Vom Gedächtnis

Wie heißt der/die/das doch schon?

d'Lëtzebuerger Land vom 13.03.2015

Wenn die Erinnerung, besonders die für Namen, aber auch die für Gesichter und Zusammenhänge nachlässt, wird diese unerfreuliche Erscheinung üblicherweise mit dem Alter in Verbindung gebracht. Daher kommt das nicht besonders edle Vergnügen älterer Menschen, wenn ein jüngerer über sein Gedächtnis klagt. Hier sucht man sich zu trösten durch eine Entlastung, ja fast eine Rechtfertigung: Ja so ist es, heute wird auch das Gedächtnis jüngerer Menschen übermäßig belastet durch unsere Umwelt; wen wundert’s dann, wenn er gerade als älterer Mensch nicht mehr so fit ist? Ist doch nicht erstaunlich!

Aber alle diese Ausflüchte und Tricks werden den Älteren nicht jünger machen. Mit dieser Tatsache muss er leben und sich auf den endgültigen Abschied vorbereiten.

Am Schwund des Gedächtnisses offenbart sich ein wichtiger Aspekt des Alters und des Lebensendes. Unser bisher immer abrufbares Wissen hat uns scheinbar fest in dieser Welt verankert. Ist es nun nicht mehr so abrufbar wie bisher, so ist das noch nicht der Tod der Psyche, aber ein Zeichen ihrer Entkräftung und ihres allmählichen Sterbens. Und den Tod vor Augen vertragen wir nicht.

Mit Epikur suchen wir, uns zu trösten: „Das schauerlichste Übel also, der Tod, geht uns nichts an; denn solange wir existieren, ist der Tod nicht da, und wenn der Tod da ist, existieren wir nicht mehr.“ Aber das Sterben, das Bewusstsein, dass wir unsere Macht im Leben und über dieses verlieren, ist nun einmal eine verdammt lästige Erscheinung. Gerade unser Wissen war ein wichtiger Anker im Dasein, nun aber versagt es sich uns, lässt nach und löst sich auf: ein Sterben bei lebendigem Leib! (Wie sollte man auch sonst sterben?)

Zuerst fiel ihm dieses Nachlassen auf, als er vor einer Klasse einen Namen nicht mehr parat hatte, der ihm bisher immer geläufig war und der sich ihm plötzlich versagte. So merkte er als Ruheständler wie bei Gasvorstellungen in seiner alten Schule, wie die Namen von Autoren und Werken oder einfache Anekdoten ihm nicht mehr wie bisher auf der Zunge lagen.

Wohl fand er zunächst einen Trick, um dieses Loch notdürftig zu stopfen, doch tief in seinem Innern erschrak er angesichts der Tatsache, dass dieses Stück Welt sich ihm einfach entzog. Dann wurden allmählich die Fehlhandlungen spürbarer: ver-gessen, ver-lernen, ver-legen, ver-stecken und nicht mehr wiederfinden. Seine Macht über die Dinge und die Namen ver-sickerte kurzerhand, sie ver-sagten sich im einfach.

Anfangs erklärte er sich das als Schnitzer und dadurch bedingt, dass er vom Interesse her und emotional zu diesen Personen oder Dingen keinen direkten Bezug mehr hatte. Auf die Dauer aber erwies sich diese Ausrede als eine solche und ihr Trostpotenzial schwand; er konnte sich nichts mehr vormachen und musste der Tatsache als solcher ins Auge sehen.

Da blieb noch ein kleiner Trost: Die Kreativität, über die ich verfüge, so sagte er sich, steht schließlich im Vordergrund und macht mich einmalig. Doch er musste einsehen: Ohne Erinnerung sieht auch die Kreativität auf die Dauer blass aus.

Schließlich verfiel er auf die Idee zu behaupten, das Vergessen sei etwas ganz Natürliches, ja Gesundes. Man stelle sich bloß vor, der Mensch würde alles behalten! Er ginge doch unter der Last seiner Erinnerungen zugrunde, erstickte wahrlich daran. Doch auch diese Entlastungsstrategien verloren rasch an Wirkungskraft und vor der Realität des Alters gab es keinen Ausweg mehr.

Sein einziger schwacher Trost bleibt der Spruch Epikurs, zudem verfolgt er die letzten Spuren seines Lebens und sucht sie festzuhalten und aufzublähen.

Jacques Wirion
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