Innenansichten eines Krisenjahres

1919

d'Lëtzebuerger Land du 18.10.2019

Revolution, Republik, Referendum – 1919 war in Luxemburg ein ereignisreiches Jahr, in dessen Verlauf die staatliche Ordnung, das nationale Selbstverständnis und die wirtschaftliche Ausrichtung in Frage gestellt wurden. Historik*innen haben sich der Geschehnisse rund um die monarchische Krise, die republikanische Initiative und die Volksbefragung vielfach angenommen. In diesem Essay soll es nun nicht um geschichtswissenschaftliche Erkenntnisse gehen, sondern um damalige Atmosphären, darum, die Irrungen und Wirrungen dieser zwölf Monate durch eine Collage freizulegen. Romanpassagen stehen neben Auszügen aus dem Memorial, Zeitungsartikel neben Militärberichten, Tagebucheinträge neben Gedichten. Nichts als historisches Material.

*

Hoffentlich werden wir 1919 wieder frei aufatmen und mit unserm Nationaldichter Lentz den Schlußpassus aus dem Feuerwagen kräftigt anstimmen können: „Kommt aus Frankreich, Belgien, Preußen, wir wollen Euch unsere Heimat zeigen!“ Das soll der Völkergruß für 1919 sein (Der arme Teufel, 28.4.1918).

En Haus brennt! D’Flamen schloen zum Dâch eraus! Scho krâchen d’Dunnen, an d’Follementer ziddern. An ennen do danzt a sprengt en harmlo’st Vollek beim Schall vu friemer Museck, beim Klank vu Champagnerglieser. A kê welt de Brand lèschen, a kên dat Volleck vun dèr schrecklecher Katastroph, de‘ all Minutt antriede kann, retten. – Dat Volleck, dat si mir. (D’Natio’n, 4.1.1919)

Dies ist umso notwendiger, als sich das Land vor die folgenschwersten Entscheidungen, von denen die Zukunft seines wirtschaftlichen Aufschwunges abhängt, gestellt sieht. Die Regierung ist denn auch Willens, den wirtschaftlichen Anschluß an die Ententemächte, besonders an Frankreich und an Belgien, herbeizuführen. Die zu dieser Annäherung erforderlichen Verhandlungen müssen in naher Zukunft angeknüpft werden. Tatsachen der letzten Wochen haben bewiesen, daß die Person unserer Landesherrin unter Umständen den Verlauf dieser Verhandlungen ungünstig beeinflussen könnte. (Verlautbarung der Regierung Reuter)

„Die Krone?“, entfuhr es Charlotte, und ihrem Gesicht, das die Kälte leicht gerötet hatte, war eine gewisse Ratlosigkeit abzulesen. „Aber du bist doch die Großherzogin! Wie sollte ich auch nur daran denken?“ „Es ist nur eine Hypothese, Lotti. Im Augenblick wenigstens. Aber du würdest deine Sache gut machen. Du gehst auf die Menschen zu, ich stoße sie ab …“ „Aber …“ (André Link: Auf Winters Schneide, S. 26)

Es mögen sehr liebenswürdige Erscheinungen sein. Das geht uns den Teufel wenig an. Wir haben holde Erscheinungen genug im Lande. Aber die sind bescheidener, die haben nicht die Präsentation, unsere Landesmütter zu sein. Da jede Frage heute nun einmal mit derbem Realismus angepackt wird, handelt es sich für unser Volk auch in dieser ausschließlich darum, ob es den Lebensinteressen des Landes mit solcher Leitung gedient ist. Wir antworten: Nein. (Tageblatt, 10.1.1919)

Il avait été décidé à „L’Action Républicaine“, dit M. SERVAIS, de réunir une Assemblée sur une place publique le 9 janvier, et de faire nommer une délégation qui se rendrait à la Chambre pour demander la proclamation de la République et la nomination d’un Conseil de Régence. Dans le cas où la Chambre ne ferait pas droit à cette demande, un Comité de gauche prendrait le pouvoir en mains, et ferait occuper tous les bâtiments publics par des soldats luxembourgeois sans armes. (Rapport des franz. Generalinspektors Roques)

