Computer Aided Theatre

Bühnenkatzen aus Rodange

d'Lëtzebuerger Land vom 09.12.2010

Wenn im kommenden Juni auf dem hauptstädtischen Glacis-Platz Andrew Lloyd Webbers singende „Cats“ den silbrig glänzenden Mond in deutscher Sprache anheulen, werden sich wohl viele Luxemburger freuen, das legendäre Musical endlich vor der eigenen Haustür sehen und hören zu können. Mit den Bühnenkatzen aus Rodange hat dieser wandernde Katzenjammerzirkus allerdings nichts gemeinsam – oder vielleicht doch?

Die von Katzen vorgetragenen und von Andrew Lloyd Webber in Musik umgesetzten Gedichte von T.S. Eliot machen seit der Londoner Welturaufführung am 11. Mai 1981 mit fast ungemindertem Erfolg die größten Musicalbühnen rund um den Erdball unsicher. Und an vielen dieser Musicaltheater in allen Herren Ländern kommen eben die Bühnenkatzen aus dem luxemburgischen Rodange Tag für Tag zum Einsatz.

Theater-, Bühnen- und Musical-High Tech made in Luxemburg – so könn­te man das „Computer Aided Theatre (Cat) System for Stage Automation“ in einem Satz umschreiben, eine Anzahl revolutionärer Techniken an deren Konzeption, Entwicklung und Weiterentwicklung die einheimische Firma Waagner-Biro Luxemburg Stage Systems S.A. mit Sitz in Rodange seit 1987 maßgeblich beteiligt war.

Bereits 1987 gründeten Jean-Marie Schiltz und Roland Jacoby die Firma „Guddland digital S.A.“ mit Sitz in Rodange, mit dem damals erklärten Ziel, Rechnersteuerungen für den industriellen Bereich zu entwickeln und zu bauen. 1989 kam die Luxemburger Firma erstmals mit dem The­tersektor in Kontakt, als zwei kleinere Aufträge für das Stadttheater Oberhausen und das Grillo Theater in Essen den Grundstein für eine lange Reihe von ausgeführten Projekten legten, unter denen sich mittlerweile einige der berühmtesten Theater- und Musikhäuser der Welt befinden.

Ein Großteil der Projekte wurde in enger Zusammenarbeit mit der Firma Waagner-Biro AG (Stahl- und Maschinenbau) aus Wien abgewickelt. Um die gemeinsame Marktposition und Technikkompetenz zu stärken, entschlossen sich die Firmengründer 2002, die Waagner Biro AG mit 51 Prozent an Guddland digital S.A. zu beteiligen. Um die gemeinsame Akquisition auf dem Weltmarkt durch einen einheitlichen Auftritt zu erleichtern, wurde 2003 beschlossen, sämtliche Tochterunternehmen und Beteiligungen der Waagner-Biro Gruppe mit einem einheitlichen Firmennamen auszustatten. Seitdem firmiert der luxemburgische Betrieb unter dem Namen Waagner-Biro Luxembourg Stage Systems S.A. (WBL). Derzeit beschäftigt die Firma aus Rodange 20 Mitarbeiter in Luxemburg sowie zwei in der Volksrepublik China.

Das Kernprodukt von WBL ist das Steuerungssystem CAT für Bühnenmaschinerie. CAT steht für „Computer Aided Theatre“ und wird durch eine Katze auf einer Bühne symbolisiert. Die Entwicklung der zweiten Generation dieser Steuerung wurde 1993 durch ein Forschungs- und Entwicklungsprojekt des Wirtschaftsministeriums und der SNCI unterstützt. Während dieser Zeit hat Luxinnovation dem damals noch jungen Unternehmen durch Beratung wichtige Hilfe, vor allem bei der Bewältigung der administrativen Hürden, zukommen lassen. Auch in den Folgejahren wurde die Firma von den offiziellen Stellen unterstützt. CAT zeichnet sich durch formschöne und bedienfreundliche Pulte aus, deren gefälliges Design auf eine Initiative von Luxinnovation zurückzuführen ist. Das System CAT wird beständig weiterentwickelt und befindet sich nunmehr in der vierten Generation.

Durch Ansteuerung der Maschinen mit den CAT Rechnern kontrolliert CAT alle beweglichen Elemente auf Theaterbühnen, welche für die Kulissen und sonstigen Verwandlungen vor, während und nach der Vorstellung benötigt werden. Da sich im Theater Künstler und das Bühnenpersonal unter tonnenschweren Lasten aufhalten sind besondere Anforderungen an die Sicherheitstechnik gestellt. So muss zum Beispiel die Steuerung zweikanalig aufgebaut sein.

