Fußballeldorado

One night Ständchen

d'Lëtzebuerger Land du 14.02.2014

Heute loben wir das Luxemburger Fußballeldorado. Aus sportfernen Kreisen hören wir manchmal die merkwürdige Frage: Brauchen wir tatsächlich ein nagelneues nationales Fußballstadion? Nur damit Herr Platini, der Ballbeamte mit den ehemals goldenen Füßen, nicht länger über unsere „höchst verrottete Sportstätte“ in der Hauptstadt giften muss? Die Antwort kann nur uneingeschränkt lauten: Ja, das sollten wir uns unbedingt leisten. Ja, an einem grandiosen, UEFA-konformen Ballspieltempel kommen wir gar nicht mehr vorbei. Denn seit kurzem sprechen exzellente Gründe für eine kräftige Aufwertung der heimatlichen Ballkunst.

Einer unserer besten Rasentänzer, Aurélien Joachim, hat nämlich in aller Öffentlichkeit ein umwerfendes, wenn nicht gar sensationelles Geständnis vom Stapel gelassen. „Ich mag Tilburgs Mädchen“, gesteht der Luxemburger Nationalstürmer dem niederländischen Fußballmagazin Voetbal International. Um dann mit tiefgreifenden spieltaktischen Überlegungen nachzuhaken: „Ich habe keine feste Taktik. Den Frauen erzähle ich aber nie, dass ich Fussballer bin. Ich stelle mich als Schriftsteller vor und frage sie, ob sie heute Abend die Nacht alleine verbringen. Wenn sie ja sagen, antworte ich: Jetzt nicht mehr. Das klappt sehr oft“ (tageblatt.lu, 20.01.2014).

Dieses couragierte Geständnis sollte allen Schriftstellern eine Lehre sein, die sich immer als Fußballer vorstellen, wenn sie Frauen anbaggern möchten. Das kann einfach nicht klappen, liebe Kollegen. Zumindest in Tilburg weiß der weibliche Teil der Einwohnerschaft den nächtlichen Einsatz von Schriftstellern zu schätzen. Da wird es immerhin poetisch zugehen beim Tête-à-tête, da wird der Auserwählten vielleicht ein schöner Text ins Ohr geflüstert, da wird möglicherweise sogar gereimt und mit Hexametern jongliert. Was soll sich eine holde Dame denn von einem Fußballer erwarten? Dass sie von ihrem One night-Rasenpflüger behandelt wird wie ein Lederball? Raubeinig und ungestüm? Dass beim romantischen Toreschießen nur Pleiten, Pech und Pannen herrschen? Da loben wir uns doch die Schriftsteller. Die sind gar nicht darauf aus, stur das Runde ins Eckige zu befördern. Sie sind textuell bei der Sache. Also höchst feinfühlig und langatmig. Vielleicht auch ein bisschen ausschweifend, aber das tut dem intimen Pläsier sicher keinen Abbruch.

Sportpolitisch betrachtet grenzt Joachims Statement schon fast an eine Revolution. Im Grund betont er ja nur, dass in jedem Fußballer ein geheimer Schriftsteller steckt. Oder dass gescheiterte Schriftsteller sich gern als Profifußballer tarnen. Jedenfalls kennt er die Wirkung und die Ausstrahlungskraft der Literatur. Er weiß aus eigener Erfahrung, wie tauglich die Literatur in Liebesdingen ist. Der Schriftsteller ist – im Gegensatz zum Fußballer – der ideale Tröster einsamer Frauen. Auch wenn seine Schriften in der Regel auf den Regalen der Buchhandlungen vergammeln, in einem Punkt ist der Schriftsteller nicht zu schlagen: er muss nicht mit Muskelpaketen und flinken Beinen protzen, um Frauenherzen höher schlagen zu lassen. Er muss nicht in der Lage sein, auftrumpfend ganze Fußballfelder zu malträtieren, dass die Rasenfetzen fliegen, nur um seine Angebetete zu beeindrucken. Nein, es genügt, wenn er seinen sprachlichen Balsam zur Hand hat. Natürlich darf er seiner Auserwählten auch ein Fußballgedicht rezitieren. Oder gar, je nach Dauer und Ausdehnung des Liebesspiels, einen ganzen Fußballroman. Wo der Fußballer nur „Tor! Tor! Tor!“ stammeln könnte, empfiehlt sich der Schriftsteller mit ziseliertem, stilistisch opulentem Liebesgesäusel.

Und jetzt schließt sich der Kreis: wir sind wieder bei der Frage nach der Notwendigkeit eines neuen, hochmodernen Fußballstadions angekommen. Machen wir es kurz: Ein solches Stadion muss schleunigst gebaut werden. Es könnte ja sein, dass Aurélien Joachim nur die Spitze des – fast hätten wir geschrieben „Eisbergs“, aber das wäre bei so viel glühender Literaturleidenschaft ein schiefes Bild – also die Spitze des Literaturbergs ist, der da mit der Zeit in unserem Fußballverband herangewachsen ist. Vielleicht geben sich ja alle Spieler unserer Nationalelf bei ihren Streifzügen durch das Frauenrevier als Schriftsteller aus. In diesem Fall wäre jedes Länderspiel buchstäblich die größte Literaturveranstaltung im Großherzogtum, ein gigantisches Gedicht mit Kopf und Fuß sozusagen, eine Versammlung sportlicher Büchernarren, und das Stadion hätte plötzlich fast schon den Status einer Freiluftnationalbibliothek mit zehntausend Literaturgenießern auf den Rängen. Dabei spielt es überhaupt keine Rolle, ob die Spieler nun tatsächlich Schriftsteller sind oder nicht. Sie müssen es nur behaupten, das reicht hierzulande völlig aus. Also dann: Her mit der neuen Kultureinrichtung namens Fußballstadion! Auf in die kommende Glanzzeit der Rasenliteratur!

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So, das wär’s dann gewesen mit der Kolumne Made in Happyland. „Heureusement incontrôlable“ hat Josée Hansen jüngst diese schamlose Lästerrubrik genannt. Ich danke für die schmeichelhafte Bewertung. Und verabschiede mich ganz unkontrolliert mit diesem Text Nummer 321.

Guy Rewenig
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