| Luxemburgensia
26. November
1999
Zwei Kilometer
in 700 Jahren
Worin über
die schlimme Geschichte und die wundersame Wiederentdeckung des einzigartigen
Codex Mariendalensis spekuliert wird
Romain Hilgert
Ein
Kind spielt zwischen den abgestellten Autos mit den ersten Schneeflocken.
Die Tür zu einem der noch unrestaurierten ehemaligen Ställe steht
offen. Andere Gebäude von Schloss Ansemburg erstrahlen wie neu in
der Herbstsonne. Vom skulpturierten Steintor führt der lange Innenhof
zum kunstvollen Schlossgarten, der in Terrassen bis zur Eisch hinuntersteigt.
Eine dreisprachige Tafel erinnert daran, dass die Europäische Kommission
den Erhalt des Gartens 1993 als "Pilotprojekt" mit 2,4 Millionen Franken
bezuschusste.
Seit
einigen Jahren sind das Schloss und die Burg wieder geheimnisumwittert.
Denn 1987 verkaufte der Graf das Schloss an die japanische Sekte Sukyo
Mahikari, die es zu ihrem regionalen Hauptquartier für Europa und
Afrika machte. In einem Bericht des belgischen Parlaments wird die Sekte
"une des organisations sectaires les plus dangereuses dans notre pays"
genannt.
Doch
hinter den Mauern des Schlosses und der Burg verbergen sich noch andere
Geheimnisse. "Die Bibliothek sei voller Geheimnisse und insbesondere voller
Bücher, die noch keiner der Mönche hier je habe lesen dürfen",
heißt es bei Umberto Eco. Eines der Geheimnisse wurde vor drei Wochen
gelüftet, als der Sprachwissenschaftler Guy Berg auf Burg Ansemburg
nicht das zweite Buch der Poetik des Aristoteles, sondern die für
verloren geglaubte, 700 Jahre alte Pergamenthandschrift des Yolanda-Epos
wiederfand. Es ist das älteste bekannte literarische Sprachzeugnis
der Luxemburger Gegend, weil es nicht auf Latein, sondern auf Moselfränkisch
geschrieben wurde. Nikolaus Welter hatte das Gedicht mit patriotischem
Stolz in seiner Mundartlichen und hochdeutschen Dichtung in Luxemburg
1929 "als das erste literarische Denkmal des Luxemburgischen angesehen";
den Autor Bruder Hermann nannte er "den ersten, wenigstens dem Ruf- oder
Ordensnamen nach bekannten Luxemburger Dichter".
Bruder
Hermanns tränenreiche Soap opera über einen Familienstreit auf
Burg Vianden erzählt von seiner Zeitgenossin Yolanda (1231-1283),
einer junge Adeligen, die erfolgreich gegen die Zwänge ihrer Familie
und der höfischen Gesellschaft kämpfte, um ein selbstbestimmtes
Leben in der gottesfürchtigen und den Reichtum verachtenden Frauengemeinschaft
des Marienthaler Dominikanerinnenklosters zu führen.
Obwohl
die fast zwei Jahrhunderte vor Gutenberg entstandene und später Codex
Mariendalensis getaufte Handschrift verschollen war, ist das Gedicht
mit seinen 5 964 Versen seit längerem bekannt. Denn 1655 fertigte
der Direktor des Jesuitenkollegs Alexander von Wiltheim, der "Vater der
Luxemburger Archäologie", eine Abschrift an. Der Germanist John Meier
veröffentlichte 1889 den vollständigen Text in einer Fachzeitschrift,
seither ist auch Wiltheims in Prag verwahrte Abschrift verschollen.
Weil
Meier aber die Schreibweise des Textes so "korrigierte", wie deutsche Germanisten
im letzten Jahrhundert glaubten, dass Mittelhochdeutsch zu schreiben sei,
war bis heute nur eine Textversion bekannt, in der gerade die Spuren der
moselfränkischen Eigenarten des Gedichtes verwischt schienen. Noch
vor einem Monat schrieb deshalb die Trierer Germanistin Andrea Rapp über
den Codex Mariendalensis und Wiltheims Abschrift: "Eine Wiederentdeckung
auch nur einer der beiden Codices käme einer wissenschaftlichen Sensation
gleich."
Doch
wo war die mittelalterliche Handschrift, die Wiltheim 1655 in den Händen
hatte, geblieben? Noch im 17. Jahrhundert listeten die Dominikaner Quétif
und Echard den Codex als eine der Handschriften auf, die im Kloster Marienthal
aufbewahrt wurden.