Das System wurde in Zusammenarbeit mit dem deutschen TÜV entwickelt. Jeder Motor wird von zwei Computern angesteuert und überwacht. Sollte einer davon ausfallen, so wird der andere dies bemerken und den Motor sicher zum Stillstand bringen. Gesteuert werden Laststangen, Punktzüge, Beleuchterzüge, an denen Dekorationen und Scheinwerfer oberhalb der Bühne angebracht sind. Zusätzlich können Bühnenwagen von der Seite oder von hinten Bühnenaufbauten auf die Bühne fahren. Diese wiederum besteht aus grossen Podien, welche Dekorationen bis zu 20 Meter in die Tiefe verschwinden lassen können. Drehscheiben und Personenversenkungen sind weitere Bestandteile einer modernen Bühne, welche durch CAT angesteuert werden, sowie der Hauptvorhang, welcher gehoben, geteilt oder gerafft werden kann. Bei einem Szenenwechsel mit der Untermaschinerie werden bis zu 200 Tonnen Stahl mit CAT millimetergenau bewegt.

Eines der Erfolgsrezepte von WBL ist das Bestreben, das fortschrittlichste System am Markt anbieten zu können. Ein wichtiges Kriterium ist auch die Verlässlichkeit im Betrieb. Ausfälle von Vorstellungen hätten für den Theaterbetreiber unangenehme und kostspielige Folgen. WBL hat mehrere Mitarbeiter an der ständigen Weiterentwicklung der Produkte beschäftigt und ist dauernd auf der Suche nach technischen Wettbewerbsvorteilen. Einige Entwicklungen, welche heute eine Selbstverständlichkeit sind, wurden zuerst von CAT auf dem Markt angeboten, wie etwa drahtlose Nebensteuerstellen, tragbare Pulte mit LCD Monitoren oder Touchscreen Technologie. Alle CAT Anlagen sind über Fernwartung mit dem Firmensitz in Rodange vernetzt, so dass im Bedarfsfall schnell Unterstützung gegeben werden kann oder kleinere Wartungen durchgeführt werden können. Täglich melden sich die CAT-Anlagen aus der ganzen Welt und berichten über den ordnungsgemäßen Zustand oder über etwaige Probleme. Um den technischen Vorsprung zu wahren und auszubauen, wird derzeit an einem „vir­tuellen Theater“ gearbeitet. Dies ist ein ehrgeiziges Entwicklungsprojekt, welches die Arbeitsweise auf Theater- und Musikbühnen abermals revolutionieren wird. Zweimal wurden CAT-Produkte mit dem Innovationspreis der FEDIL geehrt.

Mit CAT wurden bisher weit über 70 Installationen in 15 verschiedenen Ländern ausgestattet. Zu den prominentesten Häusern gehören in Wien die Staatsoper, die Volksoper, das Raimund-Theater, das Etablissement Ronacher und das Theater an der Wien; das Gran Teatro del Liceo in Barcelona; die Opera Carlo Felice in Genua; das Nationaltheater in Riga; das Bolschoi Filial Theater in Moskau; in Budapest das Thalia-, Madach-, Operetten- und das Nationaltheater; das Stadttheater und Nationaltheater in Helsinki; die Volksbühne in Berlin; das Deutsche Thea­ter in München; das Thalia-Theater in Hamburg sowie das Teatro Teresa Carreno in Caracas (Venezuela). Im Großherzogtum kommen die Bühnenkatzen aus Rodange im Großen Theater der Stadt Luxemburg sowie in der Philharmonie auf Kirchberg zum Einsatz. Auch in der Volksrepublik China sind CAT und WBL mittlerweile im Einsatz; im Oriental Arts Center von Schanghai wurde die bisher größte CAT-Anlage der Welt mit insgesamt 270 Antrieben eingebaut.

Und dass die Bühnenkatzen aus Rodange alles andere als wasserscheu sind beweist der Umstand, dass die revolutionäre Technologie made in Luxemburg auch auf Kreuzfahrtschiffen installiert wurde, darunter die „Freedom of the Sea“, dem wohl größten Kreuzfahrtschiff der Welt.

Jean-Pierre Thilges
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