Seil, Pascal (Hg.): D'Médche vu Götzen

Das Dorf, die Nachbarn, die Doppelmoral

d'Lëtzebuerger Land du 09.12.2011

Die Klassiker der luxemburgischen Literatur, – sofern man bei einer so überschaubaren Literatur von „Klassikern“ sprechen kann –, die das Centre national de littérature in Mersch in sorgfältig aufbereiteten historisch-kritischen Ausgaben herausgibt, können für die Leser aus mehreren Gründen interessant sein: Diese Ausgaben vermitteln einen Zugang zum jeweiligen ideengeschichtlichen Horizont, vor dem die Werke entstanden sind, und bieten so einen einzigartigen Blick auf die luxemburgische Geschichte und ihre Traumata, nicht zuletzt in Bezug auf die kulturelle Selbstfindung. Hinter diesen Aspekten bleibt der literarische Anspruch manchmal etwas zurück.

Max Goergens Drama D’Médche vu Götzen, herausgegeben und kommentiert von Pascal Seil, verbindet beides: historisches und literarisches Interesse. Das Stück, an dem Goergen ab 1920 arbeitete und das 1923 uraufgeführt wurde1, kreist um das gleichnamige hämische Volkslied, das sich bis heute über verschiedene Gesangbücher im allgemeinen kulturellen Bewusstsein gehalten hat: Die eigensinnige Bauerntochter Fini schäkert mit den jungen Männern im Dorf, ohne Heiratsabsichten auch nur vorzutäuschen. Als der gutaussehende Student Jules aus der Stadt heimkehrt, lässt sie sich gegen den Willen ihres Vaters auch mit ihm ein; den Nachbarn Féssi, der sie heiraten will, weist sie zurück. Ein Spottlied, das Jules über sie in Umlauf bringt, eben jenes Lied über das „Médche vu Götzen“, bringt ihr Selbstbewusstsein ins Wanken. Als Féssi sich mit einer anderen verlobt, gerät Fini in Panik, versteht, dass das Lied ihren Ruf unwiederbringlich beschädigt hat und wirft sich Jules an den Hals. Als sie von dem gewissenlosen Draufgänger schwanger wird und er sie nicht heiraten will, begeht sie Selbstmord.

Mit D’Médche vu Götzen schreibt sich Goergen in die Tradition des bürgerlichen Trauerspiels ein2. Mit Fini hat das Stück eine weibliche Titelheldin (vgl. Emilia Galotti, Agnes Bernauer usw.), deren Status als autonomes Subjekt verhandelt wird, während der Vater Häng die moralische Instanz verkörpert, bzw. die gesellschaftliche Ordnung, durch die Fini ins Unglück gerät. Häng will zunächst helfen, als er hört, es sei eine junge Frau ins Wasser gegangen, bleibt jedoch völlig paralysiert zurück, als er erfährt, dass es sich dabei um seine Tochter handelt; er validiert so den Schuldspruch der Dorfgemeinde. Ebenfalls typisch ist die schwache Mutterfigur, die keine Vermittlung zwischen Vater und Tochter zustande bringt.

Der tragische Konflikt entsteht also durch den Willen Finis zur Autonomie einerseits und dem gesellschaftlichen Wertekatalog andererseits: Einerseits scheint Fini mit ihrer Flirterei das Unglück selbst zu provozieren, andererseits wird ihre „Schuld“ durch die Gegenüberstellung mit Jules’ zahlreichen Affären zurückgenommen. Im Dorf herrscht die Doppelmoral, die dem jungen Mann durchgehen lässt, was die junge Frau nicht einmal andeuten darf. Vor dem historischen Hintergrund, d. h. nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Einführung des Frauenwahlrechts 1919, lässt sich das Stück damit als kritische Spiegelung zu einer Gesellschaftsordnung lesen, die nur halbherzig für ihre Werte eintritt.

Der gründliche Kommentar von Pascal Seil schlüsselt die Hauptkonflikte des Stücks leicht verständlich auf, informiert über die biografischen Hintergründe des Autors, zeichnet die Entstehungsgeschichte nach und gibt Ansätze zur Interpretation. Eine etwas beherztere Haltung, was die Grundausrichtung des Stücks anbelangt, wäre dabei allerdings ratsam gewesen. D’Médche vu Götzen wäre ein schwaches Theaterstück, wenn man nicht einmal zweifelsfrei entscheiden könnte, ob das Stück die Moralvorstellungen seiner Zeit auf den Prüfstand stellen oder „als didaktisches Lehrstück mit moralischem Fingerzeig“ bekräftigen will3. Darüber hinaus hätte ein stärker kommentiertes Vokabular dem Leser über die Unsicherheit hinweghelfen können, wie rabiat die Schelte aufzufassen sind, die sich Fini von ihrer Mutter anhören muss: Wie liebevoll oder streng sind ulkig klingende Bezeichnungen wie „Roppdiwupp“, „vergâchlecht Döppen“ oder „Flinkflank“ (vgl. S. 77) gemeint?

Ungeachtet dieser Unsicherheit, über die ein Wissenschaftler möglicherweise nicht letztgültig zu entscheiden braucht, ist Seils Edition von D’Médche vu Götzen eine solide Klassikerausgabe, die nicht nur Liebhaber von Luxemburgensia eine gute Einführung bietet, sondern sich auch hervorragend für den Schulunterricht eignen würde.

1 Vgl. Seil, S. 11.
Elise Schmit
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