| Éditorial
4. Dezember 2009
Rauchzeichen
Gesellschaftlicher
Wandel: 1902 wurde die Sozialdemokratische Partei in einem Wirtshaus
gegründet, 107 Jahre später will ein LSAP-Minister das Ende dieser
sozialdemokratischen Institution einleiten
Peter Feist
Es
war ein hübscher rhetorischer Erfolg, den Gesundheitsminister Mars Di
Bartolomeo (LSAP) über CSV-Chef Michel Wolter verbuchen konnte. Der
hatte vor einer Woche im Radio gegrollt, erst werde das
Anti-Tabak-Gesetz ausgewertet, und dann entschieden, ob man das
Rauchverbot auch auf Cafés und Diskotheken ausdehnt. So stehe es im
Koalitionsvertrag. Worauf Di Bartolomeo am Mittwoch im Plenum der
Abgeordnetenkammer die betreffende Passage laut vorlas: Ganz unabhängig
von der Evaluation des drei Jahre alten Gesetzes soll der Plan tabac in
Kraft treten. Und in dem sind rauchfreie Cafés, Bistrots und
Diskotheken schon vorgesehen.
Es
spricht ja auch viel dafür. Die Schwelle, hinter der ein Raucher nicht
nur frei über sich selbst entscheidet, sondern auch andere schädigt,
ist niedrig. Vor allem dort, wo Rauchen besonders viel Spaß macht – in
Kneipen und Discos –, denkt man kaum an die Lungen der Kellnerinnen und
Barkeeper. Doch mittlerweile steht fest, dass passiv eingeatmeter
Tabakrauch zum Teil giftiger ist als unmittelbar inhalierter: Er
enthält fünf Mal mehr Kohlendioxid, drei Mal mehr Teer und Benzopyren
und 46 Mal mehr Ammoniak. Geschätzte 86 Todesfälle waren 2002 in
Luxemburg auf Passivrauchen zurückzuführen. Die
Zunahme der Lungenkrebsfälle sind der zweite Grund, denn sie haben
einen ganz beträchtlichen Kostenpunkt: Zurzeit werden in Luxemburg pro
Jahr an die 200 neue Fälle gezählt. Noch immer aber gehört dieser
Krebstyp zu den mit den schlechtesten Prognosen. Bei nicht operierbaren
Lungenkrebsen verlängern selbst die neuesten Medikamente das Leben der
Patienten nur um wenige Monate, je nach Diagnose aber zum Preis von
50 000 bis 200 000 Euro. Das muss nicht nur den Gesundheits-,
sondern auch den Sozialminister interessieren. Aber da ist noch die andere Seite des Plan tabac.
Ein auf Cafés ausgedehntes Rauchverbot wäre wohl ihr Ende als
kulturelle Institution. Trinken und Rauchen in Gemeinschaft haftet nach
wie vor der Ruch des politisch Subversiven an. Vergangenen Samstag
erinnerte ein älterer Tageblatt-Redakteur
den früheren stellvertretenden Chefredakteur Mars Di Bartolomeo daran,
wie sie „im Café beim Viviane den weißen Rauch in die Luft“ bliesen.
„Und wenn uns das jemand verboten hätte, hätten wir bestimmt zur Feder
gegriffen und ein Pamphlet verfasst“. Für
den deutschen Sozialdemokraten Karl Kautsky war das Wirtshaus „das
einzige Bollwerk der politischen Freiheit des Proletariats, das ihm
nicht so leicht konfisziert werden kann“. Kein Wunder, dass 1902 auch
die Sozialdemokratische Partei Luxemburgs, die Vorläuferin der LSAP, in
einem Wirtshaus gegründet wurde: im Café Goerens am Krautmarkt in der
Hauptstadt. Ob
107 Jahre später das Café als Ort der freien Rede nicht mehr gebraucht
wird, vielleicht, weil die Meinungsbildung immer mehr im Internet
erfolgt, ist nicht sicher. Sicherer scheint, dass für die Mehrzahl der
– besser verdienenden – Wahlberechtigten das Café keine wichtige
Funktion mehr hat. Damit ist die Ankündigung des Rauchverbots in Cafés
durch einen der populärsten LSAP-Minister ein weiterer Schritt der
Partei in Richtung der „gesellschaftlichen Mitte“. Dort dürfte das
ausgeweitete Rauchverbot ähnlich anstandslos befolgt werden wie das vor
drei Jahren verhängte. Der Kulturkampf um den Tabak wäre dann vor allem
einer um das Verdienst, verschärfte Verbote durchgesetzt zu haben.
Vielleicht neidet die CSV dem Gesundheitsminister einfach den
Medien-Coup, rauchfreie Cafés angekündigt zu haben. |