Urbanität und Kneipen-Kultur

Aus alt mach’ neu

d'Lëtzebuerger Land vom 24.12.2009

Wiederauferstehung einer Kultkneipe Endlich fährt der Tram wieder. Viele haben lange auf diesen Moment gewartet, manche hatten bereits die Hoffnung aufgegeben. Natürlich geht es hier nicht um das Transportmittel, das 2013 den Kirchberg mit dem Bahnhof und dem Flughafen verbinden soll, sondern um das kleine Modell, das im Café des Tramways über den Köpfen der Gäste fährt. Das Kultcafé wurde Anfang des Jahres geschlossen, angeblich weil Wirt und Brauerei sich nicht über den Pachtvertrag einigen konnten. Sowohl die rund 2 000 Unterschriften, die gegen die Schließung gesammelt wurden, sowie die Demonstration mit dem Motto „Yes we Tram“ konnten nicht verhindern, dass das Lokal auf dem Limpertsberg kurz nach seinem 20. Geburtstag leer stand.

Jean DaCosta war einer der rund 200 Demonstranten, die sich am­31. Januar vor dem Café getroffen hatten. Er war seit langem Kunde im Tramways, und als man ihm vorschlug, das Lokal zu übernehmen, zögerte er nicht lange. Seit Anfang des Monats ist die Kultkneipe nun wieder geöffnet. Obwohl es noch keine Eröffnungsfeier oder offi­zielle Mitteilung gab, ist das Café jeden Abend gut besucht. Dies liegt wohl daran, dass Kunden trotz Renovationen ihr Stammcafé wieder erkennen. „Es war unser Ziel, den Charme des Tram zu erhalten,“ so Jean DaCosta. Von dem Lounge-Bar-Stil, der sich in der Hauptstadt verbreitet hat, ist hier nichts zu sehen. „Wir haben bewusst keine Bildschirme aufgehängt und auch die Musikrichtung beibehalten, die immer im Tram zu hören war“, so der neue Inhaber.

Doch das Café wurde weitgehender verändert, als es auf den ersten Blick erscheint. „Wir dachten, wir würden nur ein wenig renovieren müssen, doch das Gebäude war in schlechterem Zustand als erwartet“, sagt Jean DaCosta. So wurden die Toilettenräume in das Untergeschoss verlagert, die Fenster ersetzt und die Isolierung erneuert. Eine Mauer zum Nebenraum wurde weggerissen und die neue Bar, die deutlich schmaler ist als die vorige, sorgt ebenfalls für Raumgewinn.

Die Renovierungsarbeiten des Café des Tramways wurden von Kunden und Freunden der Kneipe geprägt: Architekt Johannes Birgmeier, den Jean DaCosta beauftragt hat, lebt um die Ecke und kennt das Café schon länger. Auch der Maler, dessen Werk schon die Innenwände des alten Tramways schmückten, wird wieder Zeichnungen beitragen. So wurde das Lokal sozusagen von seinen Kunden und Freunden wiederbelebt. Café des Tramways ist nun moderner, ohne vom rustikalen Charme des Limpertsberger Stammcafé einbüßen zu müssen. Selten fühlt man sich in einem frisch renovierten Lokal so schnell zu Hause wie hier.

Vom Dorfkino zur Kulturstätte In Vianden erscheint ebenfalls ein verloren geglaubtes Lokal in neuem Licht. Museum, Galerie, Club oder Kaffeehaus: das Ancien Cinéma lässt sich nicht so leicht in eine Schublade stecken. Jedenfalls handelt sich hier um ein altes Dorfkino, das seit den Siebzigern leer stand. Maciej Karczewski, ein privater Unternehmer und Filmfan hat es 2005 renoviert, nachdem er aus Polen hierhin gezogen ist. Damals mussten erhebliche Arbeiten am Hause vorgenommen werden. „Der schlechte Zustand des Gebäudes brachte uns dazu, ein ganz neues Haus zu bauen.“ Die Außenwand, die unter der Aufsicht von Sites et Monuments steht, blieb dabei erhalten. „Die Arbeiten dauerten länger und waren kostspieliger als erwartet. Obwohl wir das Projekt im Laufe der Renovierung ein paar mal fallen lassen wollten, haben wir es dann doch durchgezogen“ so Maciej Karczewski.

Eine Entscheidung die der Inhaber nicht bereut, denn das Café zieht Stammgäste aus der ganzen Region an. Grund dafür ist sicherlich das vielfältige Angebot des Cafés. Das Ancien Cinéma bietet neben gewöhnlichen Getränken und einer Kaffeekarte auch ein gefülltes Kulturprogramm. Acht bis neun Ausstellungen im Jahr, sämtliche Jazz- und Blueskonzerte und sogar Filmfestivals finden in dem gemütlichen Club statt. Maciej Karczewski wird auch für die Vianden-Retrospektive nächstes Jahr mit dem Centre national de l’audiovisuel zusammenarbeiten. Ge­plant ist eine Filmreihe, die irgendwie mit Vianden verbunden ist (das bekannteste Beispiel ist wohl Shadow of the Vampire mit John Malkovich und William Dafoe). Auch der Veiner Photoclub wird mitwirken.

