Politisches Buch

Die Paradoxe der iranischen Moderne

d'Lëtzebuerger Land vom 09.06.2017

Über den Iran hört man derzeit viel. Ob in Filmen (Raving Iran) oder in Qualitätsmedien, das sich öffnende Land zwischen dem Kaspischen Meer und dem Persischen Golf zeigt sich überall präsent, vor allem nach dem Nuklearabkommen vom Juli 2015. Die Berichterstattung versucht jetzt über die dämonisierende Schwarz-Weiß-Darstellung Irans hinauszugehen: Mal gelingt das, mal geht es schief.

Charlotte Wiedemanns Buch Der neue Iran fügt sich hervorragend in die aktuelle Debatte ein, in dem es ein zeitgenössisches Gesellschaftsporträt der Islamischen Republik zeichnet, das es so noch nicht zu lesen gab. Die Autorin bereist das Land seit rund 13 Jahren, sowohl als Journalistin wie als Privatperson. In dieser Zeit knüpfte sie reichlich Kontakte, und die Gespräche und Interviews, die sie mit einer Vielfalt an Personen führt, finden ihren Weg in dieses Buch. Sie trifft Journalisten, Reformer und Hardliner, Aktivisten, Taxifahrer, Geistliche, Künstler; die Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi und den Verantwortlichen für die Holocaust-Karikaturwettbewerbe, Massud Schodschai Tabatabai, zum Beispiel. Die Begegnungen entfalten ihre Wirkung dadurch, dass Wiedemann nebenbei die post-revolutionäre Geschichte Irans schreibt.

So liefert sie den komplexen Kontext um das Land auch nur annähernd zu verstehen – aber dies ist kein trockenes, historisches Sachbuch. Wie könnte es das sein, wenn sich die letzten 150 Jahre der Iranischen Geschichte eher wie ein spannender, weil realer Polit-Roman anfühlen. Charlotte Wiedemann fährt nach Khomein, Geburtsort des Revolu-
tionsführers Khomeini, um die profunde Veränderung der Revolution von 1979 nachzuvollziehen. Sie vertieft sich in die Traumata, die der Iran-Irak Krieg und die Revolu-
tion in die Seelen der Iraner gegraben haben, und in die Paradoxen, die das System und die Zivilbevölkerung auszeichnen. Dafür schaut sie sich unter anderem die akzeptierten, routinierten Regelbrüche an, die Teil der Islamischen Republik sind, feiert den Sabbat mit einer jüdischen Familie, trifft Aktivisten, die sich gegen die Todesstrafe starkmachen.

Dabei stellt sie ihre präzise Beobachtungsgabe mehrfach unter Beweis. Als sie das Schlachtfeld Shalamcheh besucht, einer der Hauptinvasionsorte Saddam Husseins während des Krieges, der jetzt als Gedenk- und Propagandastätte genutzt wird, sieht sie einige junge Frauen: „Die Mädchen gingen barfuß oder in Nylonstrümpfen, um die Aura des Ortes intensiver zu spüren. War das Teenagerschwärmerei oder mehr? Die Schülerinnen kamen aus Isfahan und Shiraz; sie trugen enge Jeans unter dem Tschador und fotografierten sich mit Selfie-Stangen: ich und das Schlachtfeld.“ Anhand solcher Szenen bildet die Autorin die komplexe Wirklichkeit der Iraner ab; modern, islamisch, teilweise absurd.

Charlotte Wiedemann befasst sich mit den großen historischen Momenten und Figuren Irans, aber auch mit Themenkomplexen, wie etwa der „stillen Regie des Alltags“ oder dem schiitischen Islam – wenngleich das Kapitel über den Trauermonat Muharram, der zu Ehren Husseins, Enkel des Propheten Mohammed, gefeiert wird, kürzer sein könnte (dies mag am Geschmack der Rezensentin liegen.) Die problematische Beziehung des Landes zum Westen, die einerseits große Sympathie und Kulturnähe beinhaltet, sich andererseits durch Misstrauen und Abgrenzungsbedürfnis charakterisiert, spielt ebenso eine Rolle wie die historischen Hintergründe, die zu ihrer Entstehung geführt haben.

Dann die wichtige Analyse Irans als Vielvölkerstaat, in dem Kurden, Belutschen und Azeris sowie viele weitere Minderheiten leben: das Land auf Teheran oder die „Perser“ zu reduzieren, greift zu kurz. Nun gibt es natürlich mehrere Fallen für den westlichen Beobachter, der einer fremden Kultur derart nah kommt: er könnte sie „exotisieren“, gar verherrlichen, andernfalls grob missverstehen, anprangern. Und dafür eignet sich der Iran äußerst gut, denn das Land entzieht sich greifbarer Definitionen wie eine Fata Morgana, die verschwindet, hatte man sie doch gerade noch gesehen. „Verklärung ist die kleine Schwester der Dämonisierung“, schreibt die Autorin. Und bei aller Sympathie, die sie der iranischen Kultur entgegenbringt, und aller Motivation, das Vorurteil des Gottesstaates beiseite zu räumen, bleiben ihre Urteile dennoch ausgewogen. Sie ist sich ihrer Subjektivität und ihres Fremdseins bewusst, und bringt diese mit in ihren Bericht ein – als sie zum Beispiel beschreibt, wie sie einer Sufi-Zeremonie für Frauen beiwohnt, und eine Teilnehmerin sich neben sie setzt, um ihr „das Gefühl der Fremdheit“ zu nehmen. Sie zögert weder die sozialen Ungleichheiten und Hypokrisie des iranischen Systems, noch die durchaus komplizierte Rolle des Westens in Irans Vergangenheit in Frage zu stellen; als Beispiel sei die Lieferung chemischer Komponenten europäischer Staaten für die Giftgasangriffe Saddam Husseins während des Kriegs genannt.

Ein Teil des Buches wird wohl so schnell nicht vergessen werden: die Begegnung Wiedemanns mit der Sozialforscherin Fatemeh Sadeghi, der Tochter von Khalkhali. Ein Mann, der als Blutrichter am Anfang der Revolution vermutlich Tausende zu Tode verurteilt hat. Und Fatemeh Sadeghi selbst ist heute Feministin, Aktivistin, unter Berufsverbot. Sie muss mit diesem Erbe leben. Wie so viele Iraner, die Nachkommen von Revolutionären sind. „Der neue Iran“ kommt dem auf die Spur, was die Islamische Republik ausmacht; eine selbstreflexive Gesellschaft, mit einem Fuß in der Vergangenheit, mit dem anderen in der Moderne. Stets sich selbst in Frage stellend, voller Nationalstolz und Zweifel. Das Land entzieht sich unseren geliebten Defini-
tionen. So setzt Charlotte Wiedemann in ihrem erfrischend ehrlichen Bericht jedem ansatzweise determinativem Statement im nächsten Paragraph ein „Allerdings“ entgegen. Damit kommt sie dem Ungreifbaren ziemlich nah; und dringt tief in die „modernoide“ Psyche Irans ein.

Charlotte Wiedemann: Der neue Iran – Eine Gesellschaft tritt aus dem Schatten; DTV,
304 Seiten; ISBN: 978-3423281249; 22 Euro.

Sarah Pepin
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