| Theater
3. Oktober 2008
Inszenierung am Rande des Abgrunds
Bei D’Enn, mäi Frënd sieht man gute Theaterarbeit, für Ze spéit kann man sich auf die Lektüre des Textes beschränken, der bei Éditions Phi erschienen ist
Anne Schroeder
Heutzutage
gibt es keine Altersheime mehr. Heutzutage findet Alter und Tod,
Vergreisung und Vereinsamung in Cipas statt. Aus den Heimen wurden
Zenter (so wie Gartenzenter), aus den Alten Ältere, die sich mit sich
selbst integrieren sollen. Oder die sich in die Gesellschaft wieder
hineinintegrieren sollen, aus der sie rausgeschubst wurden. Leider
werden die zahlreichen Sommerfeste mit singenden und trommelnden
Urgroßmüttern nichts daran ändern können, dass die Cipas mit erhöhtem
Spaßfaktor die letzte Vorstufe zum Tod sind. Dass die Älteren sich noch
immer sehr ungern in die umbenannten Heime integrieren. Die
farbenfrohen Flure sollen den Besucher über die Beklemmung
hinweghelfen, die ihn unwillkürlich in diesen seltsam stillen
Wohnblöcken des Alters heimsucht. Beklemmung,
Stille, sinnloses Aneinandervorbeireden in einem ewig gleichen
Zeitrythmus: Alltag im Altersheim. Zwei Männer, von den jeweiligen
Familien abgeschoben, teilen sich ein Zimmer. Bekriegen sich mit
Worten, verteidigen verzweifelt den letzten Rest an Intimität und
Selbstachtung. Ze spéit von Guy Wagner, der erste Teil der Inszenierung Notturno
in der Escher Kulturfabrik, wurde 1979 geschrieben – als Altersheime
noch Altersheime hießen. Im Untertitel nennt der Autor das Stück „een
Tatsaachespill“; wohl auch, da die Inspiration durch eine Notiz im Tageblatt kam, in der es hieß: „Greis erschlägt Zimmergenossen, weil er ihn alle 5 Minuten nach der Uhrzeit fragte.“ Die
größte Stärke des Stücks, das Claude Mangen inszeniert hat, liegt denn
auch in seiner brutalen Nähe zur Realität. Brutal für die
Protagonisten, die nahe am Tod agieren, und brutal für den Zuschauer,
wegen der vielen gespiegelten Realität. Während die sehr verkrampfte
Inszenierung nicht aus der Beklemmung zu verhelfen vermag, bietet die
Darstellung durch die beiden Laienschauspieler Marcel Heintz und
Camille Olinger – gewollt oder ungewollt? – einige Öffnungen von der
erstarrten Endspiel-Stimmung zur Liewensfrou-Atmosphäre. Tod durch brutales Erschlagen. Nach zwanzig Minuten Wartezeit geht Notturno in die zweite Runde: D’Enn, mäi Frënd wurde
2006 mit dem 1. Preis des Nationalen Literaturwettbewerbs
ausgezeichnet. Alles gleich und alles anders? Guy Wagners zweite Runde
setzt auf eine ähnliche Ausgangssituation wie Ze spéit:
Zwei Menschen, diesmal ein Bruder und seine behinderte Schwester, sind
durch das Schicksal des Lebens aneinander gebunden. Abermals die
Situation eines beklemmenden huis-clos,
aus dem ein Entrinnen nur in Worten stattfindet. Alles anders, weil man
von der ersten Minute an erkennen kann, was Theater vermag, wenn es in
den besten Händen liegt: Eine wahre Meisterleistung der Regiearbeit von
Charles Muller, der aus unseren bekannten Profis der Luxemburger Szene,
Myriam Muller und Jules Werner, das Beste herausholt. Würde man Ze spéit mit einem groben Klotz vergleichen, wäre D’Enn, mäi Frënd ein reliefreicher Naturstein mit vielen Farbnuancen. Vor allem wären über Notturno
Vergleiche zwischen erstem und zweitem Teil anzustellen. Ein Vergleich
der unterschiedlichen Regiearbeit, des Schauspiels, der in Szene
gesetzten Texte. Im Gespräch mit Olivier Ortolani unterstreicht
Charles Muller, dass die Projekte in keinster Weise in Konkurrenz
zueinander stünden und „komplementär“ seien. Mag
sein, dass dies das Ansinnen der Regisseure war – es funktioniert so
aber nicht. Nicht im Auge des Betrachters, nicht im Hirn des
Zuschauers, der ähnlich schwer strukturierte Kost in doppelter Auflage
verarbeiten muss. Bei D’Enn, mäi Frënd sieht er gute Theaterarbeit, für Ze spéit kann man sich getrost auf die Lektüre des Textes beschränken, der bei Éditions Phi erschienen ist. Die lei- se
Dramatik und Melancholie des – gereiften – Wagner hätte sich mit
wesentlich mehr Nachdruck im Gemüt festgesetzt, wenn es – ähnlich wie
Schuberts Notturno – in der Kürze seinen kraftvollen Ausdruck gesucht
hätte. Notturno mit zwei Stücken von Guy Wagner wird noch heute abend um 20 Uhr in der Escher Kulturfabrik gezeigt. Ze spéit unter der Regie von Claude Mangen, mit Marcel Heintz und Camille Olinger. D’Enn, mäi Frënd
unter der Regie von Charles Muller, mit Myriam Muller und Jules Werner.
Bühnenbild von Anouk Schiltz, Kostüme von Peggy Würth. Eine
Koproduktion des Escher Theaters und der Kulturfabrik. Die Texte der
Stücke sowie Gespräche mit den Regisseuren Mangen und Muller wurden bei
den Éditions Phi in Amphitheater 74 publiziert.
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