Karl Marx und Luxemburg (3)

Freihandel und Moselwinzer

d'Lëtzebuerger Land vom 23.03.2018

Bis vor nicht allzu langer Zeit erfuhren die Luxemburger die wichtigen Nachrichten über ihr Land aus der ausländischen Presse. „Köln, 14 Feb. Der Großherzog von Luxemburg hat den Vertrag, durch welchen Luxemburg dem Zollvereine beitritt, ratificirt“, beginnt ein längerer Beitrag im Diekircher Wochenblatt vom 5. März 1842 mit der Quellenangabe „Rh. Z.“. Der Artikel stand mit kleinen orthografischen Abweichungen in der Rheinischen Zeitung vom 15. Februar 1842. Es ist unklar, ob die Diekircher Wochenzeitung die Rheinische Zeitung bezog oder deren Beitrag bereits in einer anderen Zeitung nachgedruckt gefunden hatte.

Denn die Rheinische Zeitung für Politik, Handel und Gewerbe war erst sechs Wochen zuvor von wohlhabenden Kölner Bürgern gegründet worden, als liberales Sprachrohr für Freihandel und Demokratie im autoritären preußischen Staat. Am 5. Mai veröffentlichte ein junger Doktor der Philosophie aus Trier namens Karl Marx seinen ersten Beitrag in der neuen Tageszeitung: „Die Verhandlungen des 6. rheinischen Landtags. Von einem Rheinländer. Erster Artikel. Debatten über Pressfreiheit und Publication der Landständischen Verhandlungen.“

Marx hatte in Bonn (d’Land, 6.10.2017), dann in Berlin Recht studiert, in Jena über die Philosophen Epikur und Demokrit promoviert und war dann wieder nach Bonn gezogen. Er wollte Philosophie-Professor werden. Aber für einen Linkshegelianer wie ihn gab es keine Beschäftigung mehr an einer preußischen Universität. So wandte er sich dem Journalismus zu. Schon im Oktober 1842 wurde der gerade 24-jährige Korrespondent der Rheinischen Zeitung ihr Chefredakteur. Es sollte die einzige feste Anstellung seines Lebens werden, sie sollte gerade sechs Monate dauern.

In einer vom 25. Oktober bis 3. November 1842 veröffentlichten Artikelserie beschrieb Karl Marx die „Debatten über das Holzdiebstahls-Gesetz“ im sechsten rheinischen Landtag. Mit dem Gesetzentwurf sollten die jahrhundertealte genossenschaftliche Waldnutzung und das Gewohnheitsrecht der Armen, in den Wäldern heruntergefallene Zweige und Äste als Brennholz zu sammeln, zum Diebstahl erklärt werden. Das Gesetz sollte sie zwingen, ihr Brennholz zu kaufen, wenn sie nicht frieren wollten.

Marx war empört. Der studierte Jurist versuchte, den Gesetzentwurf mit juristischen Argumenten zu widerlegen. Aber das Recht der Armen ist keine rechtliche Frage. Im neuen bürgerlichen Zeitalter, das alles zu einer Ware machte, selbst abgestorbene Zweige, stieß der junge Mann auf die Macht der Eigentümer und die Not der Besitzlosen, entdeckte eine für ihn neue Welt jenseits von Recht und Philosophie: die Ökonomie.

Bis heute schafft jedes Freihandelsabkommen Gewinner und Verlierer. Aus Luxemburg berichtete die Rheinische Zeitung am 10. Januar 1842: „In unserer Stadt herrscht nichts weniger als Sympathie für Deutschland, und gerade aus diesem Grunde verkennen ihre Bewohner die Vortheile, welche ihnen die Anschließung an den deutschen Zollverein gewähren würde. […] Namentlich gibt man sich das Ansehen, als besorge man die Verarmung der Bauern, die leider in manchen Bezirken kaum noch weiter gehen kann […]. Von den Gerbereien, Handschuh- und Papierfabrikanten und anderen Gewerbzweigen, die alle durch den Anschluß an den Verein gewinnen würden, schweigt aber der verirrte Patriotismus am liebsten.“

