| Luxemburgensia
17.
Februar 2006
Vierundzwanzig
Spuren im Schnee
In
seinem preisgekrönten Roman Winterreise
tastet sich Guy Wagner an das Leben von Franz Schubert heran
Marc
Fiedler
Mit einem gewaltigen, aufwühlenden Sprachfluss,
gehetzten Silben und hastenden Worten tastet sich Guy Wagner an Franz
Schubert heran. Die Ehrfurcht vor dem Komponisten und die Leidenschaft
für seine Musik machen es dem Autor, Melomanen und Musikforscher
nicht einfach. "Darf ich Dich überhaupt mit Franz anreden?" fragt
er zaghaft in den Anfangszeilen seines biografischen Romans Winterreise. Noch im Lauf seines
ersten großen Atemzuges freundet sich Guy Wagner mit Schubert an:
aus "Franz Peter" wird "lieber Franz". Beim nationalen
Literaturwettbewerb wurde Guy Wagners Roman Winterreise mit dem ersten Preis
ausgezeichnet. In 24 Kapiteln durchstreift der Autor das Leben und
Schaffen des berühmten Komponisten und zieht Parallelen zu den 24
Liedern des Zyklus Winterreise.
Franz Schubert wurde am 31. Januar 1797 geboren. "Fremd bin ich
eingezogen" heißt das erste Gedicht der Winterreise, wie auch das erste
Kapitel des Romans. "Eingezogen" ist er in Lichtental bei Wien, in ein
miefendes Arbeiterviertel. Der Vatter, wie ihn die Kinder nannten, war
ein strenger Lehrer, die Mutter die unbemittelte Tochter eines
Schlossers. Im verschneiten Lichtental sucht Guy Wagner in der zweiten
Person nach den Spuren von Franz Schubert: "niemand hatte Dich
gefragt, nur lösten Deine Schreie die Deiner Mutter ab".
In ärmlichen Verhältnissen wuchs der kleine Franz mit zehn
Geschwistern auf. Neun weitere starben bereits sehr jung. In diesem
Elend kommen die Kinder nicht "zur Welt", sie werden "in die Welt
hinaus gestoßen", "und wenn wieder eines der Kleinen stirbt,
vögelt Herr Lehrer Schubert ein neues zusammen". Hier wird Guy
Wagners Sprache karg wie das Milieu der Schuberts. Nicht umsonst ist
die Lichtentaler Kirche den vierzehn Nothelfern geweiht. Wagner
zählt sie auf, Augen zwinkernd, und geht in die barocken Details
des mit Putten und Engeln überladenen Hochaltars, vor welchem
Schubert die Taufe gespendet wird. Christophorus wird angefleht gegen
unvorbereiteten Tod. Sarkastisch bemerkt Wagner: "Franz, das kannst Du
nicht wissen, aber heute ist er der Schutzpatron der Autofahrer, und
die trifft der Tod meist unvorbereitet."
Der stille Komponist mit der Harry Potter-Brille hat es ihm nicht
einfach gemacht. "Ach, so viele haben über Dich geschrieben, aber
trotz aller Exegeten, wissen wir so wenig von Dir", schreibt Guy
Wagner, als sei Schubert ein alter, aber mysteriöser Bekannter.
1827, ein Jahr vor seinem Tod, komponierte Franz Schubert die Winterreise nach Texten des
Dessauer Dichters Wilhelm Müller. Der Liederzyklus scheint wie die
Wanderung eines Weltflüchtigen durch eine winterlich erstarrte
Seelengegend. Die Lieder erzählen in Metaphern von gefrorenen
Tränen, dem Traum von Ruhe und Wärme und der geheimnisvollen
Begegnung mit dem Leiermann.
Auf eben einer solchen Wanderung begleitet Guy Wagner in seinem Roman
Franz Schubert und zeichnet den holprigen Weg des Komponisten an Hand
literarischer Quellen und Zitate, die sich mit frei erfundenen Dialogen
abwechseln. Im vierzehnten Kapitel verschmilzt Wagner selbst mit seinem
Romanhelden. Ganz diskret wird aus dem Du der Ich-Erzähler: Hier,
inmitten von Rotlicht und Nebelschwaden, holt sich Schubert die
vernichtende Syphilisinfektion, die sein Leiden bis zu seinem Tod an
einer Typhuserkrankung begleiten wird. Im Puff denkt er an den Herrn
Vatter: "Lassen Sie mir diese Wärme."
Überhaupt ist der Konflikt mit dem Übervater bei Guy Wagner
allgegenwärtig. Bewegend schildert er Schuberts ernsthaften
Versuch, sich zu emanzipieren. "Herr Vatter, wenn ich jetzt mit Ihnen
rede, ist es von Mann zu Mann", sagt Franz, nach seiner ersten
Liebesnacht. Das erste Mal war in einer lauen Sommernacht in Ungarn,
auf dem Sitz der Esterházys. Welch knisternde Erotik hat Guy
Wagner da zu Papier gebracht! "Nichts als Wärme,... eine
Wärme, die Du nie gekannt hast." Mit der Wärme, die Schubert
später bei Minona, der Dirne, aufsucht, hat das nichts zu tun.
Aber auch der Gang ins Bordell ist ein Versuch, die Ketten mit dem
Vater zu sprengen. Guy Wagners Schubert-Biographie ist
sorgfältige Geschichts- und Musikforschung einerseits, inspirierte
und unterhaltsame Fiktion andererseits. Sensibel, einfühlsam und
an Hand zahlreicher liebenswerter Details beschreibt Guy Wagner die
Welt der "Schubertianer": die Freundschaft zu Franz von Schober, die
Abende mit Spaun und Mayrhofer, die Begegnung mit Hüttenbrenner
und Vogl.
Winterreise. Roman ist
aber auch ein Plädoyer für Freiheit und Gerechtigkeit. Denn
Guy Wagners Revolte auf die Begebenheiten des Wien um die Wende zum 19.
Jahrhundert ist heftig - auf die Kindersterblichkeit aus Mangel an
Hygiene, die Zerbrechlichkeit der wie am laufenden Band
geschwängerten Frauen, die Zeit der Naderer, der Spitzel des
Polizeichefs Josef Graf Sedlnitzky von Choltitz, der Bildung und
Freigeisterei 1817 den Kampf ansagte oder Metternichs Attacken auf die
Pressefreiheit. Das alles ist geschichtlich fundiert, aber
äußerst kurzweilig erzählt, narrativ und doch
unglaublich poetisch. Guy Wagners Winterreise
ist eine schöne, ganz persönliche Widmung an Franz Schubert.
Guy Wagner: Winterreise.
Roman; Éditions Phi, Esch, 2005; 25 Euro; ISBN 2-87962-206-9
|

|