| Films
made in Luxembourg
6. Februar
2004
Milieu - etwas
anders
Mit dem reißerischen
Titel Hurensohn führt Regisseur Michael Sturminger das
Publikum in die Irre
Jutta Hopfgartner
Hurensohn
- der Titel verspricht etwas, was der Film nicht hält, bewusst nicht
halten will. Die Koproduktion der Luxemburger Firma Tarantula und der österreichischen
Aichholzer Filmproduktion wirft einen anderen Blick auf die Szene des käuflichen
Sex. Besser: der Blick streift sie nur. Denn in Hurensohn geht es um den
Sohn. Um seine Erfahrungen, seine Gefühle und seinen Erkenntnisprozess.
Als Anhängsel einer Hure. Aber nicht nur.
Sturminger,
und vor ihm schon Gabriel Loidolt als Autor des gleichnamigen Buches, das
als Vorlage diente, setzt sich ganz intensiv und intim mit einer Bevölkerungsgruppe
des aktuellen Wien auseinander, die in der österreichischen Hauptstadt
schon seit Jahrzehnten eine neue Lebensbasis sucht. Es geht um die Zuwanderer
aus dem Balkan. Schon vor Ausbruch des Bürgerkrieges nach dem Zerfall
von Titos Reich kamen sie, um hier zu leben und zu arbeiten. Als Gastarbeiter,
wie man das in Österreich so schön zu nennen pflegt. Nach dem
Krieg strömten sie dann als Flüchtlinge auf die "Insel der Seeligen"
- die das zu diesem Zeitpunkt auch schon nicht mehr war.
So
viel zum Hintergrund. Die Geschichte beginnt mit Titos Begräbnis.
Aus der sicheren Distanz einer kleinen Wiener Vorstadtwohnung mit Klo im
Gang verfolgt die junge Silvija (Chulpan Khamatova) die Zeremonie nur wenig
aufmerksam. Es gibt genug Ablenkung. Das Baby plärrt, der Mann besäuft
sich, bricht einen Streit vom Zaun und haut ab. Fort ist er. Von nun an
muss sie selbst sehen, wie sie zurecht kommt, Geld verdient. Schnitt -
drei Jahre später. Wir wissen nun, wovon sie lebt: sie ist eine Hure
geworden. Vor der Schicht richtet sie sich zurecht, die Blicke des Kleinen
verfolgen sie. Man sieht es ihm an: die Mama ist sooo schön.
Fünf
Jahre später das gleiche Szenario wie auch 13 Jahre darauf. Die schöne
Mama geht - der Junge Ozren (Stanislas Lisnic) bleibt in der Obhut seiner
Tante Liljana (Ina Goglavova) und des Onkel Ante (Miki Manojlovic) zurück.
Mamas Fürsorge beschränkt sich im Wesentlichen darauf, den Buben
teuer einzukleiden. Geprägt wird er von Tante und Onkel. Sie eine
gottesfürchtige Frau, die das Tun der Schwester irgendwie akzeptiert,
er ein Mann mit Erfahrung, kritischem Geist gegenüber der Kirchenmoral
(somit ein Gegengewicht zur Tante) und ein Lehrmeister des Lebens, der
seine Weisheiten in poetische Worte kleidet. Manjolovic, der aus Filmen
von Emil Kusturica bekannt ist, findet hier eine wunderbare Rolle. Sie
ist ihm auf den Leib geschneidert.
Natürlich
stößt der kleine Ozren immer wieder auf Anzeichen dafür,
dass seine Mama keine Kellnerin ist, in ihm wächst ein Verdacht, den
er aber nicht zulassen will. Unausgesprochen hängt der verrufene Beruf
wie ein Geheimnis zwischen Mutter und Sohn.
Obwohl
der Film Hurensohn das Ende schon in der ersten Szene vorwegnimmt, sei
es hier nicht verraten. Es ist viel spannender, ohne dieses Wissen ins
Kino zu gehen. Und genau das sollten all jene tun, die an guten europäischen
Filmen abseits des Mainstream interessiert sind - denn er ist mit viel
Einfühlungsvermögen und bis ins letzte Detail durchdacht gemacht.
Es gibt wundervolle Momente voller einfallsreicher Regiearbeit und herrliche
Dialoge, die dem Kern des Lebens auf der Spur sind.
Die
genaue Überlegung verrät schon das Casting. Chulpan Khamatova
(bekannt aus Papa Luna und als russische Krankenschwester in Good
Bye Lenin) spielt eine äußerst wandlungsfähige Silvija.
Auch wenn sie, jung wie sie nun einmal noch ist, trotz allen Könnens
als Mutter eines 16-Jährigen nicht ganz glaubhaft wirkt. Sie ist Russin,
und das hört man ihrem Deutsch an. Auch die anderen Rollen von Ex-Jugoslawen
sind nicht mit österreichischen Akteuren besetzt, was dem Film nur
zu mehr Authentizität verhilft. Besonders im Kontrast zu den echten
Wiener, die mit ihrer "Goschen" (das Pendant zur Berliner Schnauze) in
kurzen Momenten dafür sorgen, dass auch jene, die das Balkan-Wien
nicht so kennen, die Donaumetropole wiedererkennen. Es gibt Lokalkollorit,
aber kein Wein-Walzer-seeliges, sondern die harte Realität des zweiten
Wiener Gemeindebezirks. Und gerade dadurch vermag der Film zwischen europäischen
Kulturen zu vermitteln - was denn auch die Koproduktion mit einem westeuropäischen
Staat (und die Förderung durch öffentliche Mittel in beiden Ländern)
mehr als rechtfertigt.
Hurensohn
hat am vergangenen Wochenende beim diesjährigen Max-Ophüls-Festival
in Saarbrücken den Filmpreis des saarländischen Ministerpräsidenten
bekommen, wird auf der Berlinale vertreten sein und läuft Ende
Februar in unseren Kinos an.
|

|