Das Diekircher Moratorium bedeutet Bedenkzeit in Sachen Ackerbauschule. Die erneute Standortsuche wird schwierig

Gilsdorfer Knoten

d'Lëtzebuerger Land du 14.02.2014

Zwei bis drei Meter nehmen die Aktenordner zum geplanten Neubau des Ettelbrücker Lycée technique agricole (LTA) in Tom Delles’ Büroschrank schon ein. Und es sieht ganz so aus, als müsste der Direktor des LTA demnächst ein weiteres Regalfach frei räumen, um noch mehr Ordner unterzubringen. Bis Mai nämlich sollen Beamte aus dem Erziehungs-, Umwelt- und Bautenministerium prüfen, welcher Standort im Norden für den Neubau der einst für rund 200 Jungen geplanten Schule an der Avenue Lucien Salentiny am besten geeignet wäre.

Nicht, dass sie das nicht schon längst getan hätten: Eigentlich waren die Analysen 2010 abgeschlossen und ihre Ergebnisse, so sieht es das Gesetz vor, bildeten die Grundlage, als die damalige CSV-LSAP-Regierung im März 2012, also vor fast genau zwei Jahren, den Umzug nach und Neubau des LTA in Gilsdorf beschloss. Die Grünen und die DP stimmten damals gegen den Standort Kréiwenkel im Südwesten von Gilsdorf mit der Begründung, er befinde sich außerhalb der zentralen Achse Diekirch-Ettelbrück in einem grünen Hang und sei nicht IVL-konform.

Nichtsdestotrotz wurde das Gesetz mit den Stimmen der Mehrheitsparteien CSV und LSAP gestimmt – und wären nicht im Oktober Neuwahlen gewesen und die CSV in die Opposition verbannt, wären die Ausschreibungen der Bauaufträge und der erste Spatenstich nach immerhin über 20 Jahren Standortsuche wohl bald erfolgt.

„Gilsdorf ist der einzige Standort, der sich schnell verwirklichen lässt“, ist Tom Delles überzeugt. Er sitzt in seinem Büro im linken Flügel eines Schulgebäudes, das sichtlich in die Jahre gekommen ist. Seine Stimme klingt ruhig, aber bestimmt. „Wir haben vorne und hinten kein Platz mehr. Unsere Schule wurde ursprünglich für 200 Schüler geplant, heute sind wir rund 600.“

Dass die neue blau-rot-grüne Regierung Gilsdorf im Januar plötzlich in Frage stellte, war für ihn und seine Mitarbeiter ein Schock. Inzwischen hatte der Schuldirektor eine Unterredung mit Regierungsvertretern und kann zumindest das politische Räsonnement nachvollziehen. Für ihn als Schulleiter ist aber die Raumnot entscheidend. „Seit ich hier bin, diskutieren wir über die Zukunft des LTA. Wir stoßen an unsere Grenzen“, warnt er. Wer sich in dem Gebäude umschaut, sieht kleine Klassensäle im Stil der 1960-er Jahre, das angegliederte Pensionat ist stellenweise so marode, dass es nicht genutzt wird. Das Nebengebäude in Colmar-Berg ist eine zugige Halle, in der Maschinen und Tische für den theoretischen Unterricht bedenklich eng beieinander stehen.

Unterstützung bekommt Delles nicht nur von seiner Vorgängerin, Martine Hansen, frühere LTA-Direktorin, dann als CSV-Shootingstar plötzlich Hochschulministerin und nach den Wahlen für die CSV als Norddeputierte im Parlament. In einer parlamentarischen Anfrage fordert sie ein klares Bekenntnis von der Regierung für Gilsdorf. Das Personal, gerade so wie die Elternvertretung und die Schüler sprachen sich auf einer gemeinsamen Pressekonferenz vor zehn Tagen ebenfalls für Gilsdorf aus und forderten die neue Regierung auf, mit dem Bau zu beginnen.

„Für uns sind alle Optionen offen. Wir nehmen jedoch ernst, was wir vor den Wahlen gesagt haben“, sagt Camille Gira. „Meine Partei und die DP haben damals Bedenken gehabt. Das war politisch nicht leicht.“ Der grüne Staatssekretär im Nachhaltigkeits- und Bautenministerium ist verärgert. „Es steht außer Frage, dass das LTA neue Räume braucht. Aber die Situation jetzt ist das Ergebnis einer CSV-Landesplanung, die nicht nachhaltig angelegt war“, weist Gira Kritik an seiner Vorgehensweise zurück. „Wir wollen eine kohärente Landesplanung. Luxemburg ist eines der am stärksten zersiedelten Länder in Europa. Wir können es uns nicht erlauben, einfach auf die grüne Wiese zu bauen, weil wir damit das Land nur noch mehr zerstückeln.“ Es gebe neben der Zersiedlung weitere Bedenken, etwa ein erhöhtes Verkehrsaufkommen in Diekirch, weil Schüler aus dem ganzen Land (das Gros stammt aus dem Süden) zum LTA transportiert werden müssten.

