Die kleine Zeitzeugin

Droht jetzt das Chaos?

d'Lëtzebuerger Land vom 18.01.2019

fragt das Luxemburger Wort uns, aber wie sollen wir das wissen? Obschon man uns dauernd in den Ohren liegt mit dieser Frage, die so was Absolutes beinhaltet, Chaos ist ja nicht gerade nichts, wissen wir es noch immer nicht. Die Kommentator_innen stehen vor London-Assoziationen Weckendem herum, die Frage steht im Raum herum, chronisch, dann wieder akut, sie ist schon etwas rituell, beruhigend einschläfernd, die Chaos-Frage gehört mittlerweile zu unserm Leben wie die Klimakatastrophenfrage.

Was, wenn es No Deal gibt?, bangen die Dealer_innen. „Die Zeit der Spielchen ist vorbei,“ der deutsche Außenminister lässt nicht mehr mit sich spaßen. Getreuer Altmaier orakelt düster, alle würden verlieren, schon kündigen die Pharmaverbände drohende Engpässe an. Und immer geht es um hart oder soft, hart und dreckig und wild oder doch noch einigermaßen EU-softie- mild. Um die harte Hardliner_innennummer, oder doch eher mit Gleitzeitgel. Kann denn Mother Mörkel nicht alles wieder gut machen, warum nicht? Junior-Star Macron ist ja derzeit leider sehr beschäftigt, er schreibt seinem Volk einen langen Brief voll mit komplexen Fragen, dabei will das einfach nur eine einfache Antwort.

Aber vielleicht kann man dieses furchterregende Chaos, laut Universalratgeber Jordan Peterson auch noch ein weibliches Prinzip, da gefriert das Blut sowieso schon in den Adern, doch noch vermeiden? Irgendein Rettungsschirm wird noch hervorgeklaubt und aufgespannt, irgendeine Maßnahme ergriffen, aus dem alten, schlappen EU-Hut noch was rausgezogen, einst stiegen immerhin Friedenstauben aus ihm auf.

Die EU-Bürger_innen haben zwar, gähn, schon längst abgeschaltet, also die, die kein Konzern sind, und sich auch sonst nicht als konzerniert betrachten. Eher keine Shopping-Trips rüber. Nicht mal Kids, die internationale Beziehungen in London studieren. Ein Obdachloser, der im weihnachtsgoldenen Londoner Regierungsviertel in einem Pappkarton residiert, meint, die würden immer nur über diesen Brexit reden, nie über die Menschen, dafür kriegt er viele Likes mit Herzen. Den EU-Bürger_innen, also die, die nicht zur neuerdings entdeckten globalen Elite gehören, geht das mit dem Br-ächz-it sowieso am Arsch vorbei, wie die Deftigen unter ihnen sich ausdrücken. Wenn Lady May angestorcht kommt und sich mit dem Unterhaus zofft, die Unterhosenschicht schlüpft schon mal in eine gelbe Weste.

Corbyn sieht Zombies, natürlich gewinnen die, sie sind bekanntlich zäh. Und die EU-Moderator_innen können sich kurz, aber nur kurz, wieder anderem zuwenden. Gibt ja genug Alternativen, nicht nur für Deutschland. Dem Buch der Wehklagen zum Beispiel, das im Nachbarland, wo der Präsident einen Dialog ankündigt, statt immer nur einen Monolog, gemeinen Bürger_innen eröffnet wird. Live im weiträumig abgesperrten Bourgtheroulde hören dem Präsidenten zum Beginn seines Grand débat dann allerdings erst mal mit dreifarbigen Schärpen behängte Bürgermeister zu.

Werden die Deutschen auch aufstehen? Ziemlich sicher, eine Demo ist zumindest mal angekündigt, die Deutschen gehen auch auf die Straße, für ihre Lindenstraße, sie ist ihnen Heimat, Identität, ohne Lindenstraße sind sie Unbehauste. Und in Österreich empfiehlt Kanzler Kurz zwar nicht, über die Straße zu gehen, aber den Wiener_innen lässt er ausrichten, dass sie zu lange schlafen. Leider wachen die noch immer nicht auf.

Selbst Luxemburg kann nicht einfach im Passivhaus relaxen und sich darauf vorfreuen, demnächst öffentlich bekifft zu verkehren. Auch hier gibt es bedenkliche Meldungen. Wegen fehlender Dynamik, also der andern, tritt die Amiperas-Spitze zurück, dabei war sie mit dem Ziel angetreten, die Überlebenschance mittelfristig zu garantieren. Ob eine Amiperas-Spritze da noch hilft?

Und aus Vichten wird ein Putsch gemeldet. In einem ochsenblutroten Haus.

Die gute Nachricht zum Schluss: Er ist gescheitert.

Michèle Thoma
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