Luxemburg und die Renminbi-Internationalisierung

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d'Lëtzebuerger Land vom 28.02.2014
Es hatte fast etwas Tröstliches, als die Experten beim ersten Luxemburger Renminbi Forum am Mittwoch in der Philharmonie die Wirtschaftslage in der Volksrepublik China diskutierten. Denn sie schlussfolgerten, dass die Verlangsamung der chinesischen Wachstumsrate auf unter acht Prozent jährlich von der Zentralregierung in Peking sowohl gewollt als auch gesteuert sei und außerdem keine negativen Folgen für die Weltwirtschaft habe. Als eine der größten Herausforderungen für die Chinesen identifizierten die Gastredner neben den Umweltsorgen die steigenden Lohnkosten. Das sei gut für die Arbeitnehmer, aber schlecht für die Wettbewerbsfähigkeit. „China verliert an Wettbewerbsfähigkeit“, so die Aussage. Und: „In der europäischen Peripherie gibt es Länder, die durch die Senkung des Lohnniveaus wieder an Wettbewerbsfähigkeit im Vergleich zu China gewinnen.“ Allerdings dürfe man nicht vergessen, dass die Politik der chinesischen Regierung als oberstes Ziel immer die Förderung des sozialen Zusammenhalts verfolge, so Jens Ewert, Partner von Deloitte in Shanghai. Das gelte auch bei der Internationalisierung der Volkswährung, des Renminbi. Wie die europäischen Finanzzentren, genauer gesagt Luxemburg, an diesem Prozess teilnehmen können, war das eigentliche Diskussionsthema des Forums. Denn auch wenn die chinesische Wirtschaft langsamer wächst als bisher, übersteigen die Wachstumsraten immer noch die in Europa und den USA. Daran möchte jeder ein bisschen teilhaben und deswegen steigt die Konkurrenz zwischen den westlichen Finanzzentren, die versuchen, ihre Rolle im Internationalisierungsprozess der chinesischen Währung zu finden. Vor allem London und Luxemburg lieferten sich in den vergangenen Monat einen Schlagzeilen-Krieg. Feierte Luxemburg im Herbst die Eröffnung des EU-Hauptquartiers der China Construction Bank (CCB) mit großem Pomp, der dritten chinesischen Großbank nach der Bank of China (BOC) und der Industrial and Commercial Bank of China (ICBC) in Luxemburg, lästerte die britische Presse, diese Entwicklung sei den laschen Kapitalregeln in Luxemburg geschuldet. London trumpfte im Gegenzug mit der Zuteilung einer 80-Milliarden-Renminbi-Quote unter dem Renminbi-Qualified-Foreign-Instiutional-Investor-Programm (RQFII) auf, der ersten RQFII-Quotenzuteilung außerhalb Asiens. In Luxemburg behauptet man derweil, auch die Agricultural Bank of China wolle sich in Luxemburg niederlassen. Weitere chinesische Banken stünden für eine Banklizenz Schlange. Dass die europäischen Finanzmetropolen und ihre Regierungen die Chinesen derart umgarnen, um ihnen bei ihrem Vorhaben „helfen“ zu dürfen, zeigt, wie sehr sich das Kräfteverhältnis zwischen West und Ost in den vergangenen Jahren verändert hat. Denn so geschmeidig verlief die Währungsdiskussion nicht immer. Bis vor kurzem warnten Beobachter noch vor einem „Währungskrieg“. Wenn Jean-Claude Juncker als Vorsitzender der Eurogruppe in den vergangenen Jahren nach dem Euro-Wechselkurs gefragt wurde und er im Gegenzug die sybillinischen Schlussfolgerungen des letzten G-7-Gipfels aufsagte – viele Variationen der Aussage, dass die Wechselkurse die wirtschaftlichen Fundamentaldaten des jeweiligen Landes widerspiegeln sollen –, war oft China im Visier. Der Vorwurf: Der an den Dollar gekoppelte Renminbi sei unterbewertet und die Chinesen verschafften sich dadurch einen Wettbewerbsvorteil gegenüber den anderen Industrienationen. 