So wie der holländische König-Großherzog den Zollverein nutzen wollte, um die Beziehungen Luxemburgs zum revolutionären Belgien zu kappen, so verfolgte auch Deutschland politische Absichten: „In merkantilischer Hinsicht hat Luxemburg für Deutschland keine Wichtigkeit. Was gewinnt der große deutsche Markt durch den Zuwachs von einigen 120,000 Menschen, die weder ein reiches Land, noch eine reiche Industrie besitzen? Materiell gewinnt nur Luxemburg, das sich irgend einem Nachbar anschließen mußte, um leben zu können“, erklärte die Rheinische Zeitung am 17. Februar 1842. Aber „Luxemburg gehört von jetzt Deutschland weit inniger an, als in irgend einer Periode seiner Geschichte und steht Frankreich ferner als je.“

Anfangs gehörten die Luxemburger Moselwinzer, viele in Armut lebende Kleinbauern und Tagelöhner, zu den Verlierern des Zollvereins. Denn „ce n’est que quelques décennies plus tard (après la guerre de 1870) que notre viticulture, grâce à cette Union, prenait un essor bénéfique. Vers la moitié du 19e siècle, notre situation viticole, toujours grevée par des taxes exorbitantes, compromise par de nombreuses vendanges médiocres voire mauvaises, incitait pas mal de familles mosellanes à fuir la faim et la misère dont ils souffraient dans leur patrie pour chercher refuge et subsistance aux État-Unis“, schreibt der Moselchronist Martin Gerges1.

Hierzulande sprach sich herum, welche Katastrophe der Zollverein für die deutschen Moselwinzer darstellte. Die Diekircher Wochenzeitung beruhigte ihre Leser am 26. Februar 1842 mit einem Artikel aus der Preußischen Staatszeitung, dass die Luxemburger Moselwinzer weniger zu befürchten hätten, weil „der untermoseler dem luxemburger Landweine eben so wenig Schaden zufügen könnte, als es durch den freien Umgang der franz. Weine geschah. Der Untermosler würde daher nur die französische Weine verdrängen welche von der bemittelten Classe consumirt werden, nicht aber der Landwein, den sich die unbemittelte Classe eines niedrigen Preises wegen zueignet, bis zu dem untermoseler, nie herabsinken wird.“ Doch die Moselwinzer hatten zumindest „anfangs noch Schwierigkeiten Fuß zu fassen, ja sogar mit einem Rückgang ihrer hauptsächlich für den einheimischen Konsum bestimmten Produktion zu kämpfen“, so eine Ausstellung über den Zollverein2.

Die Rheinische Zeitung hatte in kurzen Nachrichten über die Weinbaukrise an der Mosel berichtet. Dann veröffentlichte sie am 15. November 1842 eine längere Korrespondenz „++Von der Mosel, 12. Nov.“: „Während in ihren bessern Zeiten (1818-1825) die Moselbewohner ihr, von ihnen über Alles theuer und lieb gehaltenes, Thal in der Weinlese mit fröhlichem Schall und Gesang erfüllten und dem Geber alles Guten in freudiger Dankbarkeit den Heurigen zur Libation brachten, schlichen dieses Mal unter der Last der Traubenbürde traurige Gestalten der Kelter zu; – denn, – sie herbsteten nicht für sich, sondern für ihre Gläubiger. Todesstille herrschte im ganzen Thale“, klagt der anonyme Korrespondent. Doch „der Moselbewohner ist nicht so egoistischer Natur, daß er scheelsüchtig auf den für ganz Deutschland sowohl in politische, als kommerzieller Beziehung segensreich wirkenden Zollverein blickt; aber das empfindet er tief, daß er das Opfer ist, welches der Zollverband fordert und welches als solches widerstandlos verbluten muß. Wenig oder besser gar Nichts ist zu seiner Rettung geschehen, und seine tiefsten Stoßseufzer, sein Schrei des Erbarmens verhallten ohne Anklang im eigenen Vaterlande und im Vaterlande seiner deutschen Brüder. […] Die in Folge des allgemeinen Zollverbandes herbeigeführte freie Konkurrenz ausländischer Weine drückte die Preise der Mosel-Weine sehr herab und hemmte den Absatz des geringen und mittlren Weine dergestalt, daß die kostspielige Berwirthschaftung des Weinstockes kein Aequivalent mehr im Werthe des Produktes fand, woraus nothwendig eine Verminderung des Kapitalwerthes der Grundgüter folgen mußte. In diesem desolaten Zustande zahlte der Winzer dieselbe Steuer, wie unter den frühern günstigen Verhältnissen.“

