Industriegeschichte

Handschuhe und künstliche Klauen

d'Lëtzebuerger Land vom 10.12.2009

Die Luxemburger Volkswirtschaft ist so klein, dass sie nur „unvollständig“ und auf ausgewählte Branchen beschränkt sein kann. Deshalb heißt deren Wandel „wirtschaftliche Diversifizierung“. Diese geht weit ins 19. Jahrhundert zurück, als mit der industriellen Revolution der Erfinder- und Unternehmergeist manchmal bunte Blüten trieb. Während einige Industriezweige hierzulande immer fehlten, gab es wichtige Branchen und Firmen, die im Laufe der Jahrzehnte durch neue ersetzt wurden und längst wieder vergessen sind.

Maison Charles [&] Cie, Bonneweg Bei der Weltausstellung in Paris erhielt die Firma als einzige neben einer französischen und einer englischen Handschuhfabrik die Medaille erster Klasse für ihre Handschuhe. Ein Arbeiter aus Lunéville hatte Anfang des 19. Jahrhunderts begonnen, Handschuhe in Luxemburg zu nä­hen. Daraus wurde dann im Laufe der Jahrzehnte eine der wichtigsten Exportindustrien. Mitte des 19. Jahrhunderts stellten fünf Fabriken mit 260 Arbeitern und im Winter bis zu 3 000 Heimarbeit-Näherinen Ziegenlederhandschuhe her, die als Luxusprodukte vor allem nach Großbritannien und in die USA exportiert wurden. Doch Wirtschaftskrisen, Kriege, Schutzzölle, Arbeitskräftemangel und steigende Lederpreise warfen die Industrie immer wieder zurück. (Metz, Gemen, La situation de l’industrie et du commerce de 1839 à 1889)

Établissement Victor Thibeau 1883 gründete Victor Thibeau im hauptstädtischen Viertel Limpertsberg eine Fabrik, die Heiligenstatuen herstellte. Ein Dutzend Arbeiter fertigten dort aus Terrakotta oder Kunststein kleine Standbilder der bekanntesten Heiligen und Kreuzgangszenen an, die an Kirchen, Klöster, Krankenhäuser und Privatpersonen verkauft wurden. Die Produkte wurden in größeren Städten Deutschlands, des Elsass und Lothringens angeboten. Thibeau exportierte aber auch nach Belgien, Frankreich, Großbritannien, Italien und in die USA. (Metz, Gemen, La situation de l’industrie et du commerce de 1839 à 1889)

Schmelzen „Le chiffre record est atteint en 1929 avec près de 3 mil­lions de tonnes de fonte et 2,7 millions de tonnes d’acier. À cette époque le minuscule Grand-Duché prend la septième place parmi les pays produc­teur d’acier, immédiatement après les États-Unis, l’Angleterre, l’Alle­magne, la France, la Russie et la Belgique. Il va sans dire qu’au point de vue relatif, par tête d’habitant, le Luxem­bourg distance de très loin tous ses compétiteurs.“ (Le Grand-Duché de Luxembourg à l’Exposition internationale de Paris 1937)

Draperies de Luxembourg Nach der Fusion der Tuchfabrik von ­Louis Godchaux in Pulvermühle und der Gebrüder Godchaux in Schleifmühle zu den Draperies de Luxembourg wurden diese zu einer der bedeutendsten Tuchfabriken Europas, während die kleineren Tuchfabriken von Wiltz bis Fels nach und nach der großen industriellen Konkurrenz erlagen. Neben Werken im Ausland beschäftigten die Draperies de Luxembourg rund 2 000 Arbeiter in Luxem­burg, die an 400 mechanischen, vor allem von Wasserkraft getriebenen Webstühlen rund 1 000 Tonnen Wolle verarbeiteten. Das Tuch und die Trikotage wurden nach Frankreich, Deutschland, Groß-britannien und Belgien exportiert. (Metz, Gemen, La situation de l’industrie et du commerce de 1839 à 1889)

