Kern, Rudolf: Victor Tedesco - ein früher Gefährte von Karl Marx in Belgien

Victor Tedesco, der erste Luxemburger Marxist

d'Lëtzebuerger Land vom 20.03.2015

Die industrielle Revolution auf dem europäischen Festland begann in Belgien, nach der Revolution von 1830 auch einer der demokratischsten Staaten seiner Zeit. Deshalb gibt es eine Generation liberaler und freimaurerischer Luxemburger, die auch nach der bis heute als Unabhängigkeit gefeierten Restauration von 1839 in Belgien lebten. Neben weitgehend unbekannt gebliebenen Arbeitern und Handwerkern zählen Intellektuelle zu ihnen wie der Mathematiker Antoine Meyer, der Autor des ersten Buchs in Luxemburger Sprache, der jung verstorbene ­Félix Thyes, Verfasser der ersten Abhandlung über Luxemburger Literatur, der Dekan der geisteswissenschaftlichen Fakultät der neuen Université libre de Bruxelles, Jean-Jacques Altmeyer, und der Anwalt Victor Tedesco. Sowohl Altmeyer als auch Tedesco standen in Kontakt zu Karl Marx, der von 1845 bis 1848 im Brüsseler Exil lebte. Viele von ihnen haben eine ähnliche Biographie mit politisch militanten Jugendjahren in den Jahrzehnten der Revolutionen von 1830 und 1848 und einem bürgerlichen Familienleben in den anschließenden Zeiten der Restauration. Der Interessanteste, auf jeden Fall der Radikalste unter ihnen ist Victor Tedesco, dem der in Louvain emeritierte Germanistikprofessor Rudolf Kern mit einer der umfangreichsten und gründlichsten Biografien, die je einer Persönlichkeit aus Luxemburg zuteil wurde, ein gewaltiges Monument schuf.

Victor Tedesco wurde 1821 in der hauptstädtischen Paschtoueschgaass in die Familie eines Verwaltungsangestellten geboren. Nach dem Kolléisch studierte er in Liège an der École des mines, wo er als Sekretär des Studentenkomitees für die bewaffnete Verteidigung Belgiens und gegen die Teilung Luxemburgs militierte. Anschließend studierte er Jura und trat mit 21 Jahren der lokalen Freimaurerloge bei, über die er Kontakt zu dem in Brüssel lebenden Altmeyer unterhielt.

In den Jahren bis zur Revolution von 1848 erlebte Victor Tedesco eine politische Radikalisierung im Geist der Zeit: vom Freimaurertum über den Liberalismus bis zum Kommunismus. In der Freimaurerloge La parfaite intelligence et l’étoile réunies, der der Student ab 1842 angehörte, bildete sich unter seiner Mitwirkung ein linker Flügel, der über den Antiklerikalismus hinaus gesellschaftliche Reformen anstreben wollte. Die liberale Partei in Liège, die Association de l’Union libérale, der Tedesco beitrat, obwohl er weder über die belgische Staastsbürgerschaft noch über das Wahlrecht verfügte, zerbrach 1845 sogar an der sozialen Frage, die sozial konservativen Notabeln gründeten eine Association libérale.

Wann Victor Tedesco Karl Marx kennen lernte, bleibt unklar. Marx war 1845 aus Frankreich ausgewiesen worden und legte Anfang Feb­ruar beim Umzug nach Brüssel eine Zwischensta­tion in ­Liège ein, wo er laut einem Polizeibericht bei einem Freund übernachtete. Ob der Freund ­Victor Tedesco war, darüber rätseln die Historiker bis heute. Rudolf Kern schätzt, dass Marx und ­Tedesco sich im März oder April 1846 kennenlernten, als Tedesco über einen seiner engsten Freunde, Marx’ Arzt und Vermieter Alber Breyer, Kontakt zum neu gegründeten Kommunistischen Korrespondenz-Komitee aufnahm. Das Komitee ging 1847 in dem geheimen Bund der Gerechten auf und wurde schließlich zum Bund der Kommunisten, der laut Statuten zum Zweck hatte den „Sturz der Bourgeoisie, die Herrschaft des Proletariats, die Aufhebung der alten, auf Klassengegensätzen beruhenden bürgerlichen Gesellschaft und die Gründung einer neuen Gesellschaft ohne Klassen und ohne Privateigentum“. Zum zweiten Kongress des Bundes 1847 in London waren Marx, Engels und Tedesco als Delegierte aus Belgien angereist. Tedesco sprach über die Rolle der Frauen.