Ein Jahrzehnt später druckte das Luxemburger Wort am 14. April 1854 den Brief eines Wormeldingers ab, der erklärte, weshalb er nach Amerika auswanderte. Die Beschreibung der Lage am Luxemburger Moselufer erinnert bis in die Wortwahl hinein an die Korrespondenz der Rheinischen Zeitung von den deutschen Moselufern. Ein Großteil der Landesbewohner „traînent leur existence dans la plus grande misère, tandis que les autres n’ont qu’à se louer de certains bienfaits. Je parle des habitants de la Moselle qui, comme tout le monde le sait, furent oubliés partout où il s’agissait du bien-être commun. Depuis de longues années nous supportions avec patience une profonde misère, sans jamais élever la voix pour attirer sur nous, ou l’attention du gouvernement, ou celle du public. L’État vit notre malheureuse situation, mais il restait insensible, il favorisait d’autres contrées. Nous avons assez d’eau et de vin, on sait cela ; mais on sait aussi que nous manquons de vivres, que nous sommes près d’être dévorés par la faim et d’être entièrement ruinés par les dettes ; on entend nos soupirs, on entend nos gémissements, mais ils se perdent dans le vent, on est sourd à la voix du malheur. Nous périssons, on le sait, on pourrait nous porter du secours; on ne le fait pas, on favorise où la faveur est superflue. Notre mère, la patrie, avait produit assez pour nourrir tous ses enfants; mais il a paru plus utile de vendre à l’étranger les dons du sol paternel et laisser périr l’enfant de la patrie. L’intérêt de l’un ou de l’autre prévaut.“

In einer kurzen Fortsetzung des Moselkorrespondenz hatte die Rheinische Zeitung am 12. Dezember 1842 scharfe Vorwürfe an den preußischen Obrigkeitsstaat gerichtet: „Der desolate Zustand der Winzer war höhern Orts lange in Zweifel gezogen und ihr Nothgeschrei für freches Gekreisch gehalten worden.“ Die Korrespondenzen von der Mosel waren, wie zu der Zeit in der Presse üblich, anonym veröffentlicht worden. Erst Jahrzehnte später wurde der am Trierer Landgericht entlassene Kasseler Jurist Peter Josef Coblenz (1811-1854) als Autor identifiziert3. Aber als der Oberpräsident der Rheinprovinz, Eduard von Schaper (1792-1868), die Veröffentlichung von Gegendarstellungen erzwang, gab Chefredakteur Karl Marx sich als Autor aus.

Marx wollte eine längere, präzise Replik verfassen und musste sich dazu erneut mit ökonomischen Fragen befassen, wobei er als Trierer den Weinbau an der Mosel bestens kannte. Dabei plädierte er am 17. Januar 1843 zuerst nachdrücklich für die Pressefreiheit und ging dann von der Feststellung aus: „Der Nothzustand der Moselgegend kann nicht als ein einfacher Zustand betrachtet werden. Man wird mindestens immer zwei Seiten unterscheiden müssen, den Privatzustand und den Staatszustand, denn so wenig die Moselgegend außerhalb des Staats, so wenig liegt ihr Nothzustand außer der Staatsverwaltung.“ Marx spürte den Ursachen nach, weshalb die Not der Moselwinzer nicht wahrgenommen wurde. Beispielsweise bei den Winzern selbst (18. Januar 1843): „Es kömmt hinzu, daß der augenscheinlich arme Winzer weder Zeit, noch Bildung zur Schilderung seiner Zustände besitzt, daß also der arme Winzer nicht sprechen kann, während der Weinbautreibende, der sprechen kann, nicht augenscheinlich arm ist, also ohne Grund zu sprechen scheint.“

