler: Supplément au catalogue du papier-monnaie luxemburgeois,
in: Hémecht Nr. 1, 1996, S. 83
Les
Cahiers luxembourgeois 1956
Willy
Schneider: Catalogue illustré du papier-monnaie luxembourgeois,
W. Schneider 2000
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