[I]m Nu erfasst das alte Revolutionslied den ganzen Platz, und die aufgeheizte Aggressivität strömt in den Gesang wie ein wilder Fluss ins Meer. Leidenschaft, die sich aus der Hilflosigkeit reißt und in diesem Massengesang zu Stärke vereint. In Jeannes Brust jubelt es, sie singt voller Inbrunst mit, sie ist seliger Teil der Masse, der Euphorie, in der alles Denken untergeht. Sie ist eine Revoluzzerin und weiß es nicht einmal. (Margret Steckel: Servais. Roman einer Familie, S. 417)

„Na, wie ist es mit dem Aufruf?“, brüllte Eiffes. „Das Volk wartet, es will endlich vollendete Tatsachen.“ „Das geht nicht in fünf Minuten“, stammelte Mark, und Bürgermeister Housse, mit schweißglänzender Stirn über das Dokument gebeugt, fügte hinzu: „Über die künftige Staatsform wird eine verfassungsgebende Versammlung entscheiden.“ „Nein, wir wollen die Republik, sofort!“ „Die Republik, sonst nichts!“ In Emil Eiffes‘ grobschlächtigem Gesicht arbeitete es. (Link, S. 178)

Von der Freitreppe herab verkündete ich dem „Volke“, die Ausrufung der Republik werde, nach den Versicherungen der Abgeordneten, baldigst stattfinden: ich werde mich jetzt in die Kaserne begeben, aber sofort mit der ganzen Kompagnie und der Militärkapelle zurückkehren, um einen Umzug durch die Stadt zu halten, dem sich alle anschliessen möchten. (Émile Eiffes: Die revolutionäre Bewegung in Luxemburg 1918-1919: Erinnerungen, S. 86)

Sie erlebt Geschichte, reißt am Arm des Bruders, da plötzlich bricht der Gesang ab, das Portal öffnet sich, eine Gruppe von Leuten, unter ihnen der siebzigjährige Emile Servais, den Zylinder in der Hand, das weiße Haar im Wind, und seine Tochter, erscheinen auf der Treppe der Abgeordnetenkammer. Jetzt verstehen die Geschwister jedes Wort von dem, was der Onkel verliest: eine Proklamation zur Absetzung der Dynastie. Zum Präsidenten der Republik will man ihn ernennen. (Steckel, S. 417)

Der anfangs stellenweise losbrechende Jubelsturm geht in tosendes Protestrufen über. Man verlangt allgemein eine sofortige, endgültige Proklamation. Ich trete vor und gebe der Meinung Ausdruck, der Beschluss des sog. republikanischen Komitees biete nicht genügend Bürgschaft; die zu wählende Konstituante, sagte ich, könne doch nur den Kampf von neuem beginnen und schliesslich sogar das „Prinzip der Republik“ wieder verwerfen; man hätte heute ganze Arbeit leisten sollen und können. (Eiffes, S. 87)

Seit fünf Wochen haben wir gar keine Butter mehr erhalten. Fleisch gibt es sehr wenig. (Jean-Pierre Flohr: Kriegstagebuch eines Neutralen in Luxemburg-Stadt, Bd. 2, S. 235)

Wir rufen unser Volk gegen den Bolschewismus auf, der sich gestern in der Hauptstadt hervorwagte. Aus inneren Gründen: Ein Staatswesen kann nicht gedeihen ohne Ordnung und Gesetzlichkeit. Eine verschwindende Minorität darf nie und nimmer ihre rasende Unvernunft über die gerechten Anschauungen und Beschlüsse der Majorität setzen. (Luxemburger Wort, 10.1.1919)