Doch l’Ancien Cinéma begrenzt sich nicht nur auf nationale Beteiligungen. „Wir werden mit dem polnischen Kulturministerium zusammenarbeiten, da wir gerne die polnische Kultur hier vorstellen.“ Letztes Jahr fand bereits ein ungarisches Filmfestival im Club statt, und bulgarische Konzerte sind ebenfalls geplant. Dabei freut es den Inhaber, dass das Publikum gemischt ist. „Wenn bulgarische Bands hier spielen, kommen nicht nur Bulgaren, sondern auch Luxemburger. So entsteht langsam eine Gemeinschaft.“

Dass dieses Projekt auch mit Leidenschaft dekoriert wurde, ist nicht zu übersehen. Maciej Karczewski, bekennender Kinoliebhaber, wollte für die Ausstattung des Cafés nur das Beste. So setzte er sich ins Auto und fuhr los. „Ich habe Flohmärk-te der ganzen Großregion durchkämmt und originale Möbel der Fünfziger, Sechziger und Siebziger gesucht. Nach zwei Jahren hatte ich dann alles gefunden, was ich wollte“, sagt er. Die Decke, der Boden und die Mauern, die größtenteils aus grobem Beton bestehen, verleihen dem Lokal einen modernen, industriellen Anblick. Das gedämmte Licht, die vielen Bücher, Magazine und die originalen Kinostühle, die noch vom alten Kino übergeblieben sind, machen diese Bar zum kleinen Juwel. Momentan ist eine Ausstellung von Jessica Robinson zu sehen, die auf einer Expedition in die Antarktis Fotos mit einer antiken Kamera geschossen und auf hochmoder­nem Fotopapier entwickelt hat.

Eine kulturelle Institution An diesem Samstagnachmittag herrscht große Aufregung im Eingang der Ateliers de l’Inouï in Redange. Es ist kurz vor fünf, und die Kinder warten schon gespannt auf das Meedche mat de Fixspéin, ein Theaterstück aus der Feder von Christian Andersen, inszeniert von Jemp Schuster. In dem Theaterraum, der bis zur letzten Minute geschlossen bleibt, liegen schon die Sitzkissen vor der Bühne bereit. Dies ist der Minouï, die Miniversion des Inouï, das sich wichtige Ziele gesetzt hat: mit Theatervorstellungen, Kreativ-Ateliers und Entspannungskursen sollen Kinder ihre Talente und Interessen spielerisch entdecken. Dieses Konzept scheint zu klappen, denn von 20 Vorstellungen sind laut minouï.lu nur noch Tickets für zwei Shows erhältlich.

Neben einer Brasserie mit internatio­naler Küche, bietet das Inouï auch Auftritte von Jazz, Blues und Soulgrößen; außerdem finden regelmäßig Theater und Kabarettvorstellungen statt. In den Ateliers de l’Inouï, die sich ebenfalls in dem mehr als hundert Jahre alten Haus befinden, bieten verschiedene Unternehmen Yogakurse, Lachyoga, Sophrologie, Ayurvedische Kochkurse und Thai Chi an. Eine Schneiderin und ein Graphikstudio sind ebenfalls vertreten. Auf der rechten Seite des Hauptgebäudes befindet sich noch ein weiterer Teil in der bordeaux-roten Inouï-Farbe. Es handelt sich hier um das Tchick Tchack, eine Snack und Milchbar in der regelmäßig Künstler ihre Werke in der Galerie de la Madame Muh ausstellen.

Ähnlich wie Maciej Karczewski hat sich auch das Paar Shlomit Butbul und Paul Glaesener nicht nur auf das Ausschenken begrenzt. Dieses kulturelle Angebot war bereits von Anfang an das Ziel, auch wenn es mit Risiken verbunden war. „Anfangs wollten wir nur zwei Konzerte in der Woche veranstalten, doch es wurde uns schnell klar, dass wir das Haus füllen könnten, wenn jeden Tag Musiker auftreten. Dies war natürlich auch ein Risiko, da wir finanziell nicht unterstützt werden.“ Doch das Inouï, das 2010 sein zehnjähriges Bestehen feiert, hat schnell Fuß gefasst; Freunde des Paares waren dabei sehr hilfreich. „Wir kennen viele Leute im Ausland, und so haben wir erste Bands eingeladen“ so Shlomit Butbol.

Dies wurde zur Kettenreaktion. „Da kommt einer mit Musikern die ich zum Beispiel noch nicht kenne, und diese bringen dann wieder neue Leute mit, und so weiter. So haben wir uns im Laufe der Zeit einen Namen gemacht“, erklärt die Inhaberin. Und das nicht nur national. „Manchmal rufen uns Leute aus Österreich, England, Dänemark oder Frankreich an, die gerne ein Programmheft abonnieren wollen. Unsere Kundschaft ist sehr multikulturell.“ Die Österreicherin betont dabei, dass es im Inouï locker und ungezwungen hergeht. „Wir haben Kunden, die nach der Arbeit hierhin kommen, die Krawatte lockern und sich wohl fühlen. Hinz und Kunz sind auch willkommen, alle sind gleichwertig bei uns im Hause“, erklärt die Inhaberin. Das Design des Inouï ist rustikal und klassisch zugleich, und stets sorgen warme Farben für eine gemütliche Atmosphäre. Obwohl die Dekoration durchdacht aussieht, betont Shlomit Butbul, dass Sie und ihr Mann dies ganz „intuitiv und aus dem Bauch ‘raus“ gestaltet haben, die beiden seien „ein super Team“.

Natürlich gibt es noch weitere, authentische Cafés in Luxemburg. Doch Lokale, die sich fernab von kommerziellen Ketten befinden und mehr bieten als nur Bier und Käseteller, sind immer noch in der Minderheit. Vielleicht wird der wachsende Erfolg dieser Bars weiteren Unternehmern Mut machen. Die Inhaber des Café des Tramways, Inouï und Ancien Cinema haben jedenfalls bewiesen, dass es mit dem richtigen Konzept klappt.

Claire Barthelemy
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