Aber vor allem suchte Marx die Ursache in der Bürokratie, die er mit einer höchst modernen Managementtheorie beschrieb: „Der einzelne, dem Winzer zunächst stehende Beamte sieht nicht absichtlich, sondern nothwendig die Zustände besser oder anders an, als sie sind. Er glaubt, die Frage, ob sich seine Gegend wohl befinde, sei die Frage, ob er sie wohl verwalte. Ob die Verwaltungsmaximen und Institutionen überhaupt gut sind, ist eine Frage, die außerhalb seiner Sphäre liegt“. Darüber steht die „höhere kollegialische Behörde“, sie „hat überdem ihre Überlieferungen. Sie hat also auch in Bezug auf die Moselgegend ihre einmal feststehenden Grundsätze, sie besitzt in dem Kataster die amtliche Gestalt des Landes, sie hat amtliche Festsetzungen über Einnahmen und Ausgaben, sie hat überall neben der reellen Wirklichkeit eine bureaukratische Wirklichkeit, die ihre Autorität behält, so sehr die Zeit wechseln mag.“ Am Ende hat die „einzelne Verwaltungsbehörde nicht die Institutionen und Gesetze zu machen, sondern sie anzuwenden. Sie kann daher nicht die Verwaltung selbst, sondern nur den Gegenstand der Verwaltung zu reformiren suchen“.

Das war zu viel für den preußischen Staat. Von seiner fünfteiligen Replik konnte Marx nur zwei Teile, „Die Frage in Bezug auf die Holzvertheilung“ am 15. Januar 1843 und „Das Verhältniß der Moselgegend zur Kabinettsordre v. 24. Dez. 1841 und der durch dieselbe bewirkten freieren Bewegung der Presse“ vom 17. bis 20. Januar 1843 veröffentlichen. Die Zensur verhinderte die Auslieferung der Ausgabe vom 27. Januar 1843 mit dem dritten Teil, „Die Krebsschäden der Moselgegend“; er erschien zwei Jahre später unter dem Titel „Furcht vor der Presse“ anonym in Karl Heinzens Buch über Die Preußische Büreaukratie4. Am 17. März 1843 erklärte er wegen „der jetzigen Censurverhältnisse“ sein Ausscheiden aus der Redaktion. Aber das konnte die liberal-demokratische Zeitung ebenso wenig retten wie der Versuch ihrer Besitzer, beim preußischen König in Berlin vorzusprechen. Die Rheinische Zeitung wurde verboten und erschien am 31. März 1843 zum letzten Mal.

Wenige Monate später trat Marx den Weg ins Exil an. In der Revolution von 1848 brachte er in Köln eine Neue Rheinische Zeitung. Organ der Demokratie heraus; die Tageszeitung wurde nach einem Jahr verboten. Seine 1850 in London herausgegebene Monatszeitschrift Neue Rheinische Zeitung. Politisch-ökonomische Revue brachte es auf sechs Nummern.

Nach Marx‘ Tod schrieb sein Freund Friedrich Engels am 15. April 1895 dem Verleger Richard Fischer: „Was den Moselartikel angeht, so bin ich der Sache soweit sicher, als ich von M. immer gehört, grade durch seine Beschäftigung mit dem Holzdiebstahlsgesetz und mit der Lage der Moselbauern sei er von der bloßen Politik auf ökonomische Verhältnisse verwiesen worden und so zum Sozialismus gekommen.“

1 „La situation économique de notre viticulture après 1839“, in: A Possen, Schwebsange, 1972, S. 84

2 Halt! Douane. Lëtzebuerg am däitschen Zollveräin 1842-1918, Archives nationales, Luxembourg, 2017, S. 28

3 Hans Stein, „Karl Marx und der rheinische Pauperismus des Vormärz. Eine Studie zur Sozialpolitik der Rheinischen Zeitung von 1842/43“, in: Jahrbuch des Kölnischen Geschichtsvereins, Nr. 14, Köln, 1932, S. 131 u. 139

4 Karl Heinzen, Die Preußische Büreaukratie, Darmstadt, 1845, S. 220

Romain Hilgert
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