Der Hieb als Wiener Bezirk

Im Zehnten

d'Lëtzebuerger Land vom 23.12.2011

Wir sind an der Grenze zwischen dem elften und dem zehnten Hieb. Ein Hieb ist in Wien ein Bezirk. Dieses Insider- Wissen verrät mir ein Mitreisender der 6-er- Linie. An der Grenze zwischen diesen Hieben war ich noch nie. Zumindest nicht bewusst. Die Grenzüberschreitung lockt, ich lande in tiefer Vorstadtdezemberfinsternis. Ich kann nichts wirklich Spektakuläres erkennen. Vielleicht die exotisch waschecht österreichische Gaststätte an der Ecke. Schon throne ich hinter einem Pommesberg in einer Wellness-Oase. Ein Wiener Schnitzel gesellt sich dazu. Die Kellnerin im Jeans- Miniröckchen mit dem Nietengürtel verströmt eine Herzlichkeit, als habe sie schon ewig hinter ihrer Schank darauf gewartet, dass ich aus der 6-er-Linie steige und dass mein steiniger Weg mich über den Asphalt in dieses Grenzgasthaus zwischen den Hieben führt.

Auf Möbeln und Menschen liegt eine anheimelnde Patina. Das Besteck klappert, die Belegschaft plappert, aber dezent. Reife Paare paffen sich an. Ein Mann steht vor dem Geldautomaten, auf dessen Bildschirm wie in einem Kinderbuch immer wieder diverse Südfrüchte aufflimmern. Irgendwann macht er die klassische resignierte Handbewegung, und setzt sich zu einem ziemlich großen Bier. Nachdem ich Speis und Trank reichlich zugesprochen habe, widme ich mich geistigen Genüssen. Zum Beispiel dem Wochenhoroskop der Zeitschrift Österreich. Karriere und Liebe sind so naja. Die Kellnerin bringt einen Wein, der von dem Herrn für die Dame ist. Ich lehne ab, denn ich habe noch Großes vor, und Herren stellen meistens Hindernisse auf diesem Weg dar. Die Kellnerin meint, der Herr bitte recht schön, und da sei ja nichts dabei. Der Herr ist der Automaten-Loser, dem alle Ananas und Kiwis einen Korb gegeben haben. Mein mütterliches Herz schlägt, und ich schicke mich an, den Herrn, der sich als Kurti zu erkennen gibt, zu informieren, dass ich auf Mission bin. Unterwegs. Ich teile Kurti das Offensichtliche mit, dass ich seine Mutter, wenn nicht sogar seine Großmutter sein könnte, aber nicht einmal kochen könne, was Kurti nicht abschreckt. Er mache sich eh olles söba. Die Kellnerin macht mir Zeichen und flüstert mir dann, als Kurti kurz in seinem Bier versinkt, allerhand Trauriges zu. Von „Seele von einem Menschen“, und „immer ausgenutzt“, und von Weibern, die es nicht gut meinten. Sie seufzt, und ich seufze auch. Es ist ein Jammer. Ich habe leider auch weder Lösung noch Erlösung parat. Ich versichere Kurti nur auf piefkinesisch, wie man in Wien das deitsche Deitsch nennt, wie er jetzt wittert, dass er ein toller Mann sei und seine Zeit und sein Geld nicht mit solchen Fehlinvestitionen, wie ich eine darstelle, vergeuden solle. Außerdem sei ich unterwegs, und zwar Richtung Zehnten. Kurti macht wieder die klassische Handbewegung und will wissen, was ich denn duerten wolle. Ich sage, ich wisse es selber nicht.

Draußen watscht der Wind mich ab. In der Quellenstraße steige ich irgendwo aus und wandere einfach gerade aus. So viele Möglichkeiten gibt es hier nicht. Die Straße ist sehr geradlinig. Die Straßen hier erscheinen mathematisch korrekt angelegt, mit Parallel- oder Perpendikularstraßen, in denen das Proletariat zweckmäßig in Zinskasernen gestapelt wurde. In einem Blueslokal, natürlich deep down in einem Keller, hocken Mannsbilder klischeehaft mit Bärten und Bäuchen buddhistisch vor Bieren. Guten Wein gebe es nicht, sagte der Wirt. Auch keine Live Musik. Nur welche aus der Konserve. Ich bestelle einen nicht guten Wein und bin kurz down and out in Favoriten. Ich verlasse Bärte, Bäuche, Biergläser. Ich setze die Expedition fort und lande in einem grell erleuchteten Mini-Café, in dem zwei bierernste Männer über Karten grübeln. Über ihrem Kopf läuft ein Sender mit Rockschockpop aus einem ex-jugoslawischen Land. Das Lokal schaut aus wie eine Kulisse zu einem Shreck-Film. Die Wände sind aus rosagrauem Plastik, der sich rätselhaft wölbt und Wülste wirft. Ist es Kunst? Oder nur Design? Der Wirt verneint meine Frage, ob es guten Wein gebe. Die Frage erscheint mir mittlerweile vollkommen unangebracht. Irgendwie vermessen. Und wieso gibt es in den interessantesten Locations immer die ehrlichsten Wirte? Der Wein ist schrecklich schlecht und schrecklich billig. Je mehr man davon trinkt, desto besser wird er, auch wenn einem immer schlechter wird. Das sind die Alkohol- Mysterien, die sich zu später Stunde der immer strebend sich Bemühenden eröffnen.

Im nächsten Lokal, in dem gerade ein paar Gassi-GeherInnen und ihre Hundis Platz haben, räumt man ungnädig die drei Stühle auf den Tisch. Die BarhockerInnen schauen mir triefäugig entgegen und signalisieren: No Chance.

Das natürliche Ende der Expedition ist gekommen. Vielleicht, wer weiß, ich jedenfalls nicht, kommt auch irgendwann eine Straßenbahn, die mich in den nächsten Bezirk entführt, von dem ich momentan nicht weiß, der wievielte er ist und wie er heißt. Über einem Schaufenster lese ich ein Spruchband, auf denen in großen Lettern Jehova allerhand Bedrohliches ankündigt.

Michèle Thoma
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