Or, au moment où, par amour enthousiaste de la France, et pour nous rapprocher d’elle autant que possible, nous nous apprêtons à chasser la dynastie et à proclamer la République Luxembourgeoise autonome, ce sont les troupes françaises, c’est-à-dire les troupes du Gouvernement qui a refusé d’entrer en relations avec le Gouvernement de la Grande-Duchesse, qui nous en empêchent. Vous comprenez l’étonnement douloureux, l’amertume et finalement l’indignation qui s’est emparée d’une très grande partie de notre population. (republikanische Stimme, zitiert nach: Rapport von Roques)

Le 10, un poste français, placé à l’extérieur de l’Hôtel de la Chambre, s’assure, que seuls les députés y pénètrent. Mais un poste luxembourgeois contrôle aussi les entrées, et ses décisions ne coїncident pas avec celle du poste français. (Rapport von Roques)

Mitbürger! Man will den schönen republikanischen Feldzug sabotieren. Man will Luxemburg verkaufen. Schwöret Treue einer Luxemburger und unabhängigen Republik. Alle wirklichen Anhänger des Landes versammeln sich heute 3 Uhr zu einer Riesendemonstration im Kasernenhof in Luxemburg. Vive la République! Eiffes. (Flyer, abgedruckt in: Eiffes, S. 90)

Je ne considère nullement que des désordres fussent improbables. Il faut se souvenir de ce qui s’était passé à Esch quelques semaines auparavant. Une émeute provoquée par la vie chère y avait éclaté; les troupes américaines avaient laissé faire d’abord, mais furent obligées d’intervenir ensuite durement pour réprimer des actes de pillage qui laissent à la ville une charge de plusieurs millions. Qu’aurait-on dit si, sous les yeux des soldats français, un même malheur fut arrivé à la ville de Luxembourg? (Luc Housse, Bürgermeister von Luxemburg-Stadt, zitiert nach: Rapport von Roques)

Le Général américain commandant la 5e division, se trouvant momentanément à Esch-sur-Alzette, exige de la population de notre ville, qu’elle s’abstienne d’aller manifester à Luxemburg. Quiconque agira contrairement aura lui-même à supporter les conséquentes. Esch-sur-Alz, le 11 janvier 1919. (Flyer, zitiert nach: Heemecht 1974, S. 79)

Wir wissen ganz entschieden keine Revolution zu machen. Die französischen Offiziere, die mit dem sogenannten Putsch zu tun hatten, machten ernste Gesichter und waren aufs Äußerste gefaßt. Als sie sahen, wie unblutig und ruhig alles verlief, wunderten sie sich. Sie hatten uns mit ihrer Pariser Elle gemessen. Als nichts von dem geschah, was sie gefürchtet hatten, sagte einer im Scherz: „Ich glaube, ich werde Euch Luxemburgern ein Kolleg über Revolution lesen müssen.“ (Batty Weber: Abreißkalender, 12.1.1919)

Gemütlichkeit. Gestern hörte ich beim Zurückdrängen der Menge, aus der einige Proteste laut wurden, einen französischen Soldaten gemütlich sagen: „Reculez, reculez, s’il vous plaît; nous n’y pouvons rien.“ Ein junger Offizier sagte lächelnd: „Oh, Messieurs, Mesdames, allez donc manger votre soupe; nous autres pourrons alors aller manger notre soupe aussi.“ (Flohr, S. 235)

Vers treize heures, le Ministre de la Justice télégraphie au Général Commandant d’Armes que des volontaires ont dépouillé la bibliothèque de la gare de tous les exemplaires du journal „le Wort“, qu’ils ont brûlés sur la place. (Rapport von Roques)