Dem erhalten gebliebenen Briefverkehr nach zu urteilen, waren Marx und Tedesco spätestens 1847 Freunde: Der 24-jährige Tedesco unterstützte seinen 27-jährigen Duzfreund im Streit mit Proudhon und Karl Grün und versuchte erfolglos, Geld für die mittellose Asylantenfamilie Marx aufzutreiben. In Brüssel verfassten Karl Marx und Friedrich Engels im Auftrag des Bundes das Manifest der Kommunistischen Partei, das beim Ausbruch der Februarrevolution 1848 erschien. Als Tedesco im Juni 1848 verhaftet wurde, fand die Polizei ein inzwischen verschollenes Manuskript bei ihm, in dem er, möglicherweise in Marx’ Auftrag, eine französische Übersetzung des Manifestes begonnen hatte.

In der Februarrevolution war Tedesco nach Brüssel gereist, um für den bewaffneten Umsturz und die Ausrufung der Republik zu agitieren. Der junge Anwalt wurde ein erstes Mal verhaftet, Karl Marx wurde ausgewiesen und zog für den Rest seines Lebens ins Londoner Exil. In Liège war Tedesco Wortführer bei der Gründung eines Republikanischen Clubs. Nach Aufständen in Brüssel und Gent sowie dem Einmarsch von 1 800 bewaffneten Revolutionären aus Frankreich stand Tedesco im August 1848 zusammen mit 43 anderen Angeklagten wegen Hochverrats in Antwerpen vor Gericht und wurde zusammen mit 16 Gleichgesinnten zum Tod verurteilt. Das Urteil wurde im November in 20-jähriges Zuchthaus umgewandelt.

Tedesco blieb bis Anfang 1854 auf der Zitadelle von Huy eingesperrt. In der Haft verfasste er ein Jahr nach dem Kommunistischen Manifest seinen eigenen, zuerst anonym erschienenen Catéchisme du prolétaire. Die Fragen- und Antwortenliste, die die Arbeiter sich ihres Elends politisch bewusst machen sollte, sichert Tedesco bis heute eine Fußnote in der Geschichte der internationalen Arbeiterbewegung. Beschränkte sich Xavier Sauriacs 15 Jahre zuvor erschienener Catéchisme du prolétaire auf die Forderung nach allgemeinen Menschenrechten für die Proletarier, so versuchte Tedesco in Anlehnung an das Kommunistische Manifest auch auf die ökonomischen Verhältnisse einzugehen – wenn auch weniger wortgewaltig und weit entfernt von den Vorträgen über Lohnarbeit und Kapital, die Marx 1847 vor dem Deutschen Arbeiterverein in Brüssel gehalten hatte und 1849 veröffentlichen sollte. Aber Tedesco war weder ein großer Theoretiker noch ein fleißiger Schreiber.

Es gehört nicht zu den kleinsten Verdiensten von Rudolf Kerns gewaltiger Biographie, den Catéchisme und andere kaum noch zugängliche Schriften von und zu Tedesco im vollen Wortlaut nachzudrucken. Von dem mehr als 800 Seiten starken Werk, das ausführlich Tedescos Rolle in der Freimaurerloge und der liberalen Bewegung von ­Liège sowie in der Revolution von 1848 nachspürt, hätte man sich vielleicht mehr Einzelheiten über die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse in einem der größten Industriereviere der damaligen Welt rund um Liège erhofft. Denn sie machten vielleicht den antiklerikalen Studenten zum Revolutionär. Schließlich beschrieb Tedesco in seinem Catéchisme die Wohnbedingungen der Arbeiter so genau, dass er sie im nahen Seraing selbst gesehen haben könnte. Ein zweiter Band soll das weitere, ruhigere Leben des nach fünfeinhalb Jahren aus der Haft Entlassenen erzählen, der die belgische Staatsbürgerschaft angenommen hatte und sich in Arlon als Rechtsanwalt und liberaler Conseiller der Provinz Luxemburg niederließ, wo er 1897 mit 75 Jahren verstarb.

Rudolf Kern, Victor Tedesco – ein früher Gefährte von Karl Marx in Belgien. Sein Leben, Denken und Wirken in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. 1. Band: 1821-1854. Waxmann, Münster, 808 S., 74 Euro.
Romain Hilgert
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