In der Tat war das Votum für den Gilsdorfer Standort 2012 mit den Stimmen von CSV und LSAP zustande gekommen, nur der sozialistische Diekircher Bürgermeister Claude Haagen hatte sich vehement gegen Gilsdorf gestemmt – und tut es weiterhin. Im Dezember verlängerte der Diekircher Gemeinderat ein bestehendes Moratorium auf 177 Ar direkt neben dem Bauplatz um ein weiteres Jahr – mit der Begründung, der Landesentwicklungsplan (PAG) sei nicht fertig und es bestünden Zweifel wegen des Quellenwasserschutzes. Die lokale CSV sah darin ein Ablenkungsmanöver und stimmte gegen das Moratorium, das nun jeglichen Fortschritt blockiere.

„Wir sollten die Zeit sinnvoll nutzen“, versucht Raymond Straus zu vermitteln. Der Beamte aus dem Erziehungsministerium ist zuständig für den Sektorplan Lyzeum und kennt die Neverending Story um die Ackerbauschule ganz genau. Er bestätigt, worauf auch die neue Regierung hinweist: dass Gilsdorf schon unter der vorigen Regierung nicht die erste Wahl für das LTA war. Sechs oder sieben Standorte habe man damals geprüft, genau erinnert sich Straus nicht mehr. Auf Platz eins landete das Laduno-Gelände in Ingeldorf, wo sich die Forst- und Umweltabteilung des LTA befindet, das aber der Luxlait gehört. Weil die Milchfirma eigene Baupläne für das Grundstück gehabt hätte, sei man mit den Kaufverhandlungen damals nicht weiter gekommen, so Straus. Auch gegen den zweiten Standort, Walebroch bei Diekirch, habe es Einwände gegeben. Ein Teil des Geländes galt als Überschwemmungsgebiet, weshalb der anliegende Supermarkt auf Stelzen gebaut wurde. „Für schwere Landwirtschaftsmaschinen geht das nicht“, ist Tom Delles überzeugt. Raymond Straus äußert sich vorsichtiger. Seit den letzten Analysen habe sich einiges geändert, so wurde die Alzette erweitert, um Hochwasser besser abfließen zu lassen. „Wir werden neu prüfen müssen“, schlussfolgert Straus.

Für Delles bleibt jedoch das Hauptgegenargument die Zeit: „Wenn ein neuer Standort gewählt wird, dann geht alles von vorne los“, fürchtet er. Anders als in Gilsdorf, wo der Staat für rund 6,3 Millionen Euro Flächen gekauft hat, müsste er diese bei Walebroch erst käuflich erwerben. Zu heutigen Preisen, versteht sich. „Der Staat hat 23 Hektar in Bettendorf mit der Perspektive gepachtet, dass das LTA nach Gilsdorf kommt“, gibt Martine Hansen zu bedenken: „Ich verstehe nicht, warum die elf Millionen Euro, die bereits ausgegeben wurden, in der Debatte kaum eine Rolle spielen.“ Und das in Krisenzeiten, da die neue Regierung versprochen habe, zu sparen, sagte sie im Land-Gespräch.

Staatssekretär Camille Gira weist die Kritik der Opposition entschieden zurück: Sechs Millionen Euro seien für den Grundstückskauf gewesen. „Und das Geld ist nicht verloren.“ Man könnte das Argument auch umdrehen. Der Staat hatte schon vor Jahren Bauterrain auf der Ettelbrücker Haard als möglichen Schulstandort gekauft – und es dann doch nicht bebaut. Nach eingehenden Analysen schied die Haard als Alternative aus, weil das Bauen in Hanglage zu teuer und die Zufahrt zu aufwändig schienen.

