Die kleine Zeitzeugin

Mama Normal.

d'Lëtzebuerger Land du 09.06.2017

Mein Sohn, damals circa acht, wünschte sich eine Mutter, die mit Dauerwelle, kleinen Ohrringen und Stöckelschuhen mit kleinen Absätzen zum Elternsprechtag oder zum Weihnachtsbazar in der Schule erschien. Wie die meisten Mütter in seiner Klasse. Diese Wünsche gingen nicht in Erfüllung, bis auf letzteren fühlte ich mich außerstande, sie zu verwirklichen, ich pochte auf mein Selbstdarstellungsrecht. Ich hasste kleine Ohrringe! Meine Haare hatten ja Wellen, sie konnten sogar fliegen. Ich wäre dann ja gar nicht mehr seine Mutter, also seine echte, die sich so fühlt wie ich, die gefühlsechte Mutter. Wahrscheinlich hätte ihn das wenig gestört, und er wäre der unauthentischen Mutter freudestrahlend entgegen gelaufen.

Dann gab es eine Zeit, in der meine Kinder mich bedrängten, den Job einer Regalverkäuferin im Supermarkt anzunehmen. Statt ab und zu Partikel zu schreiben und dafür kein Urlaubs- oder Weihnachtsgeld zu kassieren. Wo ich ja nicht mal Harry Potter schrieb, Harry Potter wäre okay gewesen. In der Schule hätten sie einen ordentlichen Beruf angeben können, statt Dichterin oder als Alibi Hausfrau. Als Regaleinräumerin wäre ich die normalste aller Mütter gewesen. Wenn ich es schon nicht zur Übermutter gebracht hatte, die mit dem selbstgebackenen Geburtstagskuchen für alle, der traditionell statt originell ausschaut, die immer mit wanderte und anschließend mit ihrem Sprößling in einem Haus mit Stil verschwand. Dann müsstet ihr auch Geige spielen! erwiderte ich trotzig.

Die Supermarktmütterkinder mussten aber nicht ins Ballett und keine Einser haben und sie konnten zu McDonalds, bei ihnen war alles normal. Vor allem ihre Mütter.

Ich hatte eine tolle Mutter, sie wäre heute 102, und je mehr Zeit seit ihrem Tod vergeht, desto toller wird sie. Mit zehnwürdigte ich keineswegs, dass sie als berufstätige Frau, die doppelt so viel verdiente wie ihr Ehemann, sich auch noch intensiv um die Familie kümmerte. Wer redete mit uns über alles, über uns? Sie war emanzipiert. Ohne je dieses Wort in den Mund zu nehmen. Sie war selbständig, eine Tugend, auf die sie höchsten Wert legte. Sie war eine kleine Frau in einem großen, amerikanischen Auto, mit hohen Stöckelschuhen und einer sehr blonden Farah Diba Frisur. Wenn sie mich hin und wieder im Auto abholte, genierte ich mich. Sie war anders als die anderen Mütter. Sie trug keine Schürze und hatte keine Schwielen an den Händen wie die Mütter im Marienkalender oder in Benni und Jenni. Als hätten die Belair-Mütter meiner Kindheit Schwielen an den Händen gehabt. Das waren nur die Mütter in meinem Kopf, die Kinderbuchmütter. Die Belair-Mütter hatten Migräne und warteten in abgedunkelten Zimmern auf die Heimkehr ihrer Töchter. Aber bei ihnen war alles piccobello. Heute höre ich von Schulfreundinnen, wie toll sie meine Mutter fanden, und wie toll es war, dass es nicht ganz so piccobello war wie bei ihnen. Dass meine Mutter nicht der Belair- Norm entsprach, der Dame mit gut verdienendem Ehemann, die in ihrem großen Haus ein Perfektionsregime führte oder zumindest zu führen vorgab, gern snob und Statussymbolistin, beeindruckte einige Freundinnen. Aber es war ja auch nicht ihre Mutter!

Der konventionell Mutter geheißene, vorwiegend dem weiblichen Bio-Geschlecht zugeordnete Elternteil erfreut sich seit jeher aller möglicher Zuschreibungen, Bewertungen, Verurteilungen. Ist er jetzt Rabenmutter, Glucke oder gar die neu entdeckte Helikoptermutter, die besessen um ihre Brut kreist und sie nie aus den Fängen lässt? Ist er die berüchtigte Stalkerin- Mutter, die den Nachwuchs nonstop beschattet, ein vitales Muttergespenst, das zu großräumigen Fluchtbewegungen zwingt? Oder alles zusammen? Und dann ist sie Facebook-Freundin, auch das noch!

Kinder sind Normalitätsfreaks. Und egal, als was dieser immer noch vorwiegend dem weiblichen Bio-Geschlecht zugeordnete und vorwiegend an der Kinderfront im Einsatz befindliche Elternteil gerade diagnostiziert wird, welches Saison-Label man ihm aufklebt und welcher Verbrechen an der Menschheit man ihm gerade in die Stöckelschuhe oder die Birkenstock-Sandalen schiebt, die wahre Herausforderung liegt in der ersten Image-Hürde: Mama, sei normal!

Michèle Thoma
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