Zugkraft der Bahn

Histoire belsch

d'Lëtzebuerger Land vom 13.01.2011

Heute loben wir die Zugkraft der Bahn. Der öffentliche Transport soll ja im Prinzip das Bedürfnis nach Bewegung befriedigen. Allerdings hat die belgische Eisenbahngesellschaft SNCB jetzt eine grundlegende Frage aufgeworfen: Darf in einem Zug kopuliert werden? Jeder mit ein bisschen Menschenverstand ausgestattete Zugreisende würde zurückfra-gen: Warum nicht? Der Koitus ist ja nichts anderes als ein Bedürfnis nach intimer Bewegung. Er passt demnach rein technisch vorzüglich ins Bewegungsprogramm der Bahn. Es gibt bis dato keine verbindlichen Vor­schrif­­­ten, wo und wann sich Menschen mit amtlicher Erlaubnis paaren dürfen. Da ist die SNCB aber ganz anderer Meinung. Wer sich in einem Zug der primären Lust hingibt, macht sich strafbar. Ficken gefährdet die Verkehrssicherheit.

Das alles klingt nach einer typischen histoire belge, also einer jener merkwürdig surrealen Pointen, die wir gerne unseren Nachbarn andichten. Wir befinden uns hier jedoch mitten in der belgischen Realität anno 2011. Zwischen Mons und Brüssel hat Anfang Januar eine Schaffnerin ein Pärchen dingfest gemacht, das sich in einer Zugtoilette verschanzt hatte, um sich auf fundamental humane Art zu vergnügen. An der nächsten Haltestelle warf die Schaffnerin die beiden Lustkriminellen aus dem Zug. Da sie sich zunächst weigerten und immer wieder auf die Harm­losigkeit ihres „Vergehens“ hinwiesen, drohte die strenge Toilettenordnungshüterin mit dem Aufmarsch der Polizei. Das entsetzte Pärchen gab schließlich auf, und der Zug setzte seine Reise mit beträchtlicher Verspätung fort.

Soweit zu den Fakten. Man könnte über die Kapriolen einer überkandidelten Schaffnerin den Kopf schütteln, wäre da nicht die offizielle Stellungnahme der SNCB. Die Verantwortlichen der Bahn, also die Herrschaften, die in diesem mobilen Teil Belgiens das Sagen haben, halten den Geschlechtsakt in ihren Zügen für eine verbotene Tätigkeit. Jener Akt, dem diese Herrschaften immerhin ihre bare Existenz verdanken, sei ein „Verstoß gegen die guten Sitten“. Bestraft werden die Sexattentäter zudem wegen der Kollateralschäden ihres unmoralischen Auftretens: auch die Verspätung des Zuges wird ihnen angelastet. Wo sind wir hier? Wir sind in Belgien. Wir sind im Zentrum der europäischen Gemeinschaft.

In Belgien treibt ein katholischer Kirchenprimus sein Unwesen, der Aids allen Ernstes für eine Strafe Gottes hält. Sein Gott bestraft auf diese Weise den lockeren Lebenswandel der Ungläubigen. Herr Léonard, der Vorsitzende der belgischen Bischofskonferenz, reist bestimmt auch manchmal mit dem Zug. Wahrscheinlich muss er im Dunstkreis der SNCB Höllenängste ausstehen. Er glaubt ja nicht nur an die Dreifaltigkeit, sondern auch an die Einfältigkeit belgischer Sexualterroristen. Zumal bewiesen ist, dass kopulierende Pärchen die Züge zum Entgleisen bringen. Beim Koitus kommt es nämlich zu einem gewaltigen Rütteln und Schütteln, diesem hinterhältigen Angriff auf die Mechanik ist kein belgischer Zug gewachsen. Man sollte einmal die großen Zugkatastrophen der letzten Jahrzehnte näher unter die Lupe nehmen. Ganz sicher käme bei einer solchen Untersuchung heraus, dass in all den verunfallten Zügen – Gott sei’s geklagt – gemeingefährliche Kopulierer in den Toiletten randalierten.

Denkbar wäre auch, dass es in Belgien viele Zugschaffnerinnen gibt, die allergisch auf Sex reagieren. Es könnte also sein, dass der oberste Herr Bischof nur ein Mensch ist, der in seiner frühen Jugend einmal wegen ungesetzlichen Gebarens aus der Zugtoilette geflogen ist. Ein derart traumatisches Erlebnis kam zu schweren Schäden führen. In seinem späteren Leben glaubt der solcherart Bestrafte unter Umständen dauerhaft, Sex sei pures Teufelszeug und sogar Gott könne das Übel nur mehr mit Aids-Epidemien eindämmen.

Das Phänomen der sexfeindlichen Schaffnerinnen könnte übrigens auch erklären, wieso Belgien seit nunmehr sieben Monaten keine Regierung mehr hat. Nein, nein, wir möchten uns nicht über diesen Zustand beschweren. Ganz ohne Regierung geht es den Belgiern nicht schlechter und nicht besser als zuvor. Keine Regierung ist immer noch besser als eine Regierung, die ihrem Volk eine Armee mit zwei Oberbefehlshabern beschert. Oder die einen tiefkatholischen Amts­inhaber vorzuweisen hat, dem vom Staatsrat und von der Menschenrechtskommission vorgehalten wird, die Freiheit der Frauen mit Füßen zu treten. Auch wir hätten es verdient, einmal für längere Zeit vom Katholizismus in Form einer arroganten Regierung verschont zu bleiben. Die Belgier haben schließlich bewiesen, dass man sogar das riesige Europa ganz regierungslos führen kann.

Wir fragen uns lediglich, wieso die Belgier eigentlich keine Politik mehr zustande bringen. Vieles deutet darauf hin, dass wir es hier mit dem Schaffnerinnen-Syndrom zu tun haben. Vorsätzlich gestörter und kriminalisierter Geschlechtsverkehr führt nachweislich zu Verwirrung und Handlungsunfähigkeit. Wir plädieren daher dringend für belgische Zugabteile mit Matratzen und diskreten Verdunkelungen.

Guy Rewenig
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