In sachlicher Atmosphäre fand die erste Informationsversammlung für die Elternvertreter zur Sekundarschul-reform statt. Aber wie repräsentativ sind die eigentlich?

Eltern in Sorge

d'Lëtzebuerger Land du 16.12.2011

„Das geht doch nicht“, entrüstet sich Michèle Retter. In den vergangenen Tagen und Wochen erhält die Präsidentin der Elterndachorganisation Fapel mehr Post als sonst: Eltern beschweren sich, dass Lehrer ihren Unterricht dafür nutzen, um gegen die Schulreformen zu mobilisieren. Dabei geht es offenbar nicht nur um Fakten: „Die Eltern, die sich beschweren, sprechen von Manipulation und Indoktrination“, sagt Fapel-Mitarbeiterin Liliane Bredimus. So soll ein Lehrer seinen Schülern erzählt haben, er würde durch die Reform 20 Prozent seines Gehalts verlieren und könnte somit sei Haus nicht mehr bezahlen. „Das ist nicht nur falsch, sondern zynisch, wenn man bedenkt, dass die Zahl der Kinder, die in Armut leben, steigt“, so Bredimus empört.

Bredimus hat die einseitige Informationspolitik mancher Lehrer vor rund 60 bis 80 Elternvertretern angesprochen, die am Donnerstag vor einer Woche auf Einladung des Ministeriums ins Lycée Aline Mayrisch gekommen waren, um sich die geplante Sekundarschulreform erklären zu lassen. Die Reaktion der Unterrichtsministerin: Ohne verbriefte Zeugenaussagen seien ihr die Hände gebunden, so Mady Delvaux-Stehres (LSAP). Sie betonte am Mittwoch bei einem informellen Pressefrühstück, sie wolle „nicht glauben, dass ein Lehrer seine Rolle nicht richtig erfüllt“. Eine hilflose Haltung, wenn man bedenkt, wie wichtig korrekte Informationen und ein fairer Dialog für eine sachliche Debatte sind und welche Rolle auch gerade den Eltern in der öffentlichen Meinung zukommt.

Im Gegensatz zu den Schülern und den Lehrergewerkschaften SEW, Apess und nun auch SNE, die bereits massiv gegen die Reformpläne mobilisiert haben, ist es bei den Eltern vergleichsweise ruhig. Das mag einerseits daran liegen, dass der Vorentwurf zur Sekundarschulreform erst seit dem 5. Dezember vorliegt und die Informationen nur allmählich zu den Eltern durchdringen.

Auf der Informationsveranstaltung nach Veröffentlichung des Vorentwurfs war die Stimmung der Elternvertreter jedenfalls gefasst und sachlich. Keine polemischen Wortmeldungen und auch keine Verbalattacken unter der Gürtellinie. „Im Vergleich zu anderen Informationsveranstaltungen, die tumultartig verliefen, war diese konstruktiv“, so Ministerin Mady Delvaux-Stehres. Im Mittelpunkt des Elterninteresses standen Verständnisfragen: zu differenzierten Sprachkursen, Unterrichtsumfang, dem Übergang von der Grundschule in die Sekundarstufe. Zwei Mütter beklagten verärgert Probleme mit der neuen Berufsausbildung. Ein Vater prangerte überlange Sommerferien an. Ein anderer sagte, er verstehe die momentane Aufregung nicht. Die Vorschläge zur Sekundarschulreform schienen ihm größtenteils „recht vernünftig“.

Nun trifft auf die Eltern dasselbe zu zu, was die Ministerin zuvor bei den Lehrer festgestellt hatte – und dafür heftige Schelte bekam: Wie repräsentativ sind die Eltern, die in den Versammlungen sitzen, für die allgemeine Stimmung im Land? Darf man, nur weil skeptische Stimmen bisher weitgehend ausbleiben, auf eine höhere Akzeptanz der Reformen bei den Eltern schließen?

Vor kurzem hatte sich die Elternvereinigung des Escher Lycée de garçons in einem empörten Leserbrief vom Elterndachverband Fapel distanziert und ihre Unterstützung für die Lehrerproteste gegen die Reform zugesichert. Hintergrund war ein Auftritt von Fapel-Präsidentin Retter in den RTL-Nachrichten gewesen, bei dem diese die Gegner der Reform als „reformresistent“ bezeichnet hatte.

Es ist kein Geheimnis, dass das Gros der gewählten Elternvertretern Luxemburgisch als Muttersprache spricht und, wie es Soziologen nennen, „bildungsaffin“ ist. Das bestätigt Gérard Zens von der Abteilung Sekundarstufe im Unterrichtsministerium. Genaue Zahlen hat er nicht. Eine Gesetzesinitiative des Ministe-riums, im Rahmen einer neuen Schülerdatenbank künftig gezielt den sozialen Hintergrund der Eltern zu erheben, lehnen sowohl die Gewerkschaften, Schüler sowie Eltern ab.

