Verbrechensbekämpfung

Splitternacktscanner

d'Lëtzebuerger Land vom 14.01.2010

Heute loben wir die perfekte Verbrechensbekämpfung. Geben wir es zu: wir alle wollen insgeheim nicht nur erleuchtet, sondern auch durchleuchtet sein. Die Durchleuchter arbeiten nur zu unserem Wohl. Sie wissen aus leidvoller Erfahrung, dass in jedem von uns ein gnadenloser Verbrecher steckt. Unsere kriminellen Neigungen müssen also stets und ständig im Auge behalten werden, am besten im elektronischen Auge. Wir wissen ja, wie objektiv die Durchleuchter ihr Handwerk verstehen. Regelmäßig richten sie ihre Überwachungskameras gegen sich selbst. Um ihre eigenen dunklen Seiten auszuleuchten. So entsteht Demokratie.

Jeder, der schon einmal das Glück hatte, auf einem Flughafen präventiv betatscht zu werden, kann nur voll des Lobes über die hochqualifizier­ten Verbrechensbekämpfer sein. Hier sind nur Meister der Sensibilität am Werk. Ihre professionelle Feinfühligkeit ist kaum noch zu übertreffen. Ihr leidenschaftlicher Blick bedeutet uns: „Komm, lieber Terrorist, jetzt kriegst du deine Streicheleinheiten!“ Daher haben wir gegen Nacktscanner überhaupt nichts einzuwenden, im Gegenteil. Diese wunderbare maschinelle Peepshow erhebt die Durchleuchtung in den Rang der erotischen Kunst. Wir können es kaum erwarten, uns demnächst freudig vor der versammelten Sicherheitsbelegschaft zu entblößen.

Umso mehr die Durchleuchter nicht nur uns Steuerzahler, sondern auch die übergeordneten Steuerverschwender und Geldvernichter ins Visier nehmen. Haben Sie schon gehört, wie es künftig in unseren Ministerien aussehen wird? In jedem Büro ein potenter Nacktscanner, bei jeder Sitzung hinter verschlossenen Türen eine ganze Batterie von Überwachungskameras. So fängt man die wahren Übeltäter. Zum Beispiel jene Minister, die unser sauer verdientes Geld in sogenannten e-go-Projekten verpulvern, oder Million um Million in einem sogenannten Festungsmuseum in Luft auflösen. Diese Volksbetrüger, die in unseren Nachbarländern längst aus Amt und Würden gejagt worden wären, werden nun endlich mit dem Nacktscanner dingfest gemacht. Was sind ein paar Gramm Marijuana, aufgespürt von sündhaft teuren Überwachungskameras, gegen die schweren Drogen des Machtmissbrauchs?

Ansonsten sind wir der Meinung, dass es nicht ausreicht, Nacktscanner nur auf Flughäfen zu installieren. Ein gesprengter Zug richtet genauso viel Schaden an wie ein in die Luft (!) gejagtes Flugzeug. Wir müssen also dringend jeden Bahnhof, auch den allerkleinsten, mit Nacktscannern bestücken. Und erst die Autos! Aus der täglichen Chronik der Ereignisse schließen wir: das größte Unheil wird mittlerweile mit Autobomben angerichtet. Daher dürfen wir den frechen Aufmarsch der potenziellen Autosprengmeister auf keinen Fall verharmlosen. Wir fordern Nacktscanner an jeder Autobahnauffahrt, an jeder Tankstelle und auf jedem Parkinggelände. Wahrscheinlich finden die Autobombenschmuggler dann immer noch gefährliche Schlupflöcher. Es wäre demnach sinnvoll, in jeder privaten Garage einen Nacktscanner aufzubauen. Kein Zugang zum eigenen Wagen mehr, ohne die obligatorische Durchleuchtung!

Womit wir bei den Supermärkten wären. Auf der Skala der Gefährdungen rangieren die Supermärkte im knallroten Bereich. Wer ist so vermessen, sich ruhigen Gewissens vorzustellen, wie ein Supermarkt von einer unentdeckten Bombe zerfetzt wird? Da sterben nicht nur Menschen, nein, da werden vor allem Konsumgüter sinnlos zerstört. Ein Flugzeug ist wenigstens keine Einkaufsgalerie, und ein Zug taugt nichts als Lebensmitteleldorado. Wenn die Terroristen unsere Supermärkte entdecken, wird das Herz unserer Kultur getroffen. Das dürfen wir nicht zulassen. Also Nacktscanner vor alle Supermarktportale! An jede Kasse, oder besser noch: an jedes einzelne Regal!

Und vergessen wir nicht: die beherzt vorangetriebene Nacktscannerindustrie wird hierzulande der Wirtschaft einen wahrhaft tollen Aufschwung bescheren. Zehntausende neue Arbeitsplätze entstehen quasi aus dem Nichts. Genug jedenfalls, um nicht nur den Staatsapparat zu sanieren, sondern auch den gesamten Mittelstand. Jeder Luxemburger, der etwas auf sich hält, wird demnächst am Nacktscanner tätig sein. Lauter Spezialisten der Volkssicherheit, lauter psychologisch geschulte Menschenfreunde mit einem durch und durch sinnvollen Beruf.

Widerstehen wir daher jenen schamlosen Demagogen, die uns einflüstern wollen, das beste Rezept gegen Terroristen sei folgendes: alle Bürger dürfen sich nur mehr splitternackt in der Öffentlichkeit fortbewegen. Nur mehr völlig nackte Flugzeuginsassen, Zugreisende, Autofahrer, Fußgänger. Wir vermuten, hinter dieser Wahnidee steckt wieder mal die verschlage­ne Pharmaindustrie. Das könnte den Herrschaften so passen. Die Folge wäre nämlich ein brutales Wiederaufflammen der Schweinegrippepandämie. Und die überzähligen Impfdosen würden wegschmelzen wie warme Semmeln in der Wüste. Oder so ähnlich. Diesen profitgierigen Nacktaposteln werden wir einen gehörigen Strich durch die Rechnung machen.

Guy Rewenig
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