Grundschulreform

Noch ein „Ja, aber...“

d'Lëtzebuerger Land vom 25.01.2013

Er werde keine Empfehlungen abgeben, das sei nicht seine Aufgabe, betonte Siggy Koenig gleich vorweg. Auch sei sein Bericht, eine Zusammenfassung von vielen Stunden Austausch mit unterschiedlichen Schulpartnern, nicht repräsentativ. Ob er damit der Kritik begegnen wollte, er sei ohnehin parteiisch, darauf ging der ehemalige Generalkoordinator und Parteikollege von Unterrichtsministerin Mady Delvaux-Stehres nicht ein. Im Vorfeld waren derartige Vorwürfe aus den Reihen von Gewerkschaften und Opposition erhoben worden. Sie sollten zumindest teilweise Recht behalten.
Auch wenn sich der Autor in seinem 86-seitigen Bericht redlich darum bemüht, alle Facetten und Nuancen seines rund 45 Stunden umfassenden Interviewmaterials ausgewogen darzustellen, einige pädagogische Bemerkungen kann sich Koenig nicht verkneifen. Sie müssen für manche Ohren zwangsläufig politisch klingen.
Auf die Frage, die laut Regierungsprogramm im Mittelpunkt der Zwischenbilanz stehen sollte, die der Schuldirektoren und der Weiterbildung, gibt Koenig zwar keine Empfehlung. Er stellt den Präsidenten der Schulkomitees das gute Zeugnis aus, auch ohne Weisungsbefugnis die „delikate“ Aufgabe gemeistert zu haben, dies obwohl 45 von 154 Präsidenten seit 2009 ihren Posten wieder aufgegeben haben. Koenig gibt zu bedenken, dass kritisch zu prüfen sei, wie das Amt einer Leitung für die Grundschule aussehen würde. Einen Direktionsposten für jede Grundschule zu schaffen, um im Konfliktfall zu intervenieren, hieße, „c’est payer cher pour des actions peu fréquentes“. Wer seine Anmerkungen liest, kann den Eindruck gewinnen, Koenig sei – wie seine ehemalige Dienstherrin Mady Delvaux-Stehres – nicht so sehr für die Einführung einer Schuldirekton, wissenschaftliche Pro- und Kontra-Argumente dafür liefert er aber nicht, ebenso wenig wie die Unistudie.
Ansonsten bestätigt seine Analyse, was die quantitativen und qualitativen Befragungen der Universität ergeben und Lehrergewerkschaften in den vergangenen drei Jahre wiederholt beklagt haben: schwer lesbare Zeugnisse, Unklarheiten und Unsicherheiten im Umgang mit dem Kompetenzansatz,  wobei Koenig darauf hinweist, dass offenbar nicht jeder seiner Gesprächspartner über den neuen Bildungsplan informiert war.
Koenig listet akribisch auf, wie oft die Ministerin über ihr Reformprojekt informiert hat, unterstreicht, dass Mady Delvaux-Stehres, als die ersten Lehrer über zu viel Bürokratie klagten, bereits zum Schulbeginn 2009/2010 in einer Circulaire gemahnt hatte, nicht zu viel Zeit mit Berichte schreiben und organisatorischen Fragen zu verlieren, sondern sich auf die eigentliche Arbeit mit den Lehrern im Team und den Schülern zu konzentrieren.
Auch mit der vor allem von Gewerkschaften verbreiteten Behauptung, die Zentralisierung des Personalwesens von den Gemeinden auf den Staat sei ein versteckter Stellenabbau, untersucht Koenig. Die Kontingentierung sei nicht beliebt, vertrauten ihm seine Gesprächspartner an, sie verstehen sie nicht als Instrument, um mehr Gleichheit zu schaffen, wie es die Ministerin beteuert hat. Eigentlich sollte die soziale Gewichtung des Kontingents sicher stellen, dass Grundschulen mit weniger finanziellen Mitteln, aber mit mehr sozial schwachen Schülern über ausreichend Personal verfügen. Koenig nennt drei Beispiele von Gemeinden, die die Effekte des Kontingents belegen sollen, „die beginnen, sich bemerkbar zu machen“. Auch weist er darauf hin, dass seit der Reform „geschätzte 350 Stellen neu“ geschaffen wurden und die durchschnittlichen Kosten pro Grundschüler von 12 856 Euro im Jahr 2008 auf nunmehr 20 821 Euro, also um 62 Prozent gestiegen seien. Das Ministerium kommt inzwischen für zwei Drittel der Personalkosten auf, die Gemeinden tragen ein Drittel. Dass Koenig diese Daten einbindet, trägt dazu bei, das noch sehr lückenhafte Bild über die Effekte der Reform zu vervollständigen. Das gilt auch für seinen Versuch, das Schulalter und die Frage des Klassenwiderholens zu untersuchen. Leider ist die Datenlage jedoch zu schwach, um wirklich Trends zu erkennen.
Koenigs Bedürfnis, die jeweiligen Argumente seiner Gesprächspartner mit Fakten zu untermauern oder zu widerlegen, kann aber auch gegen ihn verwendet werden. Durch die Auswahl seiner Informationen läuft der ehemalige Generalkoordinator des Unterrichtsministeriums Gefahr, selbst wenn er es nicht beabsichtigt, sich dennoch zum Anwalt seiner Ministerin zu machen. Der Bericht ist vor allem eine wertvolle Quelle, um die Geschichte der Reform nachzuzeichnen und weitere Einschätzungen zur Umsetzung zu dokumentieren. Sowie Stärken und Schwächen verschiedener Ansätze aus der Sicht der Akteuren zu schildern. Mehr aber nicht.

Ines Kurschat
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