Die Fapel zählt auch nicht-luxemburgische Eltern zu ihren Mitgliedern, aber Präsidentin Retter räumt ein, es falle schwer, nicht-luxemburgische Eltern aus bildungsfernen Schichten, deren Kinder vornehmlich im Enseignement secondaire technique (EST) sind, für die Mitarbeit zu gewinnen: „Das beginnt schon damit, dass viele keine Zeit haben“. Auch die Kommunika-tion bereitet Probleme. Zudem sind nicht alle gewählten Vertreter der Elternkomitees in den Sekundarschulen zugleich Mitglied bei der Fapel. In gemischten Sekundarschulen seien es oft eher Eltern des klassischen Schulzweigs, die den Ton angeben – auf Luxemburgisch. Sogar das Ministerium vergaß prompt, für die Versammlung der Elternvertreter eine Übersetzung auf Französisch und Portugiesisch vorzusehen. Dass diese Eltern sich groß zur Reform der Classes supérieures äußern, ist fraglich: Nur rund 20 Prozent der Classique-Schüler sind Nicht-Luxemburger.Theoretisch wäre somit ein Szenario vorstellbar wie vor einem Jahr in Hamburg. Dort scheiterte eine von Konservativen, Grünen und Sozialdemokraten gemeinsam getragene Schulreform an einem starken Bündnis der Bildungseltern, die um die Vorteile ihrer Kinder fürchteten, sollten sich die Gymnasien weiter öffnen.

Dass Eltern nicht per se für Reformen sind, sondern nur, wenn sie sich Vorteile für ihre Kinder versprechen, hat auch die Studie La place de l’école dans a société luxemburgeoise de demain von der Universität Luxemburg gezeigt. Von 1 160 befragten Eltern in Luxemburg waren 73,7 Prozent der Eltern für eine externe Evaluation des Schulsystems, aber nur rund 45 Prozent der Sekundarschullehrer. Hingegen waren rund 70 Prozent der Eltern dagegen, die Klassenwiederholung in der Grundschule abzuschaffen und sogar 80 Prozent gegen eine Abschaffung der Klassenwiederholung im Sekundarunterricht. Bei den Lehrern lag der Anteil der Nein-Sager bei 50 Prozent.

Im Land-Gespräch äußert sich Fapel-Präsidentin Retter skeptisch zur automatischen Versetzung von der 7e auf die 6e, wie sie im Text in Anlehnung an Erfahrungen der Proci-Schulen vorgesehen ist. „Die Frage ist, was an deren Stelle tritt“, so Retter. Wichtiger sei, die Schüler zu fördern, fügt Kollegin Bredimus hinzu, die die „uneffiziente“ Rémediation kritisiert.

Dass der Dachverband, der rund 100 Unterorganisationen zählt, die Reform rückhaltlos begrüßen wird, ist unwahrscheinlich. „Wir haben uns bisher noch nicht zu der Reform geäußert“, betont Michèle Retter. Sicher sei aber: „Wir brauchen dringend eine andere Unterrichtskultur“. Der Elterndachverband will sich zunächst mit seinen Mitgliedern beraten. Einige Kritikpunkte aber hat die Elternorganisation bereits herausgearbeitet. So sei der „Geist“ des Papiers in weiten Zügen nach wie vor der alte: „Viele Lehrer machen allein die Schüler für den Misserfolg und die Durchfallraten verantwortlich. Das ist zu einfach“, betont Liliane Bredimus. Sie unterstützt die Stoßrichtung der Reform: mehr Schüler zu fördern und ihnen zu einem Diplom zu verhelfen. Ob der vorliegende Text dafür der richtige Weg ist, müsse man sehen.

Um den Einfluss des sozialen Hintergrunds auf die schulischen Leistungen und die Schulkarriere zu mindern, müsse zu allererst die Orientierungsprozedur nach der Grundschule geändert werden. Die Fapel schlägt eine Orientierung vor, die von den Lehrern losgekoppelt wäre. „Es müsste ein Gremium sein, in dem externe Fachleute die Schüler bewerten“, findet Liliane Bredimus. Dass sich die Gewerkschaften mit der Idee anfreunden können, ist allerdings unwahrscheinlich.Dann vielleicht eher mit der Kritik an der Cellule de développement scolaire, die in den Sekundarschulen für die pädagogische Entwicklung verantwortlich sein und diese koordinieren soll. Wenngleich aus anderen Gründen: Die Fapel verlangt, Eltern aktiv in die Schulentwicklung einzubeziehen, ähnlich wie das in den Grundschulen geschieht.

Das Problem der Repräsentativität ist mit demokratischen Verbesserungen allein aber nicht behoben. Rund 20 Prozent der Sekundarschüler sind portugiesischer Nationalität – und der Großteil davon im EST. Ihre Eltern dürften die Akzente bei den Reformen anders setzen. Joaquim Prazeres von der portugiesischen Gemeinschaft wollte sich gegenüber dem Land nicht über Details der Reform äußern. Man werde diese intern diskutieren und die Eltern informieren. Zu einem späteren Zeitpunkt soll dann das Gespräch mit dem Ministerium gesucht werden. Prazeres verweist auf frühere Stellungnahmen seiner Vereinigung zum Luxemburger Schulwesen: Vor allem beim Sprachenunterricht seien dringend Verbesserungen notwendig. Unterstützung könnte seine Organisation von der Asti erhalten. Die Ausländerorganisation will im Januar ihren Déjeuner-débat relancieren und dann über die Sekundarschulreform diskutieren. Vorrangig soll es um wissenschaftliche Fakten gehen. „Um die Debatte zu versachlichen“, wie Asti-Präsidentin Laura Zuccoli betont.

Ines Kurschat
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