Wenn eine verschwindet, die auch gern Pink Floyd hörte

Es gibt den Tod

d'Lëtzebuerger Land du 08.04.2016

Die geneigte Leserin ist jetzt wahrscheinlich geneigt mich für etwas schwer von Begriff zu halten. Vielleicht. Aber so langsam fang ich an, an ihn zu glauben. Es ist zwar jetzt nicht die offizielle Jahreszeit für solche Kolumnen, es ist ja jetzt Blümchen & Co, aber die Erkenntnis seiner Existenz sucht mich so langsam heim, oder so plötzlich. Es, er dämmert mir. So was hängt natürlich mit fort (wohin?) schreitendem Lebensalter zusammen, mit Realismusschüben, die keine Schübchen mehr sind. Es hängt damit zusammen, dass der Tod nicht mehr nur wildert in den Reihen der Altvorderen und Ahninnen, der brutal gesunde Relativjungmensch, der Mensch in der vermeintlich endlos ausdehnbaren Lebensmitte kann das noch immer irgendwie nachvollziehen, einordnen. So ist das eben, das Leben, alles hat ein Ende, die einen kommen, usw. Die anderen sind die anderen, eine andere Generation, sie haben zwei Kriege mitgemacht, oder wenigstens einen, aber höchstens eine Ehe. Sie wurden gebrechlich, zerbrechlich, vergaßen dieses, jenes, sich selber. Klar, dass es nicht ewig weiter ging, weiter nicht mehr ging. Irgendwann, denkt der brutal gesunde jüngere Mensch, ist es dann eben. Schluss mit dem Leben. Ist es das dann eben. Damit arrangiert sich der brutal gesunde jüngere Mensch. Auch wenn erste Verunsicherungen entstehen, wenn die Eltern sterben, die Älteren. Der Schutzwall kriegt Risse, wird durchlässig, ist man jetzt selber im Visier, dran?

Wenn sich der Tod dann aber plötzlich in der Peer Group bedient, die sich bedenklich lichtet, das muss ein Irrtum sein, wird den Hinterbliebenen ernsthaft mulmig. Kann er wirklich David Bowie mitnehmen, der war doch immer da? Die starke Löwin Zaha Hadid, bestimmt mit einem Löwinnenherz ausgestattet, schnappt er sich, einfach so. War sie nicht noch jung, also relativ? Gemessen an der theoretischen Dead Line, der vom Kefir-Kaukasus, der biblischen, gemessen an den pergamentenen Püppchen, die uns immer mal wieder präsentiert werden, meist allerdings, wenn sie ableben. Den süßen Maskottchen, die jeden Tag Blumen kriegen, vom Bürgermeister, nur weil sie den Tag absolvieren. Jeanne, 125, die sich um die Jahrtausendwende, auch schon wieder ein Weilchen her, in die Ewigen Jagdgründe vertschüsste, hatte noch Van Gogh geküsst. Wenn auch ohne Begeisterung. Das sind Role Models! Verdammt zähe.

Die forschen Anti-Ager_innen der Jahrtausendwende, die ihm und sich selber mit Messern und Hormonen zu Leibe rückten, sind kleinlaut geworden. Sie schnipseln und spritzen und wurschteln vor sich hin, die ganz großen Sprüche und Verheißungen sind verklungen. Kompromissbereit nannten sie sich irgendwann Pro-Ager_innen. Der Tod ist also offensichtlich ein Terrorist, wir können nicht flüchten, nirgendwohin. Vielleicht zu Gott, eventuell, wo ist der? „Ich kann nicht weg laufen“, sagte Guido Westerwelle. Selbst die, die den Tod im Innern ihres Herzens für vollkommen irreal halten, die ein ewiges Leben spüren, in allem, und deswegen nicht daran glauben müssen, es auch nicht beweisen müssen, sind geschockt, wenn plötzlich jemand aus der Peer Group von der Bildoberfläche verschwindet. Ich schreibe hier nicht vom Verlust nahe stehender Menschen. Ich schreibe davon, wie verstörend es ist, wenn eine verschwindet, die auch gern Pink Floyd hörte, einer, der auf der gleichen Bushaltestelle auf den Schulbus wartete. Als Roger Cicero, von dem ich nicht weiß, ob er vor seinem Tod so bekannt war wie danach, jetzt an einem Hirnschlag gestorben ist, wurde Hirnschlag millionenfach gegoogelt. Wie wahrscheinlich ist es, dass ein Mensch in dem Alter, es war ein Alter, dem man diesen Tod nicht zuordnete, stirbt? Rechnen Sie sich Ihr Risiko aus! befahlen die Schlagzeilen.

Er ist also, alle Forschungsergebnisse belegen es, es gibt zahlreiche Zeug_innenaussagen, kein Fake, keine Erfindung, wenn auch vielleicht, das will ich ja hoffen, der Rest wäre zu blöd, nur eine Illusion. Aber das ist kein unmittelbarer Trost.

In meinem Lieblingsbuch Der Unfug des Sterbens leugnet der Autor Prentice Mulford den Tod, er behauptet überzeugend, wir würden nur aus Disziplinlosigkeit und Gewohnheit sterben, auch aus Faulheit. Leider habe ich ihn irgendwann geguggelt, das hätte ich unterlassen sollen. Ich wäre immer noch sicher, dass der Herr aus der Mark- Twain-Ära immer noch unter uns wandelt, vielleicht ein bisschen verwandelt.

Prentice Mulford starb mit 57 Jahren auf einer Segelbootfahrt, die er allein unternahm. Keine Ahnung, warum.

Footnote
Michèle Thoma
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