Margarethe von Trotta dreht in Luxemburg

„Ich will verstehen“

d'Lëtzebuerger Land du 16.12.2011

Verstehen ist „eine nicht endende Tätigkeit, durch die wir Wirklichkeit, in ständigem Abwandeln und Verändern, begreifen und uns mit ihr versöhnen, das heißt, durch die wir versuchen, in der Welt zu Hause zu sein“. Die deutsch-amerikanische Philosophin Hannah Arendt macht es nicht leicht, sich ihr zu nähern. Ihre Gedanken zum Denken, Wollen und Urteilen, zum Totalitarismus und zur Existenzphilosophie brechen sich Bahn in schier endlosen Satzgebäuden, die nach einer neuen Begrifflichkeit suchen, um so den aufgezeigten Ideen und Visionen nahe und am nächsten zu kommen. Die deutsche Regisseurin Margarethe von Trotta wagt diesen Weg. Dieser Tage entsteht – unter anderem in Niederkerschen – ein Film über vier Jahre im Leben der Hannah Arendt. Die Koproduktion unter Beteiligung Luxemburgs, Deutschlands, der USA und Israels soll im Oktober nächsten Jahres in die Kinos kommen. Morgen ist letzter Drehtag für die Regisseurin und ihre Hauptdarstellerin Barbara Sukowa, sowie für Sascha Ley, die im Film Lore Jonas spielt, die Ehefrau des Philosophen und Arendt-Vertrauten Hans Jonas.

Es ist ein nasskalter Dezembertag. Im unwirtlichen Industriegebiet wurde in einer Halle das New Yorker Apartment von Hannah Arendt detailgetreu nachgebaut – inklusive der Ausblicke auf die Straßenschluchten, Wolkenkratzer und Meergestade der amerikanischen Metropole. Im Aschenbecher eine Zigarette. Walnuss-Schalen, auf dem Tisch ein maschinengeschriebener Brief eines Studenten. Die Küche ist im Stil der Sechzigerjahre eingerichtet mit der Technikverliebtheit im Apollojahrzehnt. Arendt bezog sich in ihren handlungstheoretischen Denkflüssen gerne auf solche Gadgets, um den Unterschied zwischen dem bewussten Handeln und dem Agieren ohne Nachzudenken zu verdeutlichen.

Es sind die frühen Sechzigerjahre, in denen der Film einsetzt. Der israelische Geheimdienst Mossad hat den deutschen NS-Verbrecher Adolf Eichmann in Argentinien aufgespürt und nach Israel entführt. Eichmann war im Dritten Reich im Reichssicherheitshauptamt für die Organisation der Massenvernichtung der Juden verantwortlich. Er sorgte dafür, dass die Transporte der Menschen aus ihrer Heimat in die Vernichtungslager zustande kamen. Diese Aufgabe erfüllte er mit Pflichtbewusstsein – ohne über die Bedeutung und Konsequen-zen nachzudenken. Er wird vor Gericht gestellt, zum Tode verurteilt und im Mai 1962 hingerichtet. In seiner Verteidigung berief er sich stets darauf, nur ein kleines Rad im Getriebe gewesen zu sein und aus Befehlsnotstand gehandelt zu haben. Hätte er es nicht getan, so seine Argumentation, dann ein anderer.

Hannah Arendt war Jüdin. Sie begriff die Religion als Teil ihrer Identität. „Aus dem Judentum kommt man nicht heraus“, schrieb sie in ihrem Werk über Rahel Varnhagen, die im Berlin der Romantik einen Salon gegründet hatte, mit illustren Damen und Herren der Gesellschaft ihre Zeit verbrachte und dennoch nie zu diesen Zirkeln gehörte. Arendt – nur ein halbes Jahr jünger als Eichmann – wurde in Hannover geboren, in Königsberg aufgewachsen, war sie jüngste Schülerin von Professor Martin Heidegger, mit dem sie in den Zwanzigerjahren eine Liebesbeziehung hatte. Sie, die Jüdin, er, der später der NSdAP beitreten und sich vom Nazi-Apparat vereinnahmen lassen wird. Sie kann den Nazi-Schergen rechtzeitig, wenn auch knapp, entkommen.

Für den Eichmann-Prozess reist Arendt nach Jerusalem. Sie berichtet für das Magazin The New Yorker. Vor allem aber wollte sie verstehen. Die Erfahrung „leibhaftiger“ Anschauung, wie sie es beschrieb, ist für die Philosophin eine Voraussetzung des Denkens, Urteilens und Verstehens. Sie verstand. Eichmann war für sie „von empörender Dummheit“, ein „Hanswurst“. Das Böse erschien ihr nicht mehr monströs und abgründig, sondern einfach banal. Diese Schlussfolgerung löst eine heftige Kontroverse aus. Einerseits um die Äußerung, andererseits um die Autorin, die schließlich dem Nazi-Terror entkommen konnte. Sie würde die Opfer der Shoa verhöhnen, sei von ihrem jüdischen Selbsthass zerfressen, arrogant, überheblich, spreche über etwas, was sie nicht erlitten habe. Doch Arendt hält in der Jahre währenden Diskussion an ihrer Äußerung fest.

