Die kleine Zeitzeugin

Das Bild von Greta T.

d'Lëtzebuerger Land vom 01.02.2019

Ich finde das Mädchen mit den strengen Zöpfen unheimlich, schnell das mal posten, so zwischendurch. Weil alle sie so toll finden, also all meine relativ lieben FB-Freund_innen, das reizt alte Trollin. Und
35 Stunden mit der Bahn, pfff!, was soll das für eine Heldinnentat sein, in dem Alter, gleich fallen ihr die ärgsten Heldinnen ein, die barfuß Länder durchquerten, über Landstraßen wanderten, Teer klebte an ihren Füßen, Blut und Eiter. Und niemand pries diese Märtyrerinnen der Landstraßen, jedenfalls niemand Mächtiges. Sie fühlten sich als Kinder von Mutter Erde eher als Kinder Gottes, aber kaum jemand ließ sich von diesen Mahnern aufrütteln, man ermahnte sie höchstens. Oder sie wurden aus dem herrschenden Verkehr gezogen.

Ich poste es dann doch nicht, im letzten Moment hält mich was zurück, Vernunft womöglich. Vielleicht besser mal schauen, wer dieses Unheil verkündende Kind mit dem besessenen Blick und dem bösen Wunsch ist, was es genau macht. Nicht so einfach. Gleich gerate ich in die ärgsten Scheißstürme, Achtung, Deckung!, gut, dass ich das nicht gepostet habe, das posten genug andere. Nicht gerade die Nettesten. Dämonin, Gruselgirl, und wer da alles dahintersteckt – die Klimamafia, die Klimakonzerne, die NGOs – und sich hinter einem Mädchen versteckt, ha, genau das sei der Plan, Mädchen und eine Behinderung, damit sei sie fein raus, da könne ihr keiner. Schon gar kein alter armer ausgegrenzter weißer Mann. Vom armen ausgegrenzten starken weißen jungen Mann ganz zu schweigen, der nie Opfer-Likes kriegt. Dagegen halten meine FB-Freund_innen – die meisten, irgendein Algorhythmus sorgt dafür, dass auch ich mich in einer behaglichen Blase aufhalte –, eher friedfertige Menschen, sie finden es eine Sauerei, dass Mann so auf ein Mädchen mit einem Syndrom losgeht. Ein so junges Mädchen. Able-ismus, Lookismus, Sexismus heißt ein Artikel. Die Rechten stürzen sich auf dieses Syndrom, von dem die meisten von uns bisher eher wenig wussten, die Raffinierten unter ihnen würden das arme Kind gern schützen: vor sich selbst und vor denen, die es benutzten. Nämlich die Klimakorrupten, mit den Eltern im Bund, die sie als Maskottchen in den Davos-Ring schicken. Ikone, Heilige, in der Verbalschlacht wird mit immer größeren Begriffsbrocken geschmissen. Aber auch linke Kommentator_innen werden von Albträumen geplagt, den Salonkolumnisten erscheinen gar BDM-Mädel und die Mörderpuppe Chucky in Personalunion, dann diagnostizieren sie Kindesmissbrauch.

Aber ist es nicht wirklich unverantwortlich, wenn ein so hypersensibler, so junger Mensch die ganz große Bühne bekommt und sein Bild allen Bildschirmen ausgesetzt ist? Und ist es nicht zulässig, sich zu fragen ob Greta T. instrumentalisiert wird? Aber vielleicht geht es ja gar nicht anders, die patriarchale Machtwelt schafft sich ihre wundersamen Erscheinungen, jung und weiblich, junge Mädchen wie Malala oder Greta, die bewegend sind und dann etwas bewegen.

Ach, wie niedlich, ach, wie Ehrfurcht gebietend, dieses Mädchen aus einem skandinavischen Kinderbuch will die Welt retten! Huch, diese Gesandte aus der Klimahöllenverschwörungsbrutstätte will alle klimaverwandeln, klimaverhexen! Oder ist sie einfach ein Teenager, und unter Weltende läuft da eben gar nichts?

Zwischen die Fronten geraten, der Scheißsturm verhindert jede klare Sicht, ist es schwer, Greta Thunbergs Mission sachlich zu betrachten. Falls man das überhaupt kann, Missionen fahren schließlich immer große Geschütze auf. Geschossen wird aus allen Emotionskanonen in einer Zeit, in der wichtige Debatten so aufgeladen geführt werden, in der Schwarz-Weiß- und Rot-Braun-Denken zu plattesten Polarisierungen führt, in der Projektionen so hemmungslos losgelassen werden. Von rechts, von links, die privat-pathologischen.

Vom Klima haben wir noch nicht mal gesprochen.

Ein Bild drängt sich mir auf: Justine, Hauptfigur in Melancholia von Lars von Trier, in einer Wiese liegend, in den Anblick des nächtlichen Himmels vertieft. Aus dem bald ein Himmelskörper auf die Erde zurasen und sie vernichten wird. So wie die als schwermütig geltende Justine es vorausgeahnt hat.

Wahrscheinlich auch eine Projektion.

Michèle Thoma
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