Trotzdem spricht sich der dortige Gemeinderat für die Haard aus. „Nicht als Konkurrenz zu Gilsdorf, der Standort bleibt für uns Priorität“, wie der Ettelbrücker Bürgermeister Jean-Paul Schaaf eilig versichert. „Die Ackerbauschule ist ein Teil unserer Identität. Deshalb möchten wir sie in unserer Stadt behalten“, sagte er dem Land. Er, wie auch der Bürgermeister aus Bettendorf und Gilsdorf, Albert Back, werden dieser Tage mit Minister François Bausch und Staatssekretär Gira die Standortfrage erörtern.

Beamte aus Bauten-, Schul- und Umweltministerium waren diese Woche nach Ettelbrück gefahren, um die Haard zu prüfen, weitere Standorte sollen folgen. Dass sie zu einer anderen Einschätzung kommen werden, bezweifelt Martine Hansen jedoch: „Wenn sie damals ihre Arbeit richtig gemacht haben, müsste das Ergebnis dasselbe sein.“ Tatsächlich stellte der Prüfungsbericht vom Dezember 2004, den das Land einsehen konnte, fest, dass, sollte das LTA in Richtung Haard erweitert werden, zusätzliche Infrastrukturen in Form eines Schulgebäudes und Hallen notwendig wären. Geschätzter damaliger Kostenpunkt: 85 Millionen Euro, Renovierung des Hauptgebäudes in der Avenue Salentiny inklusive.

Damals schien eine intensivere Erschließung des Hügels für den Ettelbrücker Gemeinderat noch ein No-Go gewesen zu sein. Heute sieht der Bürgermeister das anders: „Die einzige Frage ist die der Zufahrt. Busse können dort nicht hinauf. Aber wir können in Terrassenform in den Hügel bauen“, meint Jean-Paul Schaaf. Für die Machbarkeit der Bauweise gebe es inzwischen gnügend Beispiele. Allerdings: Die Grünen hatten damals bei ihrem Votum gegen Gilsdorf die Hanglage als Gegenargument für eine Bebauung durch große Infrastrukturen genannt. Dasselbe Argument müsste dann eigentlich auch für die Ettelbrücker Haard gelten.

Der Meinungswandel der CSV erklärt sich auch dadurch, dass der Partei im Norden zunehmend die Felle wegschwimmen: die Mutterpartei auf der Oppositionsbank, nun steht zudem noch die Ackerbauschule in Frage, ein Prestigeprojekt gerade für CSV, die damit bei ihrem traditionellen Wählerklientel, den Bauern, zu punkten hofft.

Aber nicht nur das. Die vorige CSV-LSAP-Regierung hatte sich auch für Gilsdorf ausgesprochen, um so das Platzproblem des Lycée technique Ettelbrück (LtEtt) mitlösen zu können. Es sollte die frei werdenden renovierten LTA-Räume beziehen. Die landwirtschaftlichen Versuchs-Laboratorien (Asta), die derzeit im LTA untergebracht sind, sowie die Landwirtschaftskammer sollten in einem zweiten Schritt ebenfalls nach Gilsdorf kommen –bis man sich aus Kostengründen dagegen entschied. Im blau-rot-grünen Regierungsabkommen ist das „grüne“ Kompetenzzentrum in der Nordregion weiterhin vorgesehen, neben einer Militärschule für „unter 40 Millionen Euro“, wie es aus dem Schulministerium bis vor kurzem hieß (d‘Land vom 25.10.13). Sie soll sukzessive von 50 auf bis zu 500 Schüler wachsen – und ebenfalls auf dem Ettelbrücker Campus stehen.

Wie aber passt das zusammen und ist es überhaupt bezahlbar? Zumal da noch das Lycée technique des professions de la santé (LTPS) wäre, das nach Waarken kommen und sich mit dem LtEtt neue Sportinfrastrukturen teilen soll, nach dem Vorbild des hauptstädtischen Campus Geesseknäppchen. Das provisorisch in Diekirch untergebrachte Nordstad-Lycée braucht ebenfalls irgendwann neue Räume.

„Wir werden nicht davor zurückschrecken, auch unpopuläre Entscheidungen zu treffen, sollte das im öffentlichen Interesse sein“, sagt Camille Gira. „Was für Autobahnen geht, muss auch für Schulen gehen können“, beharrt er. Eine Enteignung jedoch würde den Bau wohl kaum beschleunigen, wenn man die Erfahrungen der Vergangenheit betrachtet. Schließlich gilt: time is money. Vom Zukauf neuer Flächen gar nicht zu reden. Es ist in der Tat ein gordischer Knoten, den die CSV-LSAP-Koalition ihren Nachfolgern da im Norden hinterlassen hat.

Ines Kurschat
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