Nach Golde drängt doch alles

d'Lëtzebuerger Land vom 18.01.2013

Geld, seit seiner Erfindung das Herz aller Zivilisationen, das Objekt der Begierde von jedem, der es einmal besaß, und zugleich der Kern der internationalen Konflikte und der aktuellen globalen Finanzkrise. Geld, der Motor der Welt: das größte und erstrebenswerteste Mittel zum Glück oder doch das Instrument alles Bösen, weil es die Grenzen von Bedürfnis und Überfluss verwischt? Geld, ein Unheil, das wir vermeiden können, oder ein notwendiges Übel?

Marc Limpach hat zu diesen brisanten, ewig aktuellen und umstrittenen Fragen eine Lesung inszeniert, die die Hass-Liebe der Menschen zu Geld behandelt, ohne jedoch eine konkrete Schlussfolgerung zu fordern. Es werden Ansichten und Anekdoten zusammengeführt, die dem Zuschauer in einem Cabaret-artigen, entspannten Ambiente vorgetragen werden. In einer Zusammensetzung von kurzen Romanauszügen, Artikeln und Zitaten von diversen Autoren, Finanzmagnaten und Künstlern, kreiert Limpach ein auditiv-interaktives Zusammenspiel verschiedener Auffassungen des lieben Geldes. Autoren aus aller Welt und aus allen Epochen, aus verschiedenen sozialen Milieus, in diversen Sprachen, mit gegensätzlichen Intentionen und in verschiedenen literarischen Stilen werden von vier Schauspielern vorgetragen – mal ernst und zynisch wie eine politische Etüde, mal humorvoll wie eine Erzählung. Musikalische Auszüge (Rock bis Jazz, natürlich mit Texten zum Thema Geld) begleiten die Lesung und bestimmen den Rhythmus. Diese kleinen Zwischenspiele bringen eine willkommene Frische in die Lesung.

Obwohl einige humorvolle Texte und Erzählungen dabei sind, die Darsteller zur Musik tänzeln und sich entspannt neckische Blicke zuwerfen, wirkt die Lesung nach einer Zeit fast monoton und schwermütig. Ein bisschen erinnert es an eine schulische Vorlesung, bei der man irgendwann mehr auf die Haltung und Mimik des Redners achtet, als auf den Inhalt selbst. Die Schauspieler wechseln sich mit den Lesungen ab, aber die Verteilung der Texte scheint keinem logischen Muster zu entsprechen. Die Tatsache, dass die Lesung abwechselnd in drei Sprachen vorgetragen wird (Deutsch, Englisch und Französisch) ist anfangs interessant und zeugt von der Universalität der Gedanken und Visionen von Geld. Diese Mehrsprachigkeit wird aber schnell anstrengend und verwirrend. Hinzu kommt, dass nicht alle Darsteller alle Sprachen gleichermaßen gut beherrschen und die Interpretationen dadurch variieren. Limpach und Wagner brillieren mit gewohnt fesselnder Diktion und mit Witz. Die jungen Schauspielerinnen Eugénie Anselin und (vor allem) Elsa Rauchs wirken neben solch imposanter Präsenz etwas zurückhaltend. Anselin behauptet sich jedoch dank einer tollen Diktion und eines sehr charmanten Auftretens.

Die Lesung ist inhaltlich so komplex und dazu so modern in Szene gesetzt (Gesang und Werbetexte sind auch dabei), dass die Suche nach dem Sinn und dem Zusammenhang der Texte bei so manchem im Publikum sichtlich für Verwirrung gesorgt hat. So umstritten wie das Hauptthema Geld ist auch die Lesung selbst; ähnlich wie moderne Kunst, die auch nicht jeden bewegt oder erreicht.

Am Ende des Abends aber ist Geld, mon Amour! ein unterhaltsames Werk, das gleichzeitig als lehrreich, kurios, kreativ, intim, intelligent, bestürzend und zynisch, witzig und ironisch betitelt werden könnte … auf jeden Fall einen Besuch wert, insbesondere für Literaturliebhaber und -kenner.

Nathalie Medernach
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