Gestern Nachmittag haben sie sich mit Gewalt der Ausgabe des „Lux. Wort“ am Bahnhof bemächtigt und dieselbe auf öffentlichem Platze verbrannt. Wir erfahren aus zuverlässiger Quelle, dass der „Clerfer Zeitung“ dasselbe Schicksal zugedacht ist. Unsere Armee besteht nicht wie in anderen Ländern aus dem gesamten bewaffneten Volke, sondern aus 150 zwanzigjährigen Burschen, welche sämtlich freiwillig eingetreten sind, in der Hoffnung auf spätere gute Staatsstellen! Oeslinger! Wollt ihr euch von diesen 150 grünen Jungen unterdrücken und eurer Bürgerrechte beraubt lassen? Unter keiner Bedingung! Der Gewalt wird mit Gewalt entgegengetreten! (Flyer, zitiert nach: Eiffes, S. 93)

Les représentants du peuple délibérant et manifestant leurs sympathies françaises sous la menace méfiante des fusils français, à la grande joie de la réaction boche, c’était une surprise désagréable et un étrange spectacle. Qui a imaginé ce malheureux quiproquo? Nous sommes donc un pays conquis! (Die Volkstribüne, 11.1.1919)

A la suite de le déclaration des membres du Comité sur les intentions de faire paraître une déclaration, et un journal local „Die Volkstribüne“ ayant faire des commentaires désobligeants sur l’intervention française, l’article de l’arrêté concernant la presse a été mis en vigueur et communiqué aux journaux et au Maire pour éxécution immédiate (journaux, proclamations, tracts). Une censure préalable à la distribution a été instituée. (Rapport von Roques)

Nous avons reçu samedi soir la communication qu’à partir d’aujourd’hui, notre journal sera censuré. Nous apprenons qu’en même temps que nous, toute la presse luxembourgeoise à commencer par „L’Indépendance luxembourgeoise“ et sans oublier la „Luxemburger Zeitung“, se voit infliger la censure, par ordre du gouverneur de Luxembourg Monsieur le général la Tour. (Die Volkstribüne, 14.1.1919)

Er schob seine unbehandschuhten Hände in seine Manteltaschen und wandte sich um. Bevor er ging, sagte er noch zu den Kadetten: „Geht nach Hause, Jungs. Die Revolution ist vorbei.“ (Link, S. 190)

Auf Grund des mir von der Regierung über die Unterredung, welche Sie kürzlich zu Paris mit dem Minister für Auswärtige Angelegenheiten hatte, erstatteten Berichts, habe ich beschlossen, der Krone des Großherzogtums zu entsagen. Bei der Erfüllung meiner Aufgabe war ich stets beseelt von der Liebe zu meinem Lande und dem Wunsche, zur Hebung seines moralischen und geistigen Wohles beizutragen. […] Möge das Luxemburger Volk mit Hilfe der göttlichen Vorsehung einer Zukunft des Friedens und Gedeihens entgegengehen, indem es seine nationale Überlieferungen und den unermeßlichen Schatz seiner Unabhängigkeit unversehrt erhält. (Memorial, 18.1.1919)

Als gehe es sie nichts mehr an, hatte sich Marie-Adelheid in den Hintergrund zurückgezogen. Welter verbeugte sich vor ihr und sagte: „Sie waren eine große Herrscherin. Schande über das Land, das Sie davonjagt!“ „Sie sehen das zu dramatisch, Herr Welter. Die Weltgeschichte wird rasch über uns hinweggehen. Wer sind wir schließlich?“ „Sie sind unvergessen“, murmelte Welter und nestelte an seinen Manschetten. (Link, S. 182)

Ich bin stolz auf den Eid, den ich soeben in die Hände der Delegierten der Luxemburgischen Kammer abgelegt habe. Ich fasse meinen Eid in dem Sinne auf, daß ich die Interessen des Luxemburger Volkes über Alles stelle, daß ich sein Leben leben und an seinen Freuden und Leiden teilnehmen will. […] Ich wünsche, daß aus dieser Vereinigung sich dem Lande eine Ära des Wohlstandes, des moralischen und materiellen Glücks eröffne. (Memorial, 18.1.1919)