2005 bereits war die Kopplung an den Dollar gelockert worden, doch frei konvertierbar ist der Renminbi immer noch nicht. Die Entscheidung, die bisher auf dem chinesischen Festland streng kontrollierte eigene Währung schrittweise zu internationalisieren, fällt nicht umsonst zeitlich mit dem Ausbruch der Finanzkrise zusammen. Denn als durch die Krise der Dollar an Wert verlor, wurde es auch für die Handelsnation China zum Problem, dass die Verträge in Dollar abgeschlossen wurden. Da war die Zeit gekommen, darüber nachzudenken, einen größeren Anteil der Handelsverträge in der eigenen Währung abzuschließen. Auch um nicht zum Spielball der geldpolitischen Entscheidungen anderer Währungszonen zu werden. Derzeit bereiten auch anderen Schwellenländern die möglichen Folgen eines Endes der freizügigen US-Geldpolitik Kopfzerbrechen, weil sie einen Investitionsrückgang in ihren Ländern befürchten. Ab 2009 durften im Rahmen von Pilotprojekten eine Handvoll chinesischer Städte erstmals den Renminbi im Handel mit ausgewählten asiatischen Ländern einsetzen. Ein Programm, das schnell auf das gesamte Festland und den globalen Handel ausgeweitet wurde. Von 2011 bis 2013 hat sich das Volumen der Renminbi-Handelsverträge mehr als verdoppelt, von 2,08 Billionen Renminbi auf 4,6 Billionen. Nicht nur weil China seit Januar offiziell die größte Handelsnation der Welt vor den USA ist, löst das bei den Handelspartnern einen Bedarf an chinesischer Währung aus. Es stellt diese auch vor eine Reihe technischer Herausforderungen, sei es nur beim Umtausch der nicht frei konvertierbaren Währung. Probleme, für die Finanzzentren wie Luxemburg Lösungen anbieten und damit am Boom teilhaben wollen. Denn die Internationalisierung des Renminbi, so waren sich am Mittwoch alle Experten einig, ist das wichtigste Ereignis auf den internationalen Währungsmärkten seit der Einführung des Euro. Derzeit, so Dariush Yazdani von PWC Luxemburg, sei man in einer Übergangsperiode. Der Renminbi entwickle sich von der Handelswährung zur Investitionswährung. Und es gibt Anzeichen dafür, dass der Renminbi sich zur Reservewährung entwickelt. „In den Schwellenländern gilt der Renminbi als sicherer Hafen“, so Richard Tang, CEO von ICBC Crédit Suisse Asset Mangement Hongkong, am Mittwoch. Es sind vor allem die Zentralbanken anderer Schwellen- und Entwicklungsländer, die den Renminbi zunehmend zur Diversifizierung ihrer Währungsreserven einsetzen, um so ihre Abhängigkeit von Dollar und Euro zu mindern, wenn auch noch in bescheidenen Volumina. Dazu gehören die Zentralbanken von Nigeria, Malaysien, Kambodscha, Weißrussland, der Philippinen, aber auch von Südkorea. Die Zentralbanken von Japan und Australien denken darüber nach, wie PWC in der Vergleichsstudie verschiedener Renminbi-Zentren Where do you Renminbi? berichtet. Wie schnell die Entwicklung vonstatten geht, darüber gingen die Meinungen am Mittwoch auseinander. Das liegt auch daran, dass in Peking sowohl die Regierung als auch die Zentralbank gerne ihr Pokerface aufrecht halten. Konkrete Termine gibt es keine und während die Europäer von der rapiden Entwicklung des Renminbi zur Handelswährung in den vergangenen Jahren beeindruckt sind, ließen die chinesischen Experten am Mittwoch Vorsicht walten. Denn von den technischen Herausforderungen abgesehen – angefangen beim Ausstellen einer Rechnung in Renminbi durch ein europäisches Unternehmen, zur Überweisung von Renminbi, die in den Überweisungsformularen noch nicht wirklich vorgesehen ist, zum Clearing der Transaktionen mit China geht die chinesische Regierung die Öffnung der Kapitalmärkte ebenso schrittweise an wie den Übergang zur Handelswährung. Seit 2002 hat sie dafür eine Reihe von Programmen gestartet, um einerseits chinesischen Anlegern Investitionen im Ausland zu ermöglichen, beziehungsweise ausländischen Investoren zuerst Zugang zum chinesischen Börsen-, danach zum chinesischen Kapitalmarkt zu geben; Programme die zur besseren Kontrolle der Geldflüsse immer mit Quoten versehen sind. 2007 wurde in Hongkong der erste so genannte Dim-Sum-Bond gestartet, eine außerhalb des Festlands aufgelegte Renminbi-Anleihe. Über Dim-Sums versorgen sich ausländische Unternehmen mit Renminbi. Sie bieten aber auch Anlegern auf der Suche nach Rendite die Gelegenheit, an