Films made in Luxembourg

Grenzerfahrungen

Montags-Demonstrationen in Leipzig
Foto: Doghouse Film
d'Lëtzebuerger Land vom 15.11.2019

Die Regisseure Ralph Kukula und Matthias Brun haben das Kinderbuch Fritzi war dabei von Hanna Schott unter dem Titel Fritzi – Eine Wendewundergeschichte adaptiert und reflektieren mit ihrem Animationsfilm ein bedeutendes Kapitel deutsch-deutscher Geschichte. Der Film begleitet den Weg der jungen Fritzi im Sommer 1989 in Leipzig. Die Ferien sind gerade vorbei, der Fahnenappell auf dem Schulhof findet statt und das neue Schuljahr nimmt seinen gewohnten Gang. Doch für Fritzi ist die Stimmung bedrückend, denn ihre beste Freundin Sophie ist schon längere Zeit in Urlaub. Fritzi kümmert sich liebevoll um Sophies Hund Sputnick, doch je länger Sophie fortbleibt, desto mehr wird Fritzi klar, dass ihre beste Freundin in Wahrheit die Flucht nach Westdeutschland angetreten hat...

Genau 30 Jahre nach dem Mauerfall wird in der deutsch-luxemburgisch-tschechisch-belgischen Koproduktion (Doghouse Films) in allgemein verständlicher und kindgerechter Weise von den politischen Unruhen bis zur Wende in der DDR, die besonders durch die Friedliche Revolution ausgelöst wurde, erzählt. Die Animation mag für viele ältere Zuschauer befremdlich wirken und gewiss ist sie nicht das probateste Mittel um ein Kapitel Geschichte authentisch aufleben zu lassen, sie vermag aber – und da liegt der didaktische Nutzen – den Zugang für Kinder zu erleichtern. Von den Straßen- zu den Honecker-Bildern wird in einen Alltag eingeführt, den Kinder sich heute gar nicht mehr vorstellen können. Wie kamen die Proteste in Bewegung, und welche Konsequenzen brachten sie für die Menschen des Landes? Die Regisseure achten darauf, dass der Zeichenstil dabei nicht zu abstrakt wirkt und vor allem wählen sie eine Erzählperspektive, die dem Erfahrungsraum eines Kindes entspricht. Es ist Fritzis Blick auf die Welt und sie ist es, die als Hauptfigur die Geschehnisse am eigenen Leib erfährt und das Prinzip der Grenze allmählich hinterfragt – so wird behutsam die Systemkritik nachvollziehbar gemacht.

Aber was war denn das nun für ein Staat, diese DDR? Warum wollten ihn viele Menschen damals umgestalten oder das Land verlassen? Diese Frage beantwortet der Film lediglich über seine unnachgiebig harten Charaktere, die entsprechend grob und nahezu hässlich mit dem Zeichenstift gezogen sind: Da gibt es die Lehrerin, Frau Liesegang, die misstrauische Frau im Reisebüro oder die ganz wesenlosen Gestalten der Staatssicherheit, die Fritzi das Leben schwer machen. Seelenlos und starrsinnig erscheinen die Autoritäten des Landes. „Wer sich heute nicht für den Staat einsetzen will, kann nicht erwarten, dass der Staat sich morgen für ihn einsetzen wird“, sagt die parteitreue Lehrerin von Fritzi. Ganz geradlinig werden hier die Guten gegen die Bösen gestellt. Die Realität, dass nicht alle Einwohner treue Staatsuntertanen waren, wird in Fritzi weitestgehend ausgeblendet. Dass alle Beamten der DDR böse sind, ist ein klares Zugeständnis an die schematische Dramaturgie des Films, vor allem aber eine notwendige Anpassung im Sinne der sofortigen Lesbarkeit für das junge Publikum.

Was die beklemmende Wirkung des Films im Allgemeinen konstituiert, ist die scheinbare Begrenzung des Raums und die Reduktion auf wenige, immergleiche Orte, das macht freilich seine filmische Stärke aus. Fritzi – Eine Wendewundergeschichte zeigt eine Welt, in der es keine horizontale Flucht geben kann. Gleich die erste Szene führt dies exemplarisch an: In einer Totalen sehen wir in der Ferne einen Mann, der den Grenzzaun passieren will und kurzerhand erschossen wird. Es wirkt, als bliebe nur die Vertikale als Fluchtpunkt, ganz direkt wird dies über Fritzis Aufstieg zu ihrem Baumhaus im Garten verhandelt, da wird eine Sehnsucht nach dem Himmel über den Dächern spürbar, im Gegensatz zu der strengen Staatsarchitektur, die wie Gefängnismauern wirkt.

Die Regisseure Kukula und Brun greifen die Ängste und Widersprüche der Zeit auf; der Film weist auf den Moment, an dem es, ausgehend von den Montags-Demonstrationen vor der Leipziger Kirche, zu den friedvollen Umbrüchen kommt. Diese Heldin Fritzi ist darin sowohl aktiv Handelnde als auch eine passive Beobachterin. So geht es ganz in der narrativen Struktur der traditionellen Helden-Konstruktion, um Identität und Rehabilitation. Fritzi muss sich gegen die scharfen Verurteilungen der Gesellschaft zur Wehr setzen und sich als eigenständiges Individuum behaupten und selbst erkennen. Fiktion und Wirklichkeit durchdringen sich freilich auch in diesem Kinderfilm. Fritzi – Eine Wendewundergeschichte zeigt eine Welt, deren Ende absehbar ist und so wird allmählich spürbar, dass wir uns hier in einer Zeit befinden, an der selbst der Punkt des Aufrechthaltens einer ohnehin bröckelnden Staatsfassade längst überschritten ist. Es ist der pädagogische Impetus des Films, der deutsche Geschichte auf sehr einfühlsame Weise aus den Augen eines Kindes für Kinder aufarbeitet.

Marc Trappendreher
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