Großherzogin Charlotte wird am 23. Januar 23 Jahre alt; sie ist auf Schloß Berg geboren und hat sich im November vorigen Jahres mit dem Prinzen Felix von Bourbon-Parma, einem direkten Abkömmling von Ludwig XIV., verlobt. Die neue Großherzogin ist heiteren und offenen Charakters. (Flohr, S. 238)

Mit Zittern und Zagen hat die neue Großherzogin, Prinzessin Charlotte von Nassau-Braganza, die „Regierung“ angetreten. Es ist nur eine Redefloskel. Wer regiert, d. h. wer weiterregiert, wissen wir. Es ist die schwarze Internationale, die nur zu gut weiß, was sie dieser Dynastie verdankt. (Tageblatt, 31.1.1919)

Heute Nachmittag hat Großherzogin Marie-Adelheid das Land verlassen. Sie fuhr im Automobil von Schloß Berg nach Didenhofen und reiste von dort im Salonwagen nach Montreux am Genfer See. (Flohr S. 241)

Seit zwei Wochen wird in Luxemburg eine Zeitung „Le Luxembourg“, in deutscher und französischer Sprache gedruckt und gratis verschickt, um Propaganda für Belgien zu machen. (Flohr, S. 244)

De’ bèlsch Klack. Si huot fir ons kè rènge Klank. Annexio’n! Personalunio’n! Interessenunio’n! So‘ laut et zu Hâf. Mir lauschtern hei dem friéme Schall a kennen ons net dermat befrenden. Wat bedeit all dat Gebimmels a Gebammels an dém kè kloren To’n ass? (D’Natio’n, 1.2.1919)

Unsere politische Lage ist immer noch nicht geklärt. Unbeantwortet bleiben noch die großen Fragen: Bleiben wir autonom und unabhängig mit unserm eigenen Fürstenhaus? Kommt die von einer gewissen Seite angestrebte Personalunion mit Belgien zustande? Bekommt die republikanische Partei bei uns Oberwasser? Werden wir Frankreich oder Belgien angegliedert? (Flohr, S. 253)

Auf dem Wochenmarkt in Luxemburg kosten: Eier 5 bis 6 Fr. das Dutzend; Butter 7.50 bis 9 Fr. das Pfund. Gemüse ist ebenfalls noch sehr teuer: z. B. kostet ein Kopf Salat 1 bis 1.25 Fr. (Flohr, S. 268)

Die französischen Kolonien: Algerien, Tunis, Marokko, Westafrika, franz. Kongo, Fr. Somaliküste, Indo-China, Cochinchina, Kambodscha, Anam, Tonkin, St. Pierre, Miquelon, Guadeloupe, Martinique, franz. Guyana, Neukaledonien, Oceanien, Réunion, Madagascar. Eine Quelle des Reichtums auch für Luxemburg. Daher wirtschaftl. Anschluss an Frankreich. (Tageblatt, 27.9.1919)

Am Sonntag, den 16. März, war großer Nationalfesttag für das Luxemburger Land: es empfing in seiner Hauptstadt die luxemburgischen Kriegsvolontäre (Legionäre), die sich in die französische Armee einstellen ließen um für die Befreiung der Menschheit und im besondern für die Befreiung ihres kleinen Heimatlandes zu kämpfen und zu bluten. Zu dreitausend Mann waren sie unter Frankreichs Fahnen in den Kampf gezogen, zu kaum 300 kehrten sie zurück; die übrigen sind gefallen oder schwer verwundet worden. Außerdem haben sich noch an die zweitausend Luxemburger bei den andern alliierten Armeen anwerben lassen. Kein anderes neutrales Land hat prozentual soviel Soldaten bei den verbündeten Armeen gehabt wie Luxemburg. (Flohr, S. 255)

Or, Messieurs, il est urgent de solutionner cet état de choses, de prévenir de nouvelles agitations, qui ne se reproduiront pas si on se hâte; et pour ne pas risquer de s’étendre, elles ne doivent pas se renouveler. Il faut donc que nous ne nous refusions pas plus longtemps à entendre les appels du peuple luxembourgeois qui a tant de titres à notre confiante sympathie. (Vifs applaudissements.) (Rede eines franz. Abgeordneten, zitiert nach: L’indépendance luxembourgeoise, 28.9.1919)