der Entwicklung des Renminbi teilzunehmen. Neuester Renminbi-Hype: das RQFII-Programm.Als großen Etappensieg im Rennen um die Renminbi-Vormachtstellung in Europa feierte vergangenen Oktober London die Zuteilung einer 80-Milliarden-RQFII-Quote. Darüber könnten demnach 80 Milliarden Offshore-Renminbi zurück aufs chinesische Festland investiert werden. Theoretisch. Denn bisher hat nur eine Londoner Firma die dafür notwendige RGFII-Lizenz ergattert und es sieht so aus, als ob die Briten bisher nicht wüssten, was sie mit ihrer Quote anfangen sollen. Sie bleibt, wie PWC feststellt, bisher unberührt. Finanzminister Pierre Gramegna (DP) nutzte das Renminbi-Forum am Mittwoch, um die Ansprüche Luxemburgs, die schon von der Vorgängerregierung an Peking adressiert worden waren, zu wiederholen: Auch das Großherzogtum will eine RQFII-Quote erhalten. Dabei brauchen die Akteure am Finanzplatz sie nicht wirklich. Vergangenen November wurde der erste Luxemburger RQFII-Ucits-Fonds aufgelegt. Genutzt haben die Promotoren dabei die RQFII-Quote Hongkongs sowie die Lizenz einer Hongkonger Firma. Das erzählten die „Luxemburger“ am Mittwoch nicht ohne Stolz. Und der Vorschlag, in Erwartung einer eigenen Quote könne man auch die bisher unangetastete Londoner Quote nutzen – das sei auch im Sinne der Chinesen – klang fast schon ein bisschen süffisant. Die Luxemburger Finanzgemeinschaft proklamierte sich am Mittwoch selbst zum ersten Zentrum für Renminbi-Aktivitäten in Europa. Denn auch wenn das Devisenhandelszentrum London einen Vorsprung bei den Renminbi-Währungsoperationen habe, führe Luxemburg in anderen Bereichen. Beispielsweise bei den Bank­einlagen und den Krediten. BOC, ICBC und CCB lassen grüßenconverted cost.
– die Renminbi-Depots beliefen sich Ende 2013 laut PWC auf 64 Milliarden, die Kredite auf 54 Milliarden Renminbi. An der Luxemburger Börse werden 44 Dim-Sum-Bonds gehandelt, in Hongkong, der Dim-Sum-Heimat, sind es 80. Ausser der RQFII-Quote steht auf Gramegnas Wunschliste an die Chinesen die Zulassung einer der chinesischen Großbanken in Luxemburg als offiziell anerkannte Clearing-Stelle. Diesen Status hatte 2003 zuerst die Bank of China in Hongkong erhalten und über Hongkong werden schließlich auch die Clearing-Geschäfte abgewickelt, die Clearstream für seine Kunden verbucht – vergangenes Jahr stieg das Volumen der Renminbi-Transaktionen bei Clearstream auf 635 Milliarden Renminbi. Doch dass es Luxemburg an einer direkten Clearing-Lizenz fehlt, ist, wie die fehlende RQFII-Quote, eher ein Schönheitsfehler als ein praktisches Hindernis für die Luxemburger Akteure. Denn wie Marc Gem, Vorstandsmitglied von Clearstream Luxemburg, am Mittwoch erklärte, erfolgt das Clearing über Hongkong problemlos, weil dort eine zweite Mitarbeiterschicht bis spätabends Aufträge aus dem Westen verarbeitet. So ist die Zuteilung solch offizieller Renminbi-Titel eher eine Frage des Prestiges als der tatsächlichen Diversifizierung des Finanzplatzes. Die scheint in der Praxis auch ohne offizielle Weihen fortzuschreiten – in Sachen Renminbi gibt es deutlich mehr Erfolge zu vermelden als nach Jahren vergeblicher Bemühungen im Bereich der islamischen Finanzen. So ist für Nicolas Mackel, CEO von Luxembourg for Finance, dessen Team das Forum organisiert hat, die Internationalisierung des Renminbi „ein Weltereignis, anhand dessen der Finanzplatz Luxemburg seine traditionellen Stärken zur Schau stellen kann“. Mackel meint damit vor allem die Börse und die Investmentfonds-Branche. Weil die andere traditionelle Stärke, das Private Banking, den Standort in Zeiten eines sich schnell verändernden Steuerumfelds immer weiter in Verruf bringt, kann es sicher nicht schaden, wenn die chinesischen Entscheidungsstellen dem Luxemburger Standort ihre Zustimmung aussprechen und ihn dadurch als seriösen Finanzstandort anerkennen.
Michèle Sinner
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