Diesem Lebensabschnitt der Philosophin widmet sich Margarethe von Trotta. Sie will verdichten, um zu verstehen.

d’Land: Wäre es nicht einfacher gewesen, die ungewöhnliche Liebe zwischen der jüdischen Philosophin und dem nationalsozialistischen Denker, Martin Heidegger, zu verfilmen?

Margarethe von Trotta: Wäre das nicht zu simpel? Vielleicht bin ich schon zu alt, aber Liebesfilme sind einfach nicht mein Ding. Mögen die Protagonisten noch so verschieden sein, die Geschichte der Liebe ist und bleibt die gleiche.

Kommt Heidegger in ihrem Film überhaupt vor?

Es gibt zwei Rückblenden. Sie sind wichtig, um die Entwicklung zu verstehen und auch Hannah Arendts Lebensweg nachvollziehen zu können. In der Tat verband die beiden eine ungewöhnliche Beziehung. Denn auch nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich Arendt – trotz aller persönlichen Enttäuschung – für ihren früheren Mentor eingesetzt und auch mit dazu beigetragen, dass Heidegger wieder publizieren durfte …

… und hielt über die Jahre auch den Kontakt zu ihm.

Ja, egal wie verschieden die Weltanschauungen sind, diese beiden Menschen waren durch das Denken miteinander verbunden, weshalb Arendt bei fast jeder Reise ins Nachkriegsdeutschland ihn in Freiburg besuchte. Sie stets ihn. Er nie sie. Das ist kurz beleuchtet schwer zu begreifen, aber in den sinngemäßen Worten von Hannah Arendt leicht zu verstehen: Aus dem Lieben kommt man heraus, aus dem Denken allerdings nie.

War sie eine „verkopfte“ Frau?

Nein, auf keinen Fall. Sie war auch eine im großen Maße fühlende Frau. Das soll der Film zeigen. Sie war eine introvertierte Denkerin und ein „Genie der Freundschaft“, wie ihre Freunde sie beschrieben.

Einschub Obwohl der Film in den Sechzigerjahren spielt, widmet er sich dem Holocaust. Allerdings wird er nicht das physische Leiden und Erleiden zeigen, das in Genrefilmen in mehr oder weniger drastischen Szenen über Leinwände flimmert. Von Trotta wählt den weitaus schmerzvolleren Teil: die Aufarbeitung des Traumas aus Verfolgung und Vernichtung. Hierin liegt der vielleicht größte Verdienst des Films.

d’Land: Arendt hat mit ihrem Buch Eichmann in Jerusalem den Prozess der Aufarbeitung in der jüdischen Gemeinschaft angestoßen. Sie persönlich musste dabei erfahren, dass die Bewältigung eines kollektiven Traumas sehr schmerzhaft ist.

Von Trotta: Ja. Sie wurde angefeindet, angegriffen, verunglimpft. Langjährige, tiefe Freundschaften zerbrachen. Sie musste sich stets rechtfertigen. All das hat sie sehr getroffen. Mehr noch, sie konnte es nicht verstehen. Sie hat den Begriff „Banalität des Bösen“ gewählt, um dem Unvorstellbaren das Ungeheuerliche zu nehmen.

Vielleicht ist es aus der Opferperspektive leichter, das Leid zu bewältigen, wenn das Böse eine monströse Dimension hat. An ihrem Begrifflichkeit „Banalität des Bösens“ arbeiten sich heute noch immer Theoretiker ab …

… was zeigt, dass Arendt noch immer aktuell ist ...

… ihr wird vorgeworfen, dass sie Eichmann auf den Leim gegangen sei. Er habe sich im Jerusalemer Gerichtssaal perfekt inszeniert und sie sei darauf reingefallen.

Diese Kritiker beziehen sich vor allem auf das, was Eichmann von sich gab. Arendt bezog sich darauf, wie er es sagte. Sie entlarvte ihn, in dem sie seine Sprachlichkeit untersuchte, seine Gestik, sein ganzes Auftreten, weniger das, was er sagte, denn das ist ja austauschbar. Wir werden im Film Originalszenen aus dem Prozess montieren, um dies zu zeigen.

Einschub Margarethe von Trotta widmet sich vor allem unangepassten, starken, kämpferischen Frauen aus der deutschen Geschichte: Gudrun Ensslin, Rosa Luxemburg, Hildegard von Bingen. Mit Hannah Arendt scheint sich der Kreis von der Rebellin zur Denkerin zu schließen.

Martin Theobald
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