Hierauf Fortsetzung der Debatte über Art. 52 der Verfassung. Zur Abstimmung kommt es zuerst über den Antrag Jos. Thorn. Der erste Theil, der das allgemeine Stimmrecht vorsieht, wird einstimmig angenommen. (Obermosel-Zeitung, 3.4.1919)

Es gab eine Zeit, da war noch Butter in unsern Verteilungszentralen. Es gab sogar eine Zeit, da sagte ein sog. Minister in der luxemburgischen Kammer, auf den Kopf der Bevölkerung entfalle wöchentlich ein viertel Pfund Butter. O, oui ma chère, das bestand wirklich einmal in unserm Land. (Die Schmiede, 5.4.1919)

Am 13. August beriet die Kammer über die Verteilung einer Teuerungszulage von 15 Millionen an die Arbeiterschaft des Landes. (Nikolaus Welter: Im Dienste. Erinnerungen aus verworrener Zeit, S. 191)

Tausende von Arbeitern waren aus dem Erzrevier und aus der Umgebung Luxemburgs herbeigeströmt. Reden wurden von der Treppe des Stadthauses und des Kammergebäudes herab gehalten. Die Manifestanten verlangten eine höhere Arbeiterteuerungszulage und billigere Lebensmittel. (Flohr, S. 285)

Das Haus der Volksvertretung wird gestürmt. Im Erdgeschoß hinter der Treppe stehen vier Gendarmen mit gezogenem Revolver. Alle übrigen Gäste des Hauses suchen sich vor den Würfen zu bergen. Einige steigen zum Sitzungssaal; der aber wird von außen ebenfalls unter die Schleuderfaust genommen und es müssen die dort Geborgenen von Wand zu Wand kriechen, umhagelt von Steinen und Scheibensplittern. Andere retten sich unters Dach und wagen durch das Mansardenfenster dann und wann einen zagen Blick in den johlenden Aufruhr. Die meisten verziehen sich in das Kellergewölbe. (Welter, S. 192)

Auch von der Frontseite her wurden wiederholt Versuche gemacht in das Kammergebäude einzudringen, doch vereitelte auch hier das pflichttreue Verhalten der paar Gendarmen, die in die Luft schossen, dieses Unterfangen. Darauf rückten unsere Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett an und säuberten die Straßen um die Kammer herum, wobei ihnen französische Soldaten des 118. Regiments, die ebenfalls unter Führung eines Offiziers angerückt waren, Hilfe leisteten. Gegen zehn Uhr abends trat Ruhe ein. (Flohr, S. 285f.)

Wir haben den Dämon Masse einige Stunden am Werk gesehen. Der Geist aber erwägt die Möglichkeiten, die, beim Hereinbruch der Volksherrschaft, unter dem Schwung der sowjetistischen Freiheit grauenvoll aufspringen müßten. (Welter, S. 194)

Wanns d’ê geseis, dén net gier schafft, / Mé dichteg suppt a kräfteg bafft; / Dé gieren hölt mam ganze Grapp, / Wo‘ hie kê Rècht huet op e Knapp: / Dât aß e Bolschewik. (Willy Goergen: Fridd a Freihêt, S. 22)

Wenn ein Arbeiter hier in unserem Herrgottländchen einen Vorgesetzten auf eine Ungerechtigkeit aufmerksam macht, oder sonst eine gerechte Forderung verteidigt, gleich heißt es: der Bolschewik. […] Deshalb auch wird in der gesamten Presse der Bourgeoisie der Bolschewismus als der Inbegriff alles Schändlichen und Unmöglichen hingestellt. (Die Schmiede, 15.11.1919)

