Weitere Änderungen am Berufsbildungsgesetz sollen die Reform endlich auf den richtigen Weg bringen

Doktor für die Berufsausbildung

d'Lëtzebuerger Land vom 23.03.2018

Es ist die Dauer-Großbaustelle im Erziehungsministerium: Die Berufsausbildung, die 2008 als ambitioniertes Reformprojekt noch unter der LSAP-Unterrichtsministerin Mady Delvaux verabschiedet wurde, sitzt immer noch nicht so richtig auf den Schienen. Nachdem sich der erste Direktor kurz nach Verabschiedung des entsprechenden Gesetzes in den Ruhestand verabschiedete, wurde sein Nachfolger wegen angeblicher Führungsschwäche abgesetzt. Dessem Nachfolger wiederum wurde eine spürbar geschicktere Hand bescheinigt, doch das verhinderte nicht, dass er nach nur knapp einem Jahr aus persönlichen Gründen den Posten verließ. Nun hat mit dem ehemaligen Leiter des technischen Lyzeums in Bonneweg, Jean-Marie Wirtgen, der mittlerweile vierte Mann seit dem Startschuss der Reform das Ruder übernommen.

Ob ihm mehr Glück bei der Umsetzung einer der komplexesten und umfassendsten Reformen im Bildungsbereich beschieden ist, muss sich noch zeigen. So viel ist sicher, Wirtgen wird schon jetzt eine deutliche Handschrift hinterlassen. Aufbauend auf Vorarbeiten seines Vorgängers Guy Belling hat Wirtgen wesentlich zu den Änderungsvorschlägen beigetragen, die neuerdings dem Schulausschuss der Abgeordnetenkammer vorliegen.

Damit hofft er, und besonders Erziehungsminister Claude Meisch (DP), eine Reihe noch bestehender Probleme bei der Umsetzung der 120 Berufe umfassenden Reform endlich in den Griff zu bekommen: Nachdem mit dem Reglement vom August 2016 der Berg von Ersatzmodulen von Berufsschülern entstanden war, die ein Modul nicht im ersten Anlauf bestanden hatten, ist dieser nun allmählich abgetragen. Nach einer Verlängerung der dreijährigen Ausbildungszeit um ein Jahr (in Ausnahmefällen auch um zwei Jahre), um den Rückstand aufholen zu können, sollen jetzt weitere Änderungen erfolgen.

Die kompetenzbasierte Benotung, wonach ein Auszubildender nur dann eine Modul besteht, wenn er alle obligatorischen Kompetenzen beherrscht, soll um ein punktbasiertes Benotungssystem ergänzt werden. Inzwischen gilt, dass wer 90 Prozent (oder je nach Ausbildung 80 oder 85 Prozent) der Kompetenzen erreicht hat, das Modul bestanden hat. Künftig sollen Noten vergeben werden, 30 Punkte hießen dann bestanden (siehe Interview).

Das gilt nicht nur für die Module, sondern auch für das Projet integré final (Pif), also die Abschlussprüfung am Ende der Ausbildungszeit. Anhand eines Projekts muss ein Schüler nachweisen, dass er oder sie die nötigen Kompetenzen hat, um den Beruf auszuüben. Bislang ist es so, dass die Bewertung eher Schwarz oder Weiß kennt: Eine Schülerin hat die Kompetenz oder sie hat sie nicht. Dass einer aber zum Beispiel über bestimmte Teilkompetenzen verfügt, über anderen nicht, das bildet das aktuelle Evaluationssystem nicht detailliert genug ab. So dass nun auch beim Pif die Noten zurückkehren.

Dass die sogenannte formative Benotung in der Berufsausbildung (wie zuvor bereits in der Grundschule) zurückgeschraubt und durch eine Kombination beider Evaluationen versetzt wird, kann als Beweis gelesen werden, wie schwer sich Luxemburger Lehrer nach wie vor damit tun, auf das Punktesystem zu verzichten und umzudenken. Und nicht nur sie: Schüler und Eltern hadern mit dem Hopp- oder Top-Prinzip und hatten in der Umfrage der Uni Luxemburg angegeben, sich nur bedingt im punktefreien System zurechtzufinden.

Den Verantwortlichen des Erziehungsministeriums geht es ausdrücklich nicht um eine Abkehr von der kompetenzbasierten Methode (Interview S. 29). Noch mehr als im Lyzeum geht es in der Berufsausbildung in erster Linie um die Anwendung von Wissen und Techniken. Kritiker aus dem Umfeld der Lehrergewerkschaften haben zwar in der Vergangenheit eingewandt, es brauche keine neue Methodik, sei es doch in der Berufsausbildung seit jeher um die Vermittlung von Können gegangen.

