| Luxemburgensia
2. März
2001
Nachrichtenorgan,
Kirchenanzeiger und Kampfblatt
1926 folgte
Maulkorbpolitiker Bech der Regierung Prüm: "Wir weinen ihr keine Träne
nach. Wir mussten sie bekämpfen", schrieb das Luxemburger Wort
Romain Hilgert
Die
meisten deutschsprachigen Texte im Luxemburger Wort waren vor dem
Krieg in Fraktur-Schrift gesetzt. Nun könnte man meinen, dass das
Blatt nach der Befreiung diese "gotische" Schrift aufgab, um zur deutschen
Kultur auf Distanz zu gehen. Doch in Wirklichkeit waren es die deutschen
Besatzer, die schon 1942 im gleichgeschalteten Wort diese Änderung
vornahmen. Der Verzicht auf die Fraktur war also kein Akt nationaler Abgrenzung,
sondern faschistischer Modernisierung.
Dies
ist eine der Entdeckungen, die man beim Stöbern durch das großformatige
Album Luxemburger Wort 1900-2000 machen kann, in dem aus jedem Jahrgang
eine Titel- und eine (leider oft undatierte) Innenseite nachgedruckt sind.
Bisher
faksimilierten Luxemburger Zeitungen ihre historischen Titelseiten höchstens
als Beilagen oder Firmengeschenke, die aber nicht den Weg in den Buchhandel
fanden. Mit diesem Album will das Luxemburger Wort sich in eine
Reihe mit den großen internationalen Tageszeitungen stellen, die
Sammlungen ihrer Titelseiten verkaufen, weil sie sie für über
den Tag hinaus wertvolle Zeitdokumente halten. Gleichzeitig möchte
sich das Zentralorgan des CSV-Staats wohl ein wenig nach außen mit
seiner eigenen Geschichte versöhnen (siehe d'Lëtzebuerger
Land vom 27. März 1998) und mit nicht ganz zufälligen Gegenzitaten
Vorwürfe abschwächen, es habe beispielsweise am Anfang den Nazis
Verständnis entgegengebracht.
Laut
Vorwort wollte Direktor Léon Zeches ganz einfach "einen möglichst
großen Teil der wichtigsten internationalen und nationalen Ereignisse
des vergangenen Jahrhunderts dokumentieren". Doch die Geschichte des 20.
Jahrhunderts kann ein solches Album nicht erzählen. Dafür ist
das Auswahlkriterium zu starr, war die Nachrichtenbeschaffung Anfang des
Jahrhunderts zu primitiv und ist die kritische Distanz des Tagesjournalismus
zu gering.
Eher
kann man ausschnittsweise im O-Ton nachlesen, wie ein großer Teil
der Luxemburger durch das einige Jahrzehnte lang wichtigste Massenmedium
im Land die Welt erzählt und durch Weglassen auch nicht erzählt
bekamen. Wenn sie dann nicht gewohnheitsmäßig über die
Titelseite hinwegblätterten, die noch heute so langweilig konservativ
ist, wie die Titelseite einer Tageszeitung nur sein kann, die nicht jeden
Morgen den Konkurrenzkampf am Kiosk bestehen muss.
So
erzählt das Wort dann seine Geschichte des 20. Jahrhunderts
als Nachrichtenorgan, kirchlicher Anzeiger und konservatives Kampfblatt:
Wenn Papst Leo XIII. stirbt, beginnt das Bistumsblatt auf seiner Titelseite
1903 mit einer Anweisung des Bischofs an seine Pfarrer, wie sie die Glocken
zu läuten und sein Hirtenwort vorzulesen haben. 1914 wird auf der
Titelseite breit die "Militaerische Okkupation Luxemburgs" gemeldet, 1940
steht lediglich auf Seite sechs: "Luxemburg von den Deutschen besetzt",
statt eines Berichtes folgt ein weißes Zensurloch.
1924
hieß der Fortsetzungsroman am Fuß der Titelseite "Um der Liebe
willen", 1925 "Was die Liebe vermag". 1926 folgte der Regierung Prüm
- "Wir weinen ihr keine Träne nach. Wir mussten sie bekämpfen"
- Maulkorbpolitiker Bech. 1944 erscheint Seite eins ausnahmsweise auf patriotischem
Luxemburgisch.
Dann
sterben CSV-Staatsminister in Luxemburg, segnen Päpste in Rom, verbreiten
Kommunisten Angst und Schrecken in Russland und Vietnam, doch "US-Elitetruppen
landen auf Grenada" 1983. Die Kathedrale brennt 1985, aber das Wort
verliert den Glauben nicht. Es bleibt paternalistisch und proamerikanisch,
antiarabisch und ultramontan, mit einem Herz für Diktatoren, wenn
sie nur rechts genug sind. Fast immer ist Ruhe erste Bürgerpflicht,
sogar als 1969 Neil Armstrong den Mond betritt, aber nicht mehr 1978, wenn
die Namen der Deputierten aufgelistet werden, die für die Abtreibungsreform
stimmten. Bis am Ende, im Jahr 2000, ein neuer Großherzog vereidigt
und Milosevic gestürzt wird. Die Welt also wieder ein Stückchen
so geworden ist, wie sie für das Wort sein sollte.
Luxemburger
Wort 1900-2000. Luxemburg und die Welt ein Jahrhundert im Rückblick.
Éditions
Saint-Paul, Luxemburg 2000, ca. 212 S., 2480 Fr.
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