Etwa
zu der Zeit erlebte, keine zwei Kilometer flussaufwärts von Marienthal,
die mittelalterliche Herrschaft Ansemburg durch die Gründung einer
Eisenhütte einen neuen Aufschwung. Mit dem neuen Reichtum ließ
der in den Grafenstand erhobene Lambert Joseph von Marchant und von Ansemburg
(1705-1768) nicht nur das neue Schloss bauen, sondern sammelte auch Münzen
und Bücher. Der Katalog seiner Bibliothek soll laut Karl Arendts Porträt-Galerie
18
Folio-Bände dick und in "unserer Stadtbibliothek" verwahrt sein. Möglicherweise
gelangte der Codex unter Altertumsfreund Graf Lambert Josef nach Ansemburg.
Doch die gräflichen Schmelzherren gingen in Konkurs, ihre Bibliothek
wurde am 4. Juli 1763 öffentlich versteigert. Nachher konnte die Familie
einige Bände zurückkaufen - auch den Codex?
Zwei
Jahrhunderte wurde nichts mehr von der Handschrift gehört. Dann berichtete
der Sekundarlehrer Albert Steffen 1932 in einer Fußnote in Ons
Hémecht "von Luxemburgs Geschäftsträger in Brüssel,
Herrn Grafen Gaston d'Ansembourg", der ihm den Codex "zur Verfügung
stellte". Und er veröffentlichte das bräunliche, grob gerasterte
Foto von Blatt 78a der Handschrift mit den Versen 3218-3238 über den
Auftritt des großen Theologen Albertus Magnus. Doch statt einer versprochenen
kritischen Veröffentlichung über die Handschrift, wurde es wieder
still um sie. Böse Zungen fragten schon, ob Steffen nicht vergessen
hatte, die Handschrift zurückzugeben.
Während
des Zweiten Weltkriegs wurde das Schloss geplündert. Ein Teil der
Bibliothek konnte jedoch ausgelagert und in Sicherheit gebracht werden.
Im Vorwort zu seiner 1979 veröffentlichten Übersetzung des Yolanda-Epos
schrieb der ehemalige Kulturminister Pierre Grégoire: "Die sogenannte
Wiltheim'sche Vorlage verlor sich, anscheinend spurlos, in den Wirren des
Zweiten Weltkrieges."
Doch
der wertvolle Codex war keine deutsche "Beutekunst" geworden. Der Graf
von Ansemburg erinnert sich noch heute: "In den 50er Jahren zeigte mir
mein Vater den Band, damals hatte ich zwölf Jahre. Ich kann mich noch
erinnern, aber dann verlor ich die Handschrift wieder aus den Augen." "Nachforschungen,"
so Grégoire, "die wir 1968 in Ansemburg direkt und, über einen
Kazettfreund, Historiker in Prag, in der Tschechei anstellen ließen,
verliefen ergebnislos. (...) Der wissenschaftlich-literarische Verlust
für Luxemburg scheint unwiderruflich zu sein."
Der
Graf von Ansemburg bestreitet jedoch energisch Gerüchte, dass die
Handschrift jahrzehntelang der Wissenschaft vorenthalten worden wäre.
Das Haus Ansemburg sei, im Gegenteil, schon immer für Historiker offen
gewesen. Bester Beweis dafür sei, dass 1963 die Schlossarchive dem
Staatsarchiv übergeben worden seien, um sie der Wissenschaft zugänglich
zu machen.
Vielleicht
war der Graf sogar zu großzügig. Denn in all den Jahren gingen
ungezählte Leute in der Bibliothek ein und aus. So verschwand sicher
auch das eine oder andere Buch. Der Codex hätte auch dabei gewesen
sein können.
Das
Problem der Schlossbibliothek sei, so der Graf, dass sie vor dem Krieg
katalogisiert gewesen, aber während des Kriegs mehrfach umgelagert
worden sei. "Seither hatte weder mein Vater noch ich die Möglichkeit,
die Katalogisierung vorzunehmen." In anderen Worten: der Codex war nicht
gestohlen, nicht einmal versteckt, sondern bloß verlegt. Und damit
ist seine Geschichte auch ein erbärmliches Stück Luxemburger
Wissenschaftsgeschichte, das ein wenig an das Schicksal des inzwischen
wieder verschwundenen Manuskripts eines anderen Epos, des Renert
erinnert.
Der
38-jährige Linguist Guy Berg erzählt begeistert von der Liebenswürdigkeit
und Hilfsbereitschaft des Grafen. Berg betreut am Institut Grand-Ducal,
section de linguistique, d'ethnologie et d'onomastique ein Forschungsprojekt
über mittelalterliche Sprache und Kultur in Luxemburg und insbesondere
das Yolanda-Epos. Der Graf erlaubte ihm, das gesamte im Staatsarchiv verwahrte
Schlossarchiv und seine Bibliothek zu sichten. "Zuerst arbeitete ich mich
wochenlang durch das Archiv, ohne eine Spur des Codex zu finden. Dann durfte
ich zusammen mit einer Assistentin und zwei Arbeitern des Grafen die Bibliothek
in der Burg durchsuchen. Der Graf leistete uns jede erdenkliche Unterstützung.
