Leitartikel

Der tägliche Wahnsinn

d'Lëtzebuerger Land vom 09.06.2017

Dynamisch, könnte man meinen, präsentiert sich das Großherzogtum in diesen Monaten. Überall wird geklopft und gehämmert, es werden Schienen gelegt für neue Verkehrsadern, Tunnel wurden eröffnet, Straßen werden aufgegraben, um Hochgeschwindigkeits-Glasfasern zu verlegen, Wohnungen gebaut. Der Bauboom zeugt vom wirtschaftlichen Aufschwung, es geht dem Land gut.

Doch in Wahrheit trifft die hohe Baustellendichte bei vielen Bürgern längst einen Nerv. Das liegt nicht nur an Großprojekten wie der Tram, dem Gaspericher Bann oder dem Aldringen, die dafür sorgen, dass Haltestellen verlegt, Verkehrsflüsse umgeleitet – und vor allem unzählige neue Staus entstehen. Das gute Lebensgefühl wird zunehmend im Lärm von Motoren und Presslufthammern erstickt.

Zumal viele Bauarbeiten nicht ausreichend koordiniert, Effekte auf den Transport zu wenig mitbedacht scheinen: Da werden Autobahnspuren geschlossen, während gleichzeitig der Zugverkehr wegen Arbeiten am Gleis nur eingeschränkt fährt. Neuster Stein des Anstoßes: Die Zuglinie Luxemburg – Düdelingen wird ohne große Begründung durch Pendelbusse ersetzt. Die nicht enden wollenden Blechlawinen, die täglich über die Straßen ächzen, wird das kaum verkürzen, zumal die Anzahl der Pendler nicht abnimmt, sondern steigt. Das ist keine Kritik: Die Wirtschaft braucht Arbeitnehmer aus nah und fern. Umso professioneller müsste die Abstimmung zwischen Staat und Gemeinden sein, um nicht den völligen Verkehrskollaps zu riskieren.

Und als sei das nicht genug, werden in der Hauptstadt derweil Bürgersteige aufgerissen, die doch gerade erst zugemacht wurden. Inzwischen entlädt sich der Frust genervter Bürger in den sozialen Netzwerken; kein Tag ohne eine ironisch kommentierte Verkehrsmeldung, betreffen sie den Zug, den Bus oder das Straßennetz. Da mag eine kundige Architektin auf komplizierte Absprachen zwischen verschiedenen Akteuren (Post, Gemeinde, Staat) verweisen, die die Arbeiten so koordinieren müssen, dass der Alltag dennoch weitergeht. Zum Beweis wird auf eine Broschüre der Gemeindeführung hingewiesen. Doch die ist kompliziert geschrieben und erklärt nicht, warum im manchen Vierteln frisch geschlossene Gehsteige kaum ein Jahr später wieder aufgemacht werden. Warum nicht wenigstens einen billigeren provisorischen Belag wählen statt der teuren Betonplatten, um so den Eindruck zu vermeiden, Steuergelder würden mit vollen Händen in die Baugrube geworfen?

Noch ärgerlicher ist es, dass sich bei manchen Baustellen, und keineswegs nur bei den privaten, nicht einmal an die Grundregeln der menschlichen Vernunft gehalten wird, von der Pflicht, Sicherheitsauflagen einzuhalten, ganz zu schweigen. Da müssen Bürger auf ihrem Weg zur Arbeit auf die viel befahrene Straße ausweichen, weil plötzlich ein schlecht gesichertes Loch vor ihnen klafft. Anderswo stehen Metallplatten so hervor, dass einem Hans-guck-in-die-Luft sein jähes Ende droht. Machen Sie den Selbsttest und versuchen Sie, ohne Achsen- oder Knöchelbruch mit dem Kinderwagen um die Baugrube zu kommen. Und wie abenteuerlich unverschämt ist der unfreiwillige Hindernislauf erst für Menschen mit körperlichen Einschränkungen?

Hinzu kommt eine weiterhin verbreitete Faulheit, sich zu erklären, von einer offiziellen Entschuldigung träumen eh nur die Dummen. Ja, mittlerweile gibt es Internetseiten, wo neuste Baustellenpläne einzusehen sind. Aber Alternativrouten, um Verkehrsflüsse sinnvoll umzuleiten, sucht man oft vergebens. Im Gemeindewahlkampf entdeckt der eine Politiker oder die andere Politikerin das Thema, aber nur so lange, bis das Kreuzchen gemacht ist. Echte Lösungen sind nicht in Sicht: Dem genervten Bürger bleibt die Wahl, in welchen Stau er oder sie sich heute stellen will.

Ines Kurschat
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