Verwaltungsprobleme

Beamte ohne Arbeit – Arbeit ohne Beamte

d'Lëtzebuerger Land vom 28.02.2014

Manchmal sind die Luxemburger ein bisschen naiv, etwa wenn es um Politik und Verwaltung geht. Vor kurzem kam in der Tat raus, dass es hohe Regierungsbeamte gegeben hat, die jahrelang entweder gar nicht zur Arbeit erschienen sind oder aber irgendwelche dubiose beziehungsweise überflüssige Aufgaben erfüllen mussten und dafür trotzdem großzügig entlohnt wurden. Entrüstung machte sich breit. Einige Gutmenschen versuchten sich per Leserbrief Luft zu machen: Sie waren sprachlos, konnten es nicht glauben, fragten sich ernsthaft, ob jemand davon wusste. Wie groß ist die Misere wirklich, oder besser gesagt: Wie tief sind wir gesunken, wenn der frischgebackene Minister für den Öffentlichen Dienst und die Verwaltungsreform ankündigen muss, dass jetzt in jedem Ministerium und in jeder Verwaltung eine „Volkszählung der besonderen Art“ ansteht? Die Liste der Lohnempfänger soll nämlich mit den tatsächlich anwesenden (und hoffentlich arbeitenden) Personen verglichen werden. Auf das Ergebnis darf man gespannt sein.

Natürlich ist Luxemburg nicht das einzige Land mit Verwaltungsproblemen. Der Franzose Jérôme Morin hat in seinem eben erst erschienenen Buch On ne réveille pas un fonctionnaire qui dort seine eigene jahrelange Leidensgeschichte als kommunaler Sachbearbeiter für Umweltfragen beschrieben. Er malt ein erschreckendes Bild. Da geht es um verdorbene, populistische, korrupte Gemeindeväter und -mütter, um narzisstische, oftmals überforderte oder unfähige Verwaltungsdirektoren, die so gut wie nichts im Griff haben, sowie um Arbeitskolleginnen und -kollegen, die entweder „Krieg im Büro“ oder Solitär spielen. Bei der Lektüre denkt man unweigerlich an das 2010 veröffentlichte Werk Absolument dé-bor-dée der Spitzenbeamtin und inzwischen Bestsellerautorin Aurélie Boullet – Autorenname: Zoé Shepard. Frankreich scheint ohnehin der Inbegriff für Reformstau im Verwaltungswesen zu sein. Eine Studie der unabhängigen Stiftung Ifrap (Institut français pour la recherche sur les administrations et les politiques publiques) hat sich jetzt der Frage des Absentismus in französischen Städten gewidmet. Spitzenreiter ist Montpellier – gibt es da etwa Sandstrände? – mit immerhin 39,16 Krankmeldungstagen pro Angestellter. Eine Erklärung lautet wie folgt: Die verdienen so wenig, die müssen einfach krank feiern, um schwarz arbeiten zu können!

Ein schönes Beispiel liefert auch Österreich. Der Alpenstaat hat bereits vor einigen Jahren beschlossen, öffentliches Personal abzubauen, etwa im Post- und Telekommunikationsbereich. Da dies bei Beamten aber nicht ohne weiteres möglich ist, wurden diese nicht entlassen, sondern in staatlichen Jobcentern „geparkt“. So wurde ein praktisches Arbeitskräftereservoir geschaffen mit dem Ziel, bei Bedarf unterschiedliche Personallücken auffüllen zu können. Die betroffenen Beamten warten in der Regel zu Hause, auf Abruf. Eine verrückte Situation, wenn man bedenkt, dass es auch dort Dienststellen gibt, die komplett unterbesetzt sind.

Zurück nach Luxemburg. Unser Premierminister verteidigt seine zwischengelagerten beziehungsweise kalt gestellten Mitarbeiter – was soll er auch anderes tun? Letztlich, so das Fazit, sollte man nicht den Betroffenen selbst die Schuld zuschieben, sondern ihren Vorgesetzten. Hätten diese Unbeliebten, nicht Geduldeten oder gar Überflüssigen etwa auf ihr Gehalt verzichten sollen? Der Fisch stinkt meistens vom Kopf her, dieser Grundsatz gilt auch für den Verwaltungsapparat.

Claude Gengler
© 2017 d’Lëtzebuerger Land