Theater

Jude Law was here, here, here, here!

d'Lëtzebuerger Land vom 30.06.2017

Zur Londoner Premiere von Ivo van Hoves Produktion Obsession im Barbican lieferte Janine Goedert bereits eine ausgewogene Kritik (d’Land, 5.5.2017). Anlässlich des vierfachen Auftritts am Luxemburger Grand Théâtre seien mit dem vorliegenden Beitrag einige weitere Beobachtungen erlaubt. Die Handlung, inspiriert von James Cains Roman The postman always rings twice (1934) und auf Luchino Viscontis neorealistischem Filmwerk Ossessione (1943) basierend, erzählt vom Eindringen des jungen Vagabunden Gino in die erkaltete Ehe des herrschsüchtigen Joseph und seiner jungen Frau Hanna (Halina Rijn). Sie verliebt sich in den attraktiven Lebenskünstler. So schaukeln sich beide hoch in einen leidenschaftlichen Trip, der im Mord am Ehemann (Gijs Scholten van Aschat) und in die anschließende Odyssee an Zwangsvorstellungen und Orientierungslosigkeit ausartet.

Die Ankündigung, dass Mega-Star Jude Law in der Rolle des Gino mit von der Partie sei, schien jede inhaltliche Debatte seit Monaten in den Schatten zu stellen. Aufgrund reger Nachfrage schaffte es das Theater, die Produktion des Barbican und der Amsterdam Toneelgroep gleich viermal zu verpflichten. Ein überdurchschnittlich junges Publikum bekichert Laws minutenlang zur Schau gestelltes Sixpack, Dutzende Smartphones blitzen am Vorstellungsende zwecks Starfoto auf. Selten nahm man eine vergleichbare Anzahl an Toilettengängen samt unvermeidlicher Störung der Nachbarplätze zur Kenntnis. „Dann dreem schéi vun em“, verabschieden sich zwei Freundinnen am Glacis in die Nacht. Ja, er war hier und nun ist er weg.

Dann war da noch Theater. Doch selbst van Hove fördert die oberflächliche Vorstellung des Starpotenzials samt Sex-Appeal bei diesem eigentlich brillanten Künstler Jude Law. Gigantische Close-Up-Videoprojektionen, rauschende Meereswogen, Tom Waits, Carmen und Springsteen, in Motorenöl getunkte Leichen, Sixpack-Duelle und splitternacktes Baden sorgen für die große Show. Diese über 100 Minuten genutzten Mittel könnten der Produktion durchaus die nötige Leidenschaft verpassen, die immerhin den Titel Obsession führt. Entgegen so manchem Verriss in der internationalen Presse sei hier unterstrichen, dass dieser Grad an Intensität in manchen Szenen auch tatsächlich erreicht wird. Davon kann aber in vollem Umfang nicht die Rede sein und so tun sich Längen auf.

Einem ersten Anschein nach scheint die Regie gemeinsam mit Videokünstler Tal Yarden, Bühnenbildner Jan Versweyveld und Tontechniker Eric Sleichim auf verstärkende Mittel des Filmes zurückzugreifen, ganz so, als habe sich die Bühnenausgabe nicht von ihrer Zelluloidversion emanzipiert. Das Gegenteil ist aber der Fall. Viscontis Vorlage ist stiller, näher am Menschen, die O-Ton-Stimmen nehmen im Zusammenspiel mit der Körpersprache Form an – mangels technischer Möglichkeiten, mag sein. Und hier, so eine vorsichtige Interpretation, führt die technisch überaus misslungene Mikrofonstimme der Darsteller als verkünstelndes Instrument zur so oft monierten Verfremdung bei van Hove. Wohlmöglich ist diese sterile Wiedergabe des nun einmal zentralen Werkzeugs jedes Darstellers der Grund, warum Obsession nicht etwa als ästhetisiertes Regietheater, sondern als steril unterkühlte Effekthascherei empfunden wird.

Wenn demnach Teile der popkulturell motivierten Zuschauer ein Ensemble betrachten, das in einem wenig leidenschaftlich anmutenden, aber pompösen Bühnenwerk mit aus dem Original verkürzten Dialogen überleben muss, kann von einem Erfolg nicht die Rede sein. Abstrahiert man jedoch von mancher Länge, der erbärmlichen Stimmenübertragung und erkennt man in Jude Law nicht den Popstar, sondern ein Ensemble als Künstler ihrer Zunft, dann lässt sich die deutliche Kritik an Ivo van Hoves Barbican-Produktion mehr als relativieren. Erst dann wird ein Blick auf das Wesentliche möglich.

Fehlende Rhythmik, sterile Mikrofone, gute Darsteller und eine Handvoll sinnstiftender Regieeinfälle erlauben mindestens eine durchschnittliche Arbeit. Großes Theater, nein, das war es nicht. Die vielerorts vernommenen Verrisse durch die britische Presse werden diesem Theaterabend jedoch ebenso wenig gerecht.

Obsession nach dem gleichnamigen Film von Luchino Visconti; eine Produktion des Barbican Theatre und der Toneelgroep Amsterdam; Regie: Ivo van Hove; Bühne und Licht: Jan Versweyveld; Dramaturgie: Jan Peter Gerrits; englische Übersetzung: Simon Stephens; Videotechnik von Tal Yarden; Musik und Ton von Eric Sleichim; keine weiteren Vorstellungen in Luxemburg.

Claude Reiles
© 2017 d’Lëtzebuerger Land