Berg Fried, Luxemburg „In einem selbst gefertigten vernickelten Schranke stellt obige Firma verschiedene nur in eigener Werkstätte verfertigte künstl. Glieder, Bandagen [&] chirurg. Instrumente aus. So, ein künstl. Oberschenkel, ganz aus Holz und Stahl gearbeitet; bis jetzt noch nie erreich­te Leichtigkeit; Totalgewicht 2 Klg. Ein künstl. Oberarm nach allen Richtungen verstellbar und für jeden amputirten Handwerker zu gebrauchen; dann ferner eine künstl. Hand zum Schreiben, eine künstl. Klaue oder Arbeitsapparat, ein Haken zum Tragen von Handgepäck etc., ein Messer, eine Gabel, eine Vorrichtung zum Kehren.“ (Exposition du travail à Luxembourg, 1894)

Lederfabrik Die Eichenwälder des Öslings, deren Rinden zum Gerben benutzt wurden, ließen eine wichtige Lederindustrie aufkommen. Um 1860 gab es 111 Gerbereien im Land. Ihren größten Umsatz und ihre höchsten Preise erzielten die Gerbereien als Teile der Rüstungsindustrie: Deutsch­land, Frankreich und Österreich stellten nach dem schleswig-holsteinischen und dem deutsch-französischen Krieg immer größere Heere auf, die immer mehr Stiefel benötig­ten. Doch gegen die Konkurrenz der Schnellgerberei­en, neuer Gerbchemikalien und der Importe aus den USA ging die Luxemburger Lederindustrie nach und nach unter. (Metz, Gemen, La situation de l’in­dustrie et du commerce de 1839 à 1889)

Senninger Tapetenfabrik Als auch die Bürgerwohnungen mit Tapeten verziert wurden, zog die 1828 in Clausen gegründete Tapetenfabrik nach Senningen um und investierte in moderne Maschinen und schließlich sogar in eine Dampfmaschine, um mit 60 Arbeitern Tapetenpapier herzustellen und zu bedrucken. Die goldfarbenen, lasierten oder samtenen Tapetenrollen wurden als Luxusgüter vor allem nach Deutschland und schließlich auch nach Frankreich exportiert. Doch nach 1870 wurde die Produktion durch die rentablere Herstellung von Buch- und Zeitungspapier verdrängt. (Metz, Gemen, La situation de l’industrie et du commerce de 1839 à 1889)

Tabak Im 19. Jahrhundert gab es zwei Dutzend kleinere Tabakfabriken in Luxemburg, deren Schicksal bald von den Importpreisen, Schutzzöllen und fernen Kriegen, der Einverleibung von Elsass-Lothringen in den Zollverein, bald von der neuen Zigarrenmode sowie den Rauchgewohnheiten der eingewanderten Schmelzarbeiter und der Soldaten im deutsch-französischen Krieg abhingen. (Metz, Gemen, La situation de l’industrie et du commerce de 1839 à 1889)

Kettenhofen N., Echternach „2) Re­volverfalzziegelpresse. – Mit dieser sehr stark gebauten Maschine können pro Tag bis 6 000 Stück Falzziegel bei 12 Mann Bedienung fabriciert werde. Wird nach 3 verschiedenen Ausführungen gebaut. – 2) Ziegelmaschine Nr. I, incl. Abschneidetisch und Zubehör. – Diese ebenfalls recht solid hergestellte Maschine eignet sich besonders zur Fabrikation von Falzziegel-Kuchen und auch zu Façonsteinen, sowie zur Herstellung der Normal- und allen andern Sorten Mauersteinen.“ (Exposition du travail à Luxembourg, 1894)

Villeroy [&] Boch, Septfontaines „De 1841 à 1870, la situation allait toujours en s’empirant. En 1870 elle était arrivée à ce pont que les propriétaires, MM. Villeroy [&] Boch, renonçant à y placer un directeur, s’étaient résignés à voir périr un antique établissement d’où tant d’autres étaient sortis, comme d’une pépinière féconde. [...] Le Gouvernement seul pourrait faire en cela le nécessaire; mais toutes les démarches faites en ce sens ont échoué, et il faut prévoir le jour où le plus ancien établissement industriel du pays, établissement qui fait vivre une nombreuse population, dépérira de nouveau, faute d’une main secourable.“ (Metz, Gemen, La situation de l’industrie et du commerce de 1839 à 1889)

Romain Hilgert
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