Varoufakis

Reich, aber sexy

d'Lëtzebuerger Land du 20.03.2015

Im grauen Februar kommt er angesprengt, auf dem Motorrad. Aus den tiefsten Neunzigern, oder waren es die Achtziger?, oder aus dem Unterbewusstsein, womöglich dem verdrängten. Ein bisschen oben ohne, dazu der bestimmt bläuliche Schimmer auf dem Kinn. Er hat so viele männliche Anteile, es könnte einer, wir Weiber sind ja nicht mehr so verwöhnt, sehr eigen zumute werden. Es könnte einer, auch wenn sie obenrum sich sofort zur Ordnung ruft, zur Geschlechtsordnung, so anders werden, woanders.

Sie könnte zu delirieren beginnen, antike Bierflaschen vor sich sehen, die mit den Zähnen geöffnet werden, tanzende Adamsäpfel.

Die Zeitzeugin ist nicht die erste, die drauf gekommen ist. Es hat sich schon herumgesprochen, eine Verwirrung hat sich ausgebreitet. Oder sagen wir: eine milde Besessenheit. Sie hat ältliche Journalistinnen erfasst, junge Mütter, biertrinkende Herren, Dienstboten und Oligarchinnen. Wir haben seither zahllose Titelseiten mit dem Konterfei eines stark strahlenden, ausstrahlenden Menschen gesehen. Seit vor über einem Monat, im grauen Spätwinter, dösenden Fernsehzuschauerinnen eine Erscheinung zuteil wurde. Sie haben sich die Augen gerieben: Wow, der Leibhaftige! Er erklärt ihnen lässig, wie sie gerettet werden. Ist das jetzt der Messias, und ist der jetzt ein Marxist?

Seither kommt er immer wieder, auf allen Kanälen taucht sein Lächeln auf, seine Augen strahlen. Manchmal schauen sie allerdings sehr düster, wenn die Menschen wieder nichts kapieren.

Ekstase befällt den Schuhputzer und die Verlagsangestellte und die Haubenköchin. Obschon er meistens von keinem Geld redet. Aber wie! So hat noch keiner über kein Geld zu ihnen geredet.

Er lässt das Hemd flattern, das blau ist wie der griechische Himmel, er geht drauf los wie ein Mann, in die Höhle des Löwen. Er traut sich zu den grauen Herren, den Bösen aus Brüssel. Die Aura der Freiheit umgibt ihn. Er wird uns alle befreien, uns Entfremdete. Seine Jünger sitzen breitbeinig in Talkshows, kratzen sich wo, reiben sich die Nase. Sie sprechen die Körpersprache von Bauern, vielleicht sogar von echten Proletariern. Er grinst und riecht nach Schweiß und Schwefel. Pubertär phallisch zeigt er den Mittelfinger, den deutsche Kommentatoren pubertär Stinkefinger nennen. Und dazu diese scharfe Intelligenz!

Welche/r Proletarier_in würde sich nicht mit ihm vereinigen wollen? Selbst die herrschende Klasse wirkt schon katastrophal unbeherrscht.

Aber die mobilisiert dennoch schon zur Konterrevolution, Sex ist schließlich nicht alles im Leben. Die Antikörper gehen in Position. Klassenfeinde à la Dijsselbloem. Die konnten sich schon auf dem Schulhof nicht riechen. Und während Sexistinnen sich immer noch kein Feigenblatt vor den Mund nehmen und Kindergartenpädagogen und Computerspezialistinnen scharenweise erwägen, sich zum Marxismus zu bekehren, reiben sie uns fiese Fotos unter die Nase.

Schöne Fotos. Mit schönen Menschen. Wir können das Poster über dem Bett in den Müll schmeißen. Er hat schon eine, er liebt sie, er sagt es nonstop. Sie hat keine Schwielen an den Händen, keine Kinderschar hängt an ihrer Kittelfalte. Sie ist auch nicht an einem Projekt beschäftigt, das in einem Monat ausläuft und von dem niemand weiß, wie es weiterfinanziert wird. Sie ist blond und schön, sie ist auch intelligent, wie er, sogar Künstlerin, eine erfolgreiche, und ihre Projekte finden zum Beispiel in der Wüste statt oder an ähnlich aussagekräftigen Orten. Sie ist eine Globalkünstlerin, nebenbei kommt sie aus einer schwerreichen Familie, aber dafür kann sie ja nichts. Er himmelt sie an, sie himmelt ihn zurück an, unter dem griechischen Himmel, unter der griechischen Akropolis, unter der sie residieren, wenn sie nicht gerade in Australien oder den USA residieren oder er sie begleitet beim Globalkunstmachen. Er spielt Klavier, oder tut so. Sie besitzen auch Bücher, er schreibt sogar welche. Auf ihrer schönen Terrasse trinken sie Wein, eventuell griechischen, und essen wohlschmeckende Dinge, die geschmackvollen Menschen munden.

Ja. Und jetzt?

Mal nachschlagen bei Varoufakis.

Michèle Thoma
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