Unser täglich Brot

d'Lëtzebuerger Land du 23.03.2018

Noch eine Woche, dann ist Ostern und die Fastenzeit ist vorbei. So gesehen, passte die Parlamentsdebatte über die Lebensmittelverschwendung am Mittwoch gut in die Jahreszeit. Denn dort mahnten Vertreter aller Fraktionen zum bewussten Lebensmittelkonsum. Ein mutiger Schritt, denn es ist heutzutage nirgendwo leichter, Fehler zu machen als bei der bewussten Ernährung. Sie ist ein wahres Minenfeld und das nicht nur von einem ernährungswissenschaftlichen Standpunkt, sondern vor allem unter moralischen Aspekten – und von da aus schlittert man ganz leicht, quasi wie frisch geölt, in die politische Teufelsküche.

Denn die gute alte Fastenzeit, nach asketischer Art, ist ohnehin etwas aus der Mode gekommen. Statt bis Aschermittwoch zu feiern, und dann die Ess- und Trinkgewohnheiten umzustellen, beginnen jedes Jahr mehr Leute bereits am 1. Januar eine Art Ramadan und trinken einen Monat keinen Alkohol, um zu entgiften. Dieses Verhalten führt aber nicht zwingend dazu, dass sie richtigen Muslimen, an deren religiöse Praktiken ihre Detox angelehnt ist, in anderen Belangen ebenso viel Sympathie und Verständnis entgegenbringen würden, beispielsweise in Bezug auf Frisurentrends für Frauen.

Es ist allerdings nicht nur der muslimische Ramadan, der als konfessionelles Ereignis unter vergänglichen Ernährungstendenzen leidet. Viele essen, um ein paar Kilos zu verlieren, kein Brot, um die Kohlenhydratzufuhr zu reduzieren. Dabei heißt es im Vaterunser „unser täglich Brot gib uns heute...“ und man stelle sich mal Jesus ohne Brot beim Abendmahl vor, wie er sagt: „Dies ist mein Leib“ und dabei Sprossensalat an die Jünger verteilt. Völlig unverfroren verhöhnen Vegetarier und Veganer die Opferbereitschaft der Katholiken auf der Suche nach Gott, indem sie einfach komplett auf Fleisch verzichten, statt nur einen Monat lang. Und sie machen sich dabei der kulturellen Aneignung an Hindus und Anhängern des Jainismus schuldig.

Gefrorenes Fleisch ist ein gutes Stichwort, denn während die Abgeordneten am Mittwoch im Parlament diskutierten, wie man aus dem Inhalt einer Mülltonne ein Sternemenü kochen kann, wurde in den Wochen davor das schlechte Fleisch aus Bastogne aus den Supermarktregalen geräumt. Dass das Schlachthaus einfach die Etiketten mit dem Haltbarkeitsdatum ausgetauscht, und das Fleisch auf dem Balkan verkauft hat, ist vor dem Hintergrund der Diskussion um regional bezogene Lebensmittel ein besonders heikler Punkt. Seit Jahren wird der Konsument mit Labels wie „aus der Regioun fir d’Regioun“ bombardiert, aber unser Gammelfleisch wird bis in den Kosovo gefahren, statt dass es lokal verarbeitet wird. Wo bleibt denn da die Kohärenz?

Als Bäckersohn verfügt der Bettemburger Bürgermeister und CSV-Abgeordnete Laurent Zeimet sicher über einiges Hintergrundwissen in der Lebensmittelverarbeitung. Er erklärte auf dem Parlamentspodium, ein Joghurt werde nicht plötzlich um Mitternacht im Kühlschrank sauer und sei ungenießbar, wenn er einen Tag über dem Haltbarkeitsdatum sei. „Das“ koste ja auch alles Ressourcen, so Zeimet, und das sei umso schlimmer, wenn die Lebensmittel in Ländern hergestellt würden, die nicht genug hätten, setzte auch er sich für die lokale Lebensmittelproduktion ein. Da hat der Gemeindevater aber Glück, dass Fage künftig Joghurt im beschaulichen Bettemburg produzieren will, statt ihn aus dem krisengebeutelten Griechenland zu importieren. Lokaler kann Zeimet seinen Joghurt nur beziehen, wenn er ihn zuhause in der Küche selbst ansetzt.

Michèle Sinner
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