Tatsächlich meint der kompetenzorientierte Ansatz mehr als das routinierte Abspulen auswendig gelernter Abläufe: Auszubildende sollen im dualen System Methoden erlernen, die sie dazu befähigen, Probleme eigenständig zu lösen. Eine unabdingbare Fertigkeit in einer sich immer rascher wandelnden Arbeitswelt, in der die Halbwertszeit von Wissen rapide sinkt und sich wegen des technologischen Fortschritts Berufsinhalte und -praktiken öfters ändern. Mit dem kompetenzbasierten Ansatz taten und tun sich viele Berufsschullehrer jedoch schwer. Von Anfang an gab es Vorbehalte, auch weil der Kompetenzansatz bedeutet, die eigene Unterrichtspraxis zu hinterfragen, und er unzureichend erklärt wurde: Die Zusammenarbeit mit Experten des deutschen Berufsbildungszentrums, die Problematiken bei der Einführung und luxemburgische Spezifitäten ignorierten, gestaltete sich von Anfang an schwierig bis konfliktreich.

Mit einem neuen Partner, dem Eidgenössischen Hochschulinstitut für Berufsbildung (EHB) aus der Schweiz, hofft das Ministerium, soll der zweite Anlauf besser klappen. Drei Jahre lang werden die Experten Luxemburger Lehrplanteams mit Rat und Tat zur Seite stehen. Alle sechs Wochen treffen die Verantwortlichen der Abteilung Berufsbildung mit Berufsschullehrern und Ausbildern zusammen, um Etappen der geplanten Modernisierung zu planem. Eine Ausbildung nach der anderen soll dahingehend überprüft werden, ob sie auf der Höhe der Zeit ist, ob die dort vermittelten Kompetenzen den Ansprüchen der Arbeitswelt entsprechen und die jeweiligen Methoden und Inhalte so aufbereitet sind, dass sie den Jungen und Mädchen zu vermitteln sind.

Parallel soll die Digitalisierung sinnvoll in die Ausbildungen einfließen. Denn digitale Anwendungen, sei es in Form einer effizienteren Organisation von Produktions- und Qualitätssicherungsabläufen, in der Kundenberatung oder zur Unterstützung kreativer Tätigkeiten und Prozesse, sind aus der Arbeitswelt nicht mehr wegzudenken. Das Ministerium prüft derzeit Weiterbildungskurse mit den EHB-Experten, um Berufsschullehrer auf die neuen Inhalte und kompetenzorientierten Methoden vorzubereiten.

Unter Leitung des neuen Direktors Jean-Marie Wirtgen wurde zudem eine neue Methode zur Qualitätssicherung und -entwicklung in der Berufsbildungsplanung eingeführt: Eine Arbeitsgruppe, in der Vertreter des Ministeriums, der Arbeitswelt, Experten des EHB, Berufsschullehrer und der Berufskammern zusammensitzen, soll zunächst analysieren, wie zeitgemäß ein Ausbildungsgang ist: Ehemalige Lehrlinge, die einige Jahre berufstätig sind, sollen helfen, den Puls der Zeit zu fühlen, ob die Inhalte der Module relevant und notwendig sind und ob etwas angepasst werden muss. Zukunftswerkstätten sollen helfen zu analysieren, wie sich ein Berufsbild entwickelt hat, welche gewandelten Anforderungen bestehen, die in einem neuen Lehrplan einfließen müssen. Die Analyse wird einer Steuerungsgruppe übermittelt, die ins abgeänderte Berufsbildungsgesetz festgeschrieben werden soll, und die dann entscheidet, ob ein Ausbildungsgang modernisiert oder neu geschaffen wird. In der Schweiz werden Ausbildungsberufe und die Inhalte alle fünf Jahre überprüft. Die Prozedur, um neue Ausbildungen einzuführen, soll inzwischen besser funktionieren. Um den Logistiker (DAP und Techniker) auf die Beine zu stellen, waren zwei Jahre Vorbereitungszeit vonnöten: von der Bedarfsanalyse bis zum Jobprofil und dem entsprechenden Ausbildungsplan.

Mehr Durchlässigkeit nach oben, durch mehr Angebote beispielsweise des Brevet de technicien supérieur (BTS), ebenso wie durch die geplante Überarbeitung der Vorbereitungskurse im Techniker für weiterführende Studien etwa an der Fachhochschule oder der Universität (siehe Interview), sollen helfen, Jugendlichen die berufliche Ausbildung attraktiver zu machen.

Diese Verbesserungen nützen allerdings nur bedingt, um die Berufsausbildung insgesamt attraktiver zu machen. Solange sich der Ruf des Handwerkerberufs hartnäckig hält, Auffangbecken für all jene zu sein, die für weiterführende Studien nicht geeignet sind, werden Jugendliche (und ihre Eltern) kaum großartig motiviert sein, diesen Berufsweg einzuschlagen. Hinzu kommt ein Widerspruch, der kaum aufzulösen ist: Ausgerechnet von Schülern, die sich ohnehin mit dem Lernen schwertun, verlangt das Luxemburger Schulsystem, sich frühzeitig für einen Beruf zu entscheiden – während Schüler des klassischen Lyzeums diese Entscheidung bis zum Studium (und schaut man die Abbrecher- und Wechslerquote an, darüberhinaus) hinauszögern können.

Ines Kurschat
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