Films made in Luxembourg

19. November 2004
Die neunte Stunde

Statt "frei nach dem autobiographischen Bericht" zu sein, grenzt Der neunte Tag an propagandistische Geschichtsfälschung
 

Romain Hilgert

Die Luxemburger Kirche ist alles andere als stolz auf ihre Haltung während des Zweiten Weltkriegs. Obwohl einzelne Pfarrer in der Resistenz aktiv waren, einige politisch herausragende Geistliche im Konzentrationslager ermordet wurden, ging Bischof Joseph Philippe (1877-1956) weder ins Exil, noch äußerte seine sehr ultramontane und konservative Kirche sich zur Judenverfolgung und zum Raubkrieg, was ihm den beschämenden Namen "der Schweiger" einbrachte. In den Neunzigerjahren begann das Erzbistum deshalb eine Imagekampagne, zu deren wissenschaftlicher Seite ein Kolloquium und der 733-Seiten-Schmöker Die Luxemburger Kirche im Zweiten Weltkrieg: Dokumente, Zeugnisse, Lebensbilder (Sankt-Paulus, 1991) gehörten.
Zum volkstümlichen Teil der Imagekampagne gehört der Versuch, die KZ-Erinnerungen des späteren Luxemburger-Wort-Direktors Jean Bernard (1907-1994) zu verfilmen. Er war 1941/42 im Konzentrationslager Dachau gefangen, wo die vorwiegend katholischen Geistlichen in einem "Pfarrerblock" konzentriert waren. Nach seiner Freilassung veröffentlichte er eine knappe, ergreifende Chronik der in Dachau erduldeten Leiden. Sie erschien vom 26. Mai 1945 bis zum 4. Juni 1946 unter dem Titel Dachau. Aus dem Tagebuch eines Sträflings in unregelmäßigen Folgen im Luxemburger Wort und wurde in zwei Auflagen 1962 von Charles Reinert und Gebhard Stillfried als schmales Buch mit dem Titel Pfarrerblock 25487 im Münchner Pustet-Verlag herausgegeben. Nach einer dritten Auflage im Münchner Berchmans-Verlag 1984 brachte auch der Sankt-Paulus-Verlag 1987 das Buch heraus. Einer Neuauflage 1998 folgte dieses Jahr, rechtzeitig zur Filmpremiere, eine weitere, die etwas irreführend als dritte gekennzeichnet ist.
Seit Jahren gingen der Verlag des Erzbistums und seine Produktionsfirma Videopress mit Bernards KZ-Erinnerungen als Filmstoff hausieren, mehrere Drehbuchautoren versuchten sich daran, und das Resultat war so schlecht, dass sogar die nur in Maßen kompetente und mutige Luxemburger Filmförderung, trotz des politischen Drucks des damaligen Sankt-Paulus-Direktors, abwinkte. Auch der katholische Regisseur Krzysztof Zanussi aus Polen sprang im letzten Augenblick ab. Schließlich konnte man zusammen mit der nach dem Messopfer getauften Produktionsfirma Provobis aus Hamburg den fleißigen Literaturverfilmer Volker Schlöndorff verpflichten.
Ob man ausgerechnet deutsche Regisseure beauftragen soll, KZ-Filme zu drehen, ist eine Diskussion wert. Bestenfalls kommt es dann vor, dass die Hauptrolle von einem stumm stierenden Ulrich Matthes gespielt wird, der noch einen Film zuvor, in Der Untergang, den Reichspropagandaminister Joseph Goebbels gab. Aber dass Schlöndorff der richtige Mann ist, um einen KZ-Film zu drehen, durfte man spätestens bezweifeln, seit er bei der Verfilmung von Michel Tourniers Roi des aulnes einer dunkel-schwülen Nazi-Mystik erlag (Der Unhold, 1996). Jedenfalls ließ er es sich in Der neunte Tag nicht nehmen, sich noch etwas mehr zu "trauen" und zwölf Minuten lang als KZ-Häftlinge verkleidete Schauspieler in KZ-Kulissen spielen zu lassen und das Ganze leicht verwischt in anmutiger Zeitlupe für den kleinen voyeuristischen Kick zu filmen.
Doch seinen deutsch-luxemburgischen Auftraggebern liefert Schlöndorff noch viel mehr für ihr Geld: den späteren Luxemburger-Wort-Direktor Jean Bernard verklärt er im Film als Abbé Henri Kremer gleich zur Jesus-Figur. Mit den in den Himmel ragenden Kreuzen zeigt Schlöndorff das KZ als Golgatha, selbst die Dornenkrone und das Gründonnerstagsgebet fehlen nicht, ein Untersturmführer (August Diehl), mimt den Judas, der Abbé Kremer mit theologischen Platitüden in Versuchung führt, Schwester Marie (Bibiana Beglau) kniet zur Fußwaschung nieder, und was, unter Missbrauch eines jüdischen Feiertags Der neunte Tag heißt, wird als neunte Stunde vorgeführt, in der Abbé Kremer in Dachau erscheint und sich nach einem Wurst-Abendmahl für die anderen Priester selig lächelnd zu opfern bereit ist.
Aber Schlöndorff bietet nicht nur Gosta-Gavras' Hochhuth-Verfilmung Der Stellvertreter (2002) Paroli in Form eines gottgefälligen Passionsspiels. Was als "frei nach dem autobiografischen Bericht von Jean Bernard Pfarrerblock 25487" entstandene Verfilmung dargestellt wird, grenzt in Wirklichkeit an propagandistische Geschichtsfälschung. Denn den paar Tagen, die Bernard überraschend von Dachau nach Luxemburg zurückkehren konnte und die gesamte Geschichte des Films ausmachen, widmet er in seinen Erinnerungen bloß wenige Zeilen (Luxemburger Wort, 27.11.1945). Dass er frei gelassen wurde, um den angeblich wackeren Bischof zu einer Kollaboration mit den Nazis umzustimmen und so den "kleinen Stein" Luxemburger Kirche aus dem weltweiten Kirchengebäude herauszubrechen, damit "alle Wände [...] zu wackeln" anfangen, wie es im Film großspurig heißt, ist frei erfunden.
In Bernards Erinnerungen geht höchstens von einer Ergebenheitsadresse von sechs Priestern als Preis für ihre Freilassung die Rede: "Das wäre ein Propagandaerfolg. Sechs Luxemburger Geistliche kehren 'umgeschult' aus Dachau zurück! War das die Erklärung für meinen unerhörten Urlaub?" (ib.). Pfarrer Camille Fournelle, der während des Kriegs Kaplan in der Kathedrale war, erinnerte sich im Interview (Begleitbuch S. 73) ganz anders: "Ohne Zweifel hat sich seine Familie (die Verbindungen nach Deutschland hatte) sehr für ihn eingesetzt. Ich nehme aber an, dass sich irgendeine hoch gestellte unbekannte Persönlichkeit für seine Freilassung verwendet hat."

Als Auftakt einer Werkschau nimmt Regisseur Volker Schlöndorff am 26. November um 20.30 Uhr an einem Gespräch in der hauptstädtischen Cinémathèque teil. - Der neunte Tag. Pfarrerblock 25487 heißt das bei Sankt Paulus erschienene Begleitbuch zum Film mit Drehbuch (216 S., 14,90 Euro).




 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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