Was der Fluggast so alles überwinden muss

Fliegendes Zeug

d'Lëtzebuerger Land du 25.03.2016

Ich muss hier raus, sofort. Ein Fehler, all das. Ein großer Fehler. Der letzte zwar, immerhin. Aber ich will weiter Fehler machen, unbedingt. Hier staut sich die Angst. Die Angst-Aura ist so kompakt, ich komme kaum durch. Ich muss hier raus, sofort. Ich bin ein freier Mensch, niemand kann mich zwingen zu bleiben, auf Wiedersehen.

Dies geht gegen jeden Instinkt, gegen die Intelligenz, die vermutlich damit zu tun hat. Kein Tier steigt hier freiwillig ein, alles sträubt sich in mir, mein Herz galoppiert. Raus! Aus diesem Hochhinaus, in das man mich hinein lächelt, wie lächerlich ist das, diese Hybris. Raus hier, aber sofort, und dann unter freiem Himmel als freier Mensch seiner Wege gehen. Seiner Wege gehen, wie schön, gibt es Besseres?

Stattdessen krieche ich geduckt durch den Gang und schiele auf meine Nummer. Hoffentlich nicht neben dem Notausgang, ich sage es jedes Mal. Nicht neben dem Notausgang. Das schaffe ich nicht – den anderen zu helfen, den Kindern und den Behinderten und den Frauen und all den anderen. Ich bin nicht praktisch veranlagt, ich schaffe es nicht, mir diese Abläufe zu merken, das mit der Rettungsrutsche. Auch das mit der Sauerstoffmaske, ich weiß nicht.

Ich schaue immer auf die Pantomime, ich bin der letzte Mensch auf der Welt, der auf die Pantomime schaut, jedes Kind gähnt schon. Die Männer verkriechen sich hinter der Financial Times. Haben sie selber mitgebracht, Vorsorgen, man kriegt ja nix mehr für nix, sogar seine Wegzehrung muss man selber anschleppen. Wenn ich nicht auf die Pantomime schauen würde, erschiene mir das als arrogant, Hochmuth kommt vor dem Fall. Aber wenn die lustigen Filmchen kommen mit den Kids, denen man in aller Ruhe etwas überstülpen soll, schaue ich weg. Ich weiß nicht wohin, in den Himmel, in den ich jetzt komme?

Nach all der Mühsal, die ich hinter mir habe, nach allem, was ein so genannter Fluggast überwinden muss. Fluggast schleppt und wuchtet und beschriftet und beklebt, ratlos steht sie vor rätselhaften Geräten, die Rätsel will sie aber gar nicht lösen. Sie muss Damen mit extrem gleichmütigem Gesichtsausdruck um Beistand anbetteln. Solche wie sie gibt es hier kaum noch, alle absolvieren alles sehr cool, stellen sich an und stellen sich nicht so an.

Nach all den Demütigungen, die ich hinter mir habe in der bleichen Panikhalle, dem Ablegen des Schmucks, dem Herzeigen von Körperbestandteilen, die emotionslos angefasst werden. Irgendwann stehe ich barfuß da vor meinen Leidensgenossen. Die gefährlichsten Waffen, die Hammerzehen, werden aber nachlässig übersehen!

Ich sehe meine Mitmenschen an, was führt uns alle zusammen, Karma, Schicksal, Zufall, Fall? Ich sehe die Nachrichten vor mir, besonders wenn eine Gruppe dabei ist, die extra jung ist oder extra schön oder extra prominent, mit Fotos, ich sehe Teddybären auf Feldern, die Angehörigen, von denen man nur Sonnenbrillen und Haare sieht, werden abgeführt und psychologisch betreut.

Dann wird nach dem Flugschreiber geforscht. Dann sitzen die Piloten in den Sendungen, der Wortschatz erweitert sich um Ausdrücke wie „Schubumkehr“. Die Airline-Manager halten in schwarzen Anzügen Pressekonferenzen ab, sie haben Bügelfalten in den Gesichtern. Nachher sagen sie, dass Fliegen am sichersten sei. Warum glaube ich mir das nicht?

Die Angst der Männer ist so stark, sie halten es nicht aus, so ausgeliefert zu sein, keine Kanone hilft ihnen. Nur der gute Alkoholschutzengel. Die meisten tun belämmert, als würden sie vor sich hin dämmern, die Körper unter ihren Anzügen sind aber verhärtet und angespannt. Der antike Fluchtreflex. Wenn sie die Augen öffnen, scannen sie die Eintretenden. Welche mit Bärten, o je, welche ohne Bärte, noch o jeer. Welche mit Hautfarben, o je, Hautfarblose, noch ärger. Das sind die ärgsten. Vorne nehmen zwei orthodoxe Juden Platz. Die Araber dahinter, was tuscheln die immer so?

Der junge Mann vor mir wirkt so gehetzt, er kratzt sich am Kopf, er rutscht auf dem Platz hin und her. Er kramt im Gepäckfach, etwas raschelt. Er hustet. Irgendwann, zwischen ein paar Turbulenzen, kommt das Geschöpf, das man einst unter hold abspeicherte, eine Art Fee, kleine Mädchen wollten meist so eine werden. Es überreicht ein paar in einem hochsicherheitstraktmäßigen Plastik eingeschweißte Futtermoleküle.

Der junge Mann vor mir geht auf die Toilette. Was macht er dort nur?

Michèle Thoma
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