Appel un d’Letzeburger! ’t ass Zeit, ’t ass Zeit, meng le’f gutt Leit, / Dir sollt an dèrft keng Stonn verle’ern, / Sieft éneg, datt iech d’Welt eso’ geseit, / Mat dèr dir wellt a musst verke’ern. / Wurfir well dir iech lâng nach streidden, / - Dén ên zitt hott, dén anern har, – Wie muss zu Fo’ss gon, kann net reidden, / Wie wêss, vleicht kritt e muer eng Kar. (D’Natio’n, 13.11.1919)

Sonntag, den 28. September 1919, gingen alle großjährigen Luxemburger und Luxemburgerinnen zum ersten Mal zu den Urnen eines Volksreferendums. Dieser galt der Frage der politischen und ökonomischen Zukunft unseres Ländchens. Ein scheußlicher Regentag. (Flohr, S. 294)

Nombre des électeurs et électrices inscrits: 125.775. Nombre des votants: 90.984. Orientation politique: Nombre des bulletions valables: 85.871. Nombre des bulletins nuls (et blancs): 5113. Pour le maintien de la grande-duchesse régnante: 66.811 voix. Pour une autre grand-duchesse de la même dynastie: 1286 voix. Pour l’avènement d’une autre dynastie: 889 voix. Pour le régime républicain: 16.885 voix. Orientation économique: Nombre des bulletins valables: 82.375. Nombre des bulletins nuls (et blancs): 8609. Pour l’union économique avec la Belgique: 22.242 voix. Pour l’union économique avec la France: 60.133 voix. (L’indépendance luxembourgeoise, 2.10.1919)

De Referendum ass also’ exakt ausgefall, we’ mir et vru 14 Dég schons virausgesot. Frankreich ass uewen, dank der klerikaler Partei an hirem Organ, dem „Luxemburger Wort“, dat als Propagandamettel oner-
rêcht am Land ass. (D’Natio’n, 4.10.1919)

Das Luxemburger Volk hat also am Sonntag seinem Herrscherhaus ein glänzendes Vertrauenszeugnis ausgestellt und die stupiden Hasser und kleinlichen Verfolger desselben einfach zerschmettert. (LW, 2.10.1919)

Und wenn die gewaltige Flut über Europa losbricht, dann werden auch wir davon überschwemmt und in allen Winkeln wird der alte Bau krachen und beben. Bei uns geschieht im Kleinen, was sich bei den großen Staaten im Großen ereignet. Im letzten Monat Januar hatten wir auch unser Revolutiönchen. Sie hatte sich so hoffnungsvoll angelassen, brach aber zusammen, als diejenigen Verrat übten, auf deren Mitwirkung man so sehr gerechnet hatte. Man darf diesen Zusammenbruch nicht zu tragisch nehmen. Die Frucht war noch nicht reif, wir allein können der Geschichte der alten Welt keine neue Richtung geben. Die, welche gesiegt haben, brauchen sich ihres Sieges nicht zu freuen. Es ist nur eine Galgenfrist. (Die Volkstribüne, 31.12.1919)

Ja, das ist das neue Hohelied, das wir anstimmen wollen an den Portalen der neuen Zeit: „Credo in unum Deum.“ „Wir glauben an den einen Gott.“ So muß der neue Frühling, der heilige Frühling der Menschheit anheben, und das Reich der Liebe! (LW, 1.1.1920)

Am kommenden Freitag, den 25. Oktober, ist der Autor Herbert Kapfer mit seinem Collage-Roman 1919. Fiktion, an dem sich der Essay inspiriert hat, im Institut Pierre Werner zu Gast. Sein Werk beschäftigt sich mit den Geschehnissen von vor hundert Jahren in Deutschland. Ort: Abtei Neumünster, Beginn: 19 Uhr. Am Donnerstag, den 7. November, veranstaltet das Kasemattentheater eine szenische Lesung zum Thema 1919 – Vive d’Republik! Beginn: 20 Uhr

Footnote

Samuel Hamen
© 2019 d’Lëtzebuerger Land