Luxemburgensia

Schwarze Katze von links

d'Lëtzebuerger Land du 25.01.2019

In der preisgekrönten Erzählung Eng Duerfidyll (2013) beschreibt Gast Groeber das Leben eines Mannes, der nach seiner Beteiligung an einem tödlichen Autounfall den Anschuldigungen der Dorfgemeinschaft ausgesetzt ist. Der Text führt die in Wahrheit bedrückende Enge der zunächst idyllisch scheinenden Abgeschiedenheit des Landlebens vor – mit einem überraschenden Twist bei der Motivation der Figur, der an dieser Stelle nicht verraten sei. Ganz ähnlich schafft Groeber in seinem aktuellen Buch, der Novelle Zweemol schwaarze Kueder, einen ländlichen Kontext für seine Figuren: eine Neubausiedlung („Cité“) am Rand eines Dorfes inmitten von Wäldern und Maisfeldern. Wer die Bücher von Gast Groeber kennt, darf erwarten, dass sich hinter der gepflegten Routine schnell eine Sinnkrise manifestiert. Diese Stärke des Autors, seine Figuren in einem wirklichkeitsnahen, nachvollziehbar wirkenden Umfeld zu zeigen, von ihren beruflichen Curricula bis hin zu den Bremshügeln in den Straßen, stellt er auch in diesem Buch unter Beweis. Der Fokus liegt nicht auf dem formalen oder sprachlichen Experiment, sondern auf dem Dasein von „normalen“ Luxemburgern, ihren Vorstellungen von Beziehung, Familie, Arbeit und Zufriedenheit. Groebers Bücher sind Bestandaufnahmen ausgerechnet der Ausprägung der Luxemburger Lebenswirklichkeit, die andere Autoren aufs Korn nehmen und demontieren: Wünsche nach Zuverlässigkeit, nach Karrieren in Bürojobs, nach guter Nachbarschaft. Vermutlich liegt es an der zugleich unaufgeregten und reflektierten Darstellung solcher Themenkomplexe, dass der Autor bei einem vergleichsweise breit gefächerten Publikum Anklang findet.

Zunächst also: junges Paar, Eigenheim auf dem Land, Beziehungskrise. Sie: Journalistin, frustriert, heimliche Raucherin, leicht reizbar. Er: Karrierist, Sportfanatiker, ausgestattet mit einem unerschütterlichen Selbstbewusstsein, ein erwachsener Mann, der sich von seinen Bekannten allen Ernstes „Jogg“ nennen lässt, weil er in seiner knappen Freizeit gerne joggen geht. Die Handlung kommt in Gang, nachdem Pierre, so der richtige Name dieses Mannes, bei einem Lauf durch den Wald von einer schwarzen Katze angefallen wird, ausgerechnet von einem Vieh, das der früheren Hauskatze Timmy zum Verwechseln ähnlich sieht. Das offensichtlich tollwütige Tier erwischt Pierre so übel am Bein, dass er nicht mehr auftreten kann. Als sie den Anruf ihres verletzten Mannes erhält und den Hausarzt nicht erreichen kann, schnappt sich Florence den Veterinär, der gerade aus dem Haus der Nachbarin kommt, und fährt mit ihm zur Unfallstelle. Dort kollidieren ihre Sorgen mit dem teils überheblichen, teils verständlichen Gebaren von Pierre, der sich darüber ärgert, dass Florence, wie er meint, eher der Katze helfen will als ihm. Obwohl der Veterinär die nötige Ruhe behält, Pierre verarztet und einen Krankenwagen ruft, gerät die Situation zwischen den Eheleuten schnell und unwiderruflich außer Kontrolle. Trotz der Anwesenheit des Fremden blaffen sie einander auf dem Waldweg so lange an, bis die Risse in der Beziehung nicht mehr zu kitten sind. In Rückblicken wird die Hintergrundgeschichte nachgereicht: Pierres Umgang mit der Fehlgeburt, die Florence vor ein paar Jahren erlitten hat, hat die Eheleute immer weiter auseinanderdriften lassen.

Das private Unglück in die Banalität eines Luxemburger Alltags einzubetten – das ist typisch für die Erzählweise des Autors, aber es ist das erste Mal, dass Gast Groeber seinen Lesern derart unsympathische Charaktere zumutet und die Zeichen von Anfang auf Scheitern stellt. Auf den herbstlichen Feldern gibt es nichts mehr zu holen, so wie auch die Beziehung nur noch vor sich hin kümmert, auf dem Küchentisch liegt die Post aufgeteilt in zwei Stapel, so wie sich auch die Leben von Florence und Pierre in Kürze auseinanderdividieren werden. Doch trotz aller Menetekel, darauf will diese Erzählung offenbar hinaus, sind es nicht wildgewordene schwarze Katzen, die Unglücke herbeiführen, sondern menschliches Versagen. Vielleicht macht der menschliche Faktor den im Titel (und in der Geschichte) fehlenden dritten schwarzen Kater aus, der in den bekannten Zauberspruch gehört. Um das zu verstehen, hätte es einer ausdrücklichen Metapher für die Verinnerlichung der schwarzen Katze, wie sie der Autor an das ausgesprochen unappetitliche Ende seiner Novelle stellt, sicher nicht bedurft. Wo schon die Plausibilität der äußeren Handlung teilweise an ihre Grenzen gerät, was das Sozialverhalten der Figuren und die Zeitspannen anbelangt, über die sich ihre Gespräche erstrecken, hätte sich Florence nicht auch noch als zeitgenössische Version einer Hexe zu entpuppen brauchen.

Gast Groeber: Zweemol schwaarze Kueder. Novell. Op der Lay 2018.

Elise Schmit
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