Cargolux

Ende mit Schrecken

d'Lëtzebuerger Land du 16.12.2011

Jahrelang hatte sich Ulrich Ogiermann, Ex-CEO der Cargolux, gewehrt und beteuert, man habe sich, trotz der Ermittlungen gegen ein Luftfrachtkartell auf mehreren Kontinenten, nichts vor-zuwerfen. Nach drei Jahren Recherche und Verhandlungen legte die Firma im April 2009 gegenüber dem US-Justizministerium ein Geständnis ab und ging eine Einigung ein, die eine Wettbewerbsstrafe über 119 Millionen Dollar vorsah und in der sich die US-Behörden das Recht vorbehielten, gegen vier Cargolux-Mitarbeiter strafrechtlich vorzugehen. Darunter CEO Ogier-mann selbst und der für den Vertrieb zuständige Vize-Präsident der Firma, Robert Van de Weg. Auch danach bekräftigte Ogiermann seine Unschuld. Eine Position, die angesichts des Cargolux-Geständnisses kaum noch zu halten war: Irgend jemand musste ja für die Firma die gestandenen illegalen Absprachen über Treibstoff- und Sicherheitszuschläge getroffen haben. Vergangene Woche fügten sich Ogiermann, der seit seinem Rücktritt vom Chefposten im Herbst vergangenen Jahres als Berater fungiert, und Van de Weg, die beide noch Anfang des Jahres vor der US-Justiz auf unschuldig plädierten, in diese Logik. Die beiden angeklagten Manager gingen ihrerseits eine Vereinbarung mit den US-Behörden ein. Für ihr Geständnis und umfassende Mitarbeit sollen sie 13 Monate Haft und Geldstrafen von 20 000 Dollar erhalten. Im Gegenzug entgehen sie einem Prozess vor einem Geschworenengericht, das weitaus höhere Geldstrafen und bis zu zehn Jahre Haft hätte verhängen können.

Selbstverständlich hätte das Gericht die beiden Angeklagten auch frei-sprechen können. Dass vor allem Ogier-mann – Van de Weg hat sich nie öffentlich geäußert – nach so langer Zeit auf diese Möglichkeit verzichtet, ist ein Hinweis darauf, wie sehr er die Macht der US-Behörden bis dahin unterschätzt hat und letzendlich ein Ende mit Schrecken dem Schrecken ohne Ende vorzieht. Beide, Ogiermann und Van de Weg, gelten in Branchenkreisen als kompetente Fachkräfte. Ogiermann wurde noch 2009, drei Jahre nach Beginn der Ermittlungen, zum Vorsitzenden des Branchenverbandes der Luftfrachtunternehmen TIACA gewählt. Van de Wegs Sicht auf den Luftfrachtmarkt ist bei der Fach- und Wirtschaftspresse gefragt. So wäre es wenig verwunderlich, wenn sich beide als Opfer sähen, weil Cargolux 2009 durch die Einigung mit den US-Behörden Rechtsicherheitsbelange der Firma vor ihre eigenen, persönliche Belange gestellt habe, weswegen sie nun ins Gefängnis gehen. Das Unternehmen bestätigte dies in einer Mitteilung von vergangenem Freitag indirekt, indem es hervorhob, Ogiermann und Van de Weg hätten im Auftrag der Firma gehandelt und sich nicht selbst bereichert.

Dass die von den US-Behörden verhängten Strafen kein Pappenstiel sind und riskieren, in wirtschaftlich ungewissen Zeiten das eine oder andere Unternehmen in die Insolvenz zu treiben, sieht das US-Justizministerium (DOJ) mittlerweile selbst ein. Vor zwei Wochen berichtete die Nachrichtenagentur Reuters, das Ministerium verhandele mit einigen Fluggesellschaften über den Zahlungskalender, um genau dieses Szenario zu verhindern. Dazu gehört auch Cargolux, wie CEO Frank Reimen bestätigt. Bereits 2010 hatte man einen Zahlungsaufschub vereinbaren können. Während die Einigung der beiden Manager Ogiermann und Van de Weg und das darin beschlossene Strafmaß noch von einem Gericht bestätigt werden muss – das DOJ sperrt sich laut Einigungstext nicht dagegen, dass die Strafen in Luxemburg abgesessen werden könnten –, ist die Entscheidung für Cargolux ein zweischneidiges Schwert. Sicherlich ist es vorteilhaft, wenn es nicht zum wochenlangen Prozess kommt, in dem Zeugen Firmeninterna ausplaudern und sich eventuell Mitarbeiter gegenseitig belasten müssen, um die eigene Haut zu retten. Sollte aber Robert Van de Weg haftbedingt auch nur für kurze Zeit ausfallen, Cargolux ihren Vertriebschef verlieren, trifft das die Firma empfindlich. Und das zu einem Zeitpunkt, an dem, wie CEO Frank Reimen sagt, das internationale Luftfrachtvolumen seit Jahresmitte stagniert und es erhebliche Überkapazitäten gibt. Was passiert, wenn das Angebot zu groß ist, konnte man 2009 beobachten: Die Kunden diktierten die Preise. Wegen der schwächelnden Weltkonjunktur sind die Warenströme aus Asien Richtung USA und Europa am Versiegen. Erst für das zweite Se-mester 2012 erwarten Fachleute wieder eine steigende Nachfrage sowie bessere Tarife und warnen, mancher Wettbewerber riskiere, die Durststrecke nicht zu überstehen. In den kommenden Monaten wäre der eventuelle Verzicht auf ihren erfahrenen Vertriebschef für die Cargolux demnach besonders unangenehm.

Apropos größere Kapazitäten: Die Firma steckt mitten im Flotten-umbau, tauscht ihre Boeings 747-400 gegen neue, größere 747-8 aus, und noch ist die Finanzierung aller 13 Flugzeuge nicht in trockenen Tüchern. Für die Nachfolge von CFO David Arendt, der gekündigt hat, um 2012 Chef des Freihafens zu werden, der auf dem Flughafengelände entstehen soll, ist bisher niemand bestimmt. „Der Prozess läuft“, wie Reimen sagt. Nichtsdestotrotz muss er sich mit einem geschwächten Managementteam schweren Zeiten stellen.

Michèle Sinner
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