Eine Woche lang hatte ich jedes einzelne der mehreren tausend Bücher
in der Hand." Bis er am 6. November eine 15 Zentimeter hohe, in einer doppelten,
aus den Nähten platzenden Lederhaut gebundene Handschrift von 76 Pergamentbögen
oder 264 Seiten in der Hand hatte: den mittelalterlichen Codex.
Die
Handschrift, die derzeit in einem Panzerschrank der Banque de Luxembourg
am Boulevard Royal lagert, ist sehr gut erhalten. Nur die beiden ersten
Blätter sind eingerissen, dem letzten Blatt fehlt eine obere Ecke,
so daß vier beziehungsweise acht Verse unvollständig sind.
Der
Codex war also nie richtig verloren gewesen. Wahrscheinlich war er in 700
Jahren bloß die zwei Kilometer von Marienthal nach Ansemburg gewandert,
hatte Kriege, Plünderungen und Konkurse überlebt.
"Ich
war sehr zufrieden, als der Codex gefunden wurde", erzählt der Graf
von Ansemburg. "Denn er hat auch eine große Bedeutung für die
Gegend hier und für die Verbundenheit Ansemburgs mit dem Marienthal."
Berg fragt sich inzwischen, ob der Codex nicht Bruder Hermanns um 1290
entstandenes Original ist und nicht, wie Wiltheim behauptete, eine ein
halbes Jahrhundert später gefertigte Abschrift.
Der
Graf von Ansemburg ist bereit, das Pergament und die Schlossbibliothek
der Wissenschaft zur Verfügung zu stellen. Aber es sei "nicht realistisch,
den Codex für Forschungs- oder Ausstellungszwecke auszuleihen. Ideal
wäre, ein Forschungszentrum zu gründen, wo der Codex und die
restliche Bibliothek den Wissenschaftlern zugänglich gemacht und eventuell
auch ausgestellt würden." Dafür müssten aber staatliche
Mittel aufgebracht werden.
Die
Einzelheiten, so Kulturministerin Erna Hennicot-Schoepges letzte Woche,
sollen in einem Abkommen geregelt werden, welches der Staat mit dem Grafen
aushandelt. Die Ministerin scheint zu diesem Schritt bereit, weil sie einen
jahrelangen Streit wie um das Mosaik von Vichten verhindern will. Sie muss
aber auch sicherstellen, dass die Millionen teuere Handschrift nach dem
Tod des Grafen dem Land erhalten bleibt. Dass das Germanische Nationalmuseum
unter ganz anderen Bedingungen 1955 den Codex aureus Epternacensis für
DM 1,1 Millionen kaufte, wird noch heute als nationale Schmach empfunden.
Denn
der Graf wehrt sich energisch dagegen, dass der Codex als nationales Kulturgut
klassiert wird: "Es ist nicht möglich, ihn zu klassieren, weil ich
nicht der Eigentümer bin, sondern sieben Generationen meiner Familie.
Es ist unmöglich, alle Erben aufzusuchen, um ihr Einverständnis
einzuholen. Weshalb sollte der Codex auch ins Ausland geraten? Es ist ein
nationales Dokument." Guy Berg, der heute während eines Kolloquiums
seinen Fund stolz vorstellen kann, hofft, in eineinhalb bis zwei Jahren
eine kritische Edition des Textes veröffentlichen zu können,
die auch der nationalgeschichtlichen Bedeutung der Handschrift für
Luxemburg gerecht werden soll. Vielleicht klappt es diesmal.
Wenige
Wochen vor der Wiederentdeckung der mittelalterlichen Handschrift veröffentlichten
die Sheffielder Professoren Gerald Newton und Franz Lösel unter dem
Titel Yolanda von Vianden die bisher beste hochdeutsche Übersetzung
des Gedichtes zusammen mit einer hastigen Einführung und der nunmehr
überholten Textversion John Meiers in der Schriftenreihe des Institut
Grand-Ducal, section de linguistique, d'ethnologie et d'onomastique.
Luxembourg 1999, 186 S., 928 Fr., ISBN 2-919910-01-9. Die Institutssektion
organisierte am 26. und 27. November 1999 im Auditorium der Banque de Luxembourg
ein Kolloquium über das Yolanda-Epos und seine Zeit, an dem Germanisten
und Historiker aus Luxemburg, Trier, Liège und Sheffield teilnehmen.
(Fotos:
Institut
Grand-Ducal, section de linguistique, d